Diskussion um den richtigen Lern-Ansatz

Intraactplus-Konzept: Eine Alternative zum Matheunterricht?

Viele Kinder haben schon in der Grundschule Schwierigkeiten mit Mathematik. Kein Wunder, sagen zwei Verhaltenstherapeuten: Die üblichen Aufgaben seien für die meisten Schüler zu schwer. Stattdessen plädieren sie für einen ziemlich altmodischen Ansatz: Grundfertigkeiten üben, üben, üben ...

Samstag, 9 Uhr, in einem Seminarraum in München vor Corona-Zeiten: 18 Erwachsene – Eltern, Lehrer, Ergotherapeuten – opfern ihr Wochenende, um zu lernen, wie man Grundschulkindern das Rechnen beibringt. Nötig ist das offenbar: 65 Prozent der Schüler in Deutschland haben laut einer Befragung der Universität Koblenz-Landau Schwierigkeiten mit Algebra, Geometrie, Stochastik und Co. Mathematik zählt in Deutschland zu den Top-drei-Fächern, die bei Schülern für eine Nichtversetzung beziehungsweise einen Schulwechsel auf ­einen niedrigeren Schultyp verantwortlich sind. Mathe ist zudem das Schulfach, in dem am meisten ­außerschulische Unterstützung nachgefragt wird. Arbeitgeber klagen häufig, ihre Auszubildenden würden kaum noch die Grundbegriffe des ­Rechnens beherrschen.

Was ist da los? Genug Unterricht müssten Kinder bekommen, bis zu einem Viertel der Stundentafel ist in der Grundschule für das Fach reserviert. Sind unsere Kinder also zu dumm oder zu faul? Oder liegt es an mangelhaftem Unterricht, an schlechten Büchern, an der Lernmethode?

Manche Experten glauben genau Letzteres. ­Ihnen zufolge berücksichtigen die Lehrpläne der Länder zu wenig, dass für manche Lerninhalte ein bestimmtes Abstraktionsvermögen nötig ist, welches vielen Kindern in dem Alter noch fehlt. Für sie seien die Aufgabenstellungen also oft viel zu schwer. Stimmt dieser Vorwurf, wären die Konsequenzen fatal, schließlich ist der Lernstoff in Mathematik hierarchisch aufgebaut. Wenn Schüler sich das Basiswissen nicht richtig aneignen, können sie später die komplexer werdenden Inhalte immer schwerer einordnen und begreifen. Die Probleme werden von Jahr zu Jahr größer.

Die Aufgaben in Mathebüchern sind für viele zu schwer

Die Teilnehmer des Seminars in München sehen die Folgen des Matheproblems täglich und lauschen deshalb jetzt einer Frau, von der sie eine Lösung erhoffen: Uta Streit. Die Verhaltenstherapeutin und Lernexpertin gehört zu den Kritikern des aktuellen Mathematikunterrichts und hat mit ihrem Kollegen Fritz Jansen komplett neues Lernmate­rial für ­Erstklässler entwickelt. Sie zeigt den Seminarteilnehmern Seiten aus gängigen Mathebüchern: "Hübsch aufgemacht, sehr bunt mit vielen krea­tiven Aufgabenstellungen und doch: alles andere als kindgerecht."

Einer ihrer Hauptkritikpunkte: Um Grundfertigkeiten wie zum Beispiel das Addieren zu üben, werden Erstklässlern bereits sehr früh Denkaufgaben wie etwa 1 + ? = 8 gestellt. Streit und ihr Kollege Jansen finden das grundfalsch. Sie sind überzeugt, dass alle Kinder gerne Rechnen lernen, falls sie die richtigen Aufgaben bekommen: Aufgaben, die sie als angenehm und leicht empfinden, weil die Schwierigkeitssprünge an allen Stellen möglichst klein sind. Aufgaben, bei denen die Kinder kaum Fehler machen. "Erfolg", sagt Uta Streit, "ist der größte Motivator." Mit dem Material der beiden Verhaltenstherapeuten üben Rechenanfänger deshalb erst einmal nur die einfachen Grundlagen wie 1 + 7 = 8.

Um ihr Vorgehen zu begründen, präsentiert Seminarleiterin Streit Ergebnisse einer Studie, derzufolge fast 90 Prozent der guten Rechner einer Klasse die ihnen gestellten Aufgaben aus dem Langzeitgedächtnis abrufen. Die guten Rechner kennen also die Lösung der Aufgabe, ohne rechnen zu müssen. Das bietet ihnen einen großen Vorteil: Was einem das Langzeitgedächtnis blitzschnell serviert, muss vorn im präfrontalen Kortex, unserem Arbeitsgedächtnis, nicht erst mühsam ausgerechnet werden.

Unsere Expertin

Uta Streit ist Verhaltenstherapeutin und Lernexpertin. Sie hat mit ihrem Kollegen Fritz Jansen komplett neues Lernmaterial für Erstklässler entwickelt : "Mathe lernen".

"Die aktuellen Schulbücher verlangen den Kindern ein Denken ab, zu dem den allermeisten die nötigen Voraussetzungen fehlen."

Rechnen lernen durch Auswendiglernen

Ohne Arbeitsgedächtnis, so lehren es die Neurowissenschaften, ist mathematisches Denken nicht möglich. Doch leider hat das Arbeitsgedächtnis nur begrenzte Kapazitäten. Ist es überlastet, bricht der gesamte Denkprozess zusammen. Wer schlau werden will, ist demnach gut beraten, sein Arbeits­gedächtnis nicht mit Dingen zu beschäftigen, die besser im Langzeitgedächtnis aufgehoben wären – und dazu gehören Aufgaben wie 8 + 5 = 13.

Allerdings sind die Methoden extrem unpopulär, anhand derer der präfrontale Kortex entlastet werden kann: Wiederholen, Üben, Auswendiglernen. Die Begriffe stehen für eine Didaktik von vorgestern. Seit Längerem angesagt ist dagegen das Verstehen. In Grundschulen ist es heute üblich, Kindern etwa den Prozess des Addierens vor allem zu erklären, damit sie die Lösung einer Aufgabe errechnen können. Das früher übliche langwierige Üben fällt weg, bei den Aufgaben ist Vielfalt statt Wiederholung gefragt.

Dass Verstehen und Üben allerdings gleich wichtig sind, zeigt ein Beispiel aus dem Alltag. Wer Fahrstunden nimmt, muss verstehen, wie das geht: Kupplung treten, Gang einlegen, Kupplung kommen lassen, Gas geben. Haben Fahranfänger das begriffen, können sie Auto fahren – theoretisch. Praktisch müssen sie sich zunächst bei jedem Schritt konzen­trieren und überlegen, ob es wirklich richtig ist, was sie da gerade machen. Der geübte Autofahrer dagegen fährt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Er kann sich beim Fahren unterhalten, das Navi bedienen, die Landschaft wahrnehmen und vor allem auf das übrige Verkehrsgeschehen achten. Er erledigt die grundlegenden Dinge, die nötig sind, um einen Wagen zu steuern, ganz automatisch.

"Auch in der Schule gibt erst das Üben die ­nötige Sicherheit, die den Kopf, genauer den präfrontalen Kortex, frei macht, um mathematisch denken zu lernen", sagt Streit. "Leider verlangen die aktuellen Schulbücher den Kindern aber ein Denken ab, zu dem den allermeisten die nötigen Voraussetzungen fehlen." 

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Intraactplus – was ist das?

Eine erste Klasse ist keine homogene Gruppe. Da sitzen Kinder, die enorm viel mitbringen, neben anderen, die sich enorm schwertun. Es sind sehr wahrscheinlich Kinder mit Wahrnehmungsstörungen wie ADS oder ADHS dabei, außerdem Kinder mit Migrationshintergrund, die vielleicht schon mit dem sprachlichen Verständnis Schwierigkeiten haben. Eine Grundschullehrerin erzählt an diesem Vormittag, dass immer weniger Erstklässler einen Stift richtig halten können. Die Seminarteilnehmer stimmen Streit jedenfalls zu: Für all jene Kinder, die noch mit den Grundfertigkeiten kämpfen – dem Schreiben der Zahlen, mit dem Zählen, mit dem Addieren und Subtrahieren –, sind die aktuellen Mathebücher viel zu schwer.

Erstaunlich simpel sind dagegen die Aufgaben im Lernmaterial "Mathe lernen" von Uta Streit und ihrem Kollegen Fritz Jansen. Sicheres Abzählen wird mithilfe von Lernkärtchen in zunehmender Schwierigkeit trainiert: geordnete Punkte zählen, geordnete Gegenstände zählen, ungeordnete Punkte zählen, ungeordnete Gegenstände zählen. Auf dem ersten Arbeitsblatt zum Thema Zahlen steht 17-mal die Zahl 1 unterbrochen von farbigen Feldern, die das Erkennen und Benennen der Ziffer im Gedächtnis verankern sollen. 

Ein Kind legt zunächst eine Schablone so auf das Blatt, dass nur das erste Feld zu sehen ist. Nun muss es die jeweilige Farbe beziehungsweise die Zahl benennen, bevor es die Schablone weiterschiebt. Die Seite wird so oft geübt, bis alle Fenster flüssig und richtig benannt werden können. Auch anspruchsvollere Rechenaufgaben werden später anhand von Arbeitsblättern und Schablonen trainiert. Der Schüler fixiert mit der Schablone eine Aufgabe und deckt die Lösung mit der Hand ab. Kommt ein Kind nicht auf die Lösung oder will es sein Ergebnis kontrollieren, braucht es nur die Hand zu heben.

Mit ihrem Material, so behaupten die ­Autoren, könnten sowohl Normal- als auch Hochbegabte Rechnen lernen, ganz besonders aber profitierten Kinder mit Förderbedarf und Dyskalkulie. "Sind die Anfänge in der ersten Klasse erst mal richtig gemacht, gibt es später weniger Stress, Widerstände und Lernbelastung", verspricht Uta Streit.

Unser Experte

Fritz Jansen hat zusammen mit Uta Streit das Buch "Mathe lernen" geschrieben.


17-mal die Zahl 1, unterbrochen von farbigen Feldern: Das Lernmaterial von Fritz Jansen und Uta Streit fängt erstaunlich simpel an.

Der Ansatz ist schlüssig – aber auch praktikabel?

Mit Widerständen haben Streit und Jansen jedenfalls Erfahrung: Schon 2007 veröffentlichten sie zusammen mit einer weiteren Kollegin ungewöhnliches Lernmaterial zu einem anderen schulischen Problemthema: "Lesen und Rechtschreiben lernen" hieß es. Kritiker nannten das Material damals "eindimensional" oder stuften es gar als "gefährlich" ein. Trotz vieler begeisterter Nutzer hat sich die ­Methode nicht durchgesetzt, sie wird unter Förderlehrern eher als Geheimtipp gehandelt. Ob ihre Idee ­tatsächlich für den beiden Einsatz in Grundschulen geeignet ist, haben Streit und Jansen daher nie belegen können.

Ein ähnliches Schicksal droht vermutlich auch "Mathe lernen" – zu weit weg ist das Programm vom didaktischen Mainstream, zu unpopulär das ständige Üben und Wiederholen. "Das wäre schade", sagt eine Ergotherapeutin in der Pause. "Ich habe bereits angefangen, mit dem Material ein Mathe-Problemkind zu trainieren: Es lernt mit Leichtigkeit und Freude."

Das kann ich im Schlaf

Etwas zu wissen, ohne zu überlegen – Experten sprechen von Automatisierung –, ist die Folge von Übungen in Teilschritten. Dabei sind laut Expertin Uta Streit vor allem zwei Dinge zu beachten: Erstens muss ein Reiz (8 + 3 =) immer von der gleichen Antwort (11) begleitet werden. Und zweitens fordert das Gehirn eine hohe Anzahl von Wiederholungen, damit etwas überhaupt im Langzeitspeicher abgelegt wird. Erst wenn ein Erstklässler die Aufgabe 8 + 3 viele Hundert Male richtig erkannt hat, kommt es zu Automatisierung, und er muss keinerlei Mühe mehr darauf verwenden, das Ergebnis korrekt zu benennen.

Unser Buchtipp:

"Mathe lernen" von Uta Streit und Fritz Jansen.
Springer-Verlag 2020
29,99 Euro 
Information und Lernvideos zu "Mathe lernen" unter www.intraactplus.de

Autorin: Claudia Jacobs

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