Unterricht zu zweit

Mein Lehrer und ich

Der achtjährige Ulises Muñoz geht in Chile zur Schule. Was außergewöhnlich ist: Er ist der einzige Schüler. Seinen Lehrer und das Spielzeug hat er ganz für sich allein – aber leider niemanden zum Spielen Wie klappt Unterricht zu zweit?

Ulises Muñoz ist alles in einem: Schul- und Klassensprecher, Herr über die Spielzeug­eisenbahn, die Tischtennisplatte und die Bibliothek. Es ist neun Uhr morgens, und die letzten Nebelwolken hängen in den umliegenden Bergen fest. Vor dem braunbeigeweiß gestrichenen Holzhaus der Escuela G-701 in Piedras Blancas taucht jetzt eine Silhouette auf. Der schmächtige Junge trägt eine blaue Schuluniform, die Füße stecken in weiß-blauen Turnschuhen. An der Schule angekommen, stellt er die Schuhe in die Ecke und schlüpft in braune Trekkingtreter. Dann geht Ulises ein Dutzend Schritte und steht im gut 150 Quadratmeter großen Klassenzimmer. Sieben Stühle stehen dort, ein Holzofen, vier Neonröhren strahlen von der Decke. Alles nur für ihn und seinen Lehrer Carlos Neira, 63. 

Lächelnd geht der zu seinem Eleven und gibt ihm die Hand. "Ich habe auf dich gewartet. Wo warst du so lange?", fragt der Junge. "Ich war krank", sagt Carlos und schiebt sein linkes Hosenbein nach oben. Auf der Haut klebt ein weißes Pflaster. Diabetes, die Wunde will sich nicht schließen. "Ich habe dich vermisst", sagt Ulises, und drei Tränen rinnen ihm über die Wange. Lehrer Neira macht verlegen ein paar Scherze und schlägt das Schulbuch auf Seite 99 auf. 

Heute steht Mathematik auf dem Lehrplan, geometrische Figuren. Der Achtjährige nimmt sich dazu einen Holzklotz in Form eines Rechtecks aus dem Regal. Dann stellt er sich vor Carlos und zählt laut die Seitenflächen. Und der sagt: "Zeig mir, wo es die Figur im Klassenzimmer gibt.“ Der Junge wetzt los und holt sich das passende Pendant. Dann verfliegt sich ein Kolibri und landet im Schulraum. Nach zehn Minuten bekommt ihn der Lehrer endlich an der Glasscheibe zu fassen und entlässt ihn sacht durchs offene Fenster in die Freiheit. 

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Für den Zögling beginnt der Schultag um neun Uhr, um 16.30 Uhr darf er nach Hause. Nur am Freitag ist um 15 Uhr Schluss. Drei Pausen unterbrechen die Stunden. Auf dem Stundenplan stehen Mathematik, Spanisch, Naturwissenschaften, Geschichte, Geografie, Englisch und Technologie. Immer an den Nachmittagen wird es mit den Workshops zu Kino, Theater und Naturwissenschaften praktisch. Dann geht es nach draußen, ausprobieren, was in der Theorie gelernt wurde.  In der Schule gibt es auch die Köchin Maria. Die Mittfünfzigerin kümmert sich seit 17 Jahren um die Verpflegung. "Die Arbeit ist sehr schön, aber es ist schwierig, hier zu leben", sagt sie und zupft verlegen an ihrer weißen Arbeitsjoppe. Denn die Schule liegt sehr abgelegen, fast auf einem Bergrücken. Lehrer Carlos braucht von seinem Wohnhaus an der Küste mit dem Pkw zwei Stunden – wenn die Piste trocken ist. Doch meistens regnet es. Dann wird der rotbraune Lehm zur Rutschbahn. "Ich hatte schon drei Unfälle", erzählt der Lehrer. "Mir ist nie etwas passiert." Nur die Autos waren Schrott. Immer montags gegen 5.30 Uhr klemmt er sich in seinen neuen, grauen Geländewagen. Dem haben ihm seine beiden Söhne geschenkt. Die Fahrt beginnt im Örtchen Queule und führt ihn über die Straßen S-790 und S-826 und am Weiler Boroa Sur vorbei. Immer an Bord: die CDs von Latinosänger Marco Antonio Solis. Erst am Freitag um 21.30 Uhr kehrt Neira seiner Schule wieder den Rücken. Dann ist der Weg fast frei, und ihm kommen keine Schwerlaster entgegen. Ist das doch der Fall, legt er den Rückwärtsgang ein, um Platz für den gefährlichen Gegenverkehr zu machen. 

Während der Woche lebt Carlos Neira, der seit 37 Jahren Kinder unterrichtet und zuvor sein Studium absolvierte, in einer kleinen Butze direkt neben der Schule. Denn: "Ich kann nicht jeden Tag so viele Stunden unterwegs sein." So sieht er seine Frau nur am Wochenende. Der Lehrer hat noch wenige Jahre bis zur Rente, monatlich bekommt er für seine Arbeit etwa 1000 Euro. Seinen Antrieb beschreibt der engagierte Pädagoge so: "Ich liebe es, Kinder zu unterrichten. Sie sind die Zukunft."

Im Musikunterricht nach der Mittagspause spielt Carlos für seinen Schüler auf dem Xylofon. "Do, re, mi, fa, sol“ erklingt, und er fragt: "Welche Noten sind das?“ Ulises kennt die Antwort und beantwortet alle Fragen wie von selbst, ganz so, als ob die beiden das schon ewig übten. Das ungleiche Paar wirkt ungleich vertraut. "Er ist ein sehr intelligenter, ruhiger, respektvoller und höflicher Schüler“, sagt Carlos über den wohl letzten Alumni seiner Laufbahn. "Er klopft sogar an die Tür, wenn er eintreten will. Das schätze ich sehr." Die engen Bande zeigen sich im Detail. Jetzt soll Ulises etwas notieren, und der stämmige Mann reicht dem Bub einen Strohhalm. Der ruft: "Das ist doch kein Bleistift“, und beide lachen. Es ist ein Geben, ein Nehmen, fast so, als ob der eine immer weiß, was der andere gerade denkt. 

Heute ist ein guter Tag in Piedras Blancas, denn die Sonne strahlt. Das ist im Süden Chiles selten, es regnet sehr oft. "Dann müssen wir drinnen arbeiten", sagt Carlos. Oder zur Abwechslung mit der schwarzen Plastikeisenbahn spielen. Die ist fix auf dem Holzboden aufgebaut, der immer knirscht, wenn Carlos zu heftig darauftritt. Was es zu lernen gilt, steht im Lehrplan, doch "der Unterricht darf nicht so strukturiert sein, es muss dem Jungen auch Freude bereiten. Ich plane das Schuljahr genau, aber was wir nicht schaffen, lernen wir im nächsten Jahr.“ 

Chile spricht in seinem "Plan Nacional de Educación 2020“ Klartext. Darin heißt es: "Die chilenische Bildung lebt im Absurden. Sie ist irrational und stagniert.“ Es sind Bürger wie Carlos Neira, die sich dem mit ihrem unerschütterlichen Enthusiasmus entgegenstellen. Während Neira gegen den Diabetes ankämpfte, unterrichtete für ihn als Vertretungslehrer David Otoniel Godoy Riquelme. Der 27-Jährige freute sich über die Arbeit im Hochland. Dort fand er die Ruhe, um seinen Science-Fiction-Roman zu beenden. "Die 30 Tage halfen mir auch abzuschalten“, sagt er. Das ist wörtlich gemeint, denn in der Schule gibt es kein Internet, keine Telefonverbindung, und der Handyempfang ist lausig. Nur wer sich mit dem Smartphone ans Ende der Wiese stellt, kann mit dem Signal Glück haben. Immerhin ist die Schule über Funk zu erreichen. 

In Chile gibt es 74 weitere Klassen wie die von Ulises. GF-701 liegt in der Kommune Toltén, Region Araukanien. Maritza Sandoval ist in der Kleinstadt für die Bildung zuständig und sagt: "Zwei unserer zwölf Schulen werden nur von je einem Schüler besucht.“ Und weiter: "Hier gibt es keine Industrie, und im Winter passiert fünf Monate lang nichts." Und ohne die staatlichen Mittel des Programms "Piso rural" (auf Deutsch: ländlicher Boden) gäbe es die Schule längst nicht mehr. Jene Subvention extrem abgelegener Schulen geht auf den Ex-Präsidenten Ricardo Lagos Escobar zurück. 

Um 16.30 Uhr macht sich der Drittklässler mit seinem hellbraunen Rucksack auf den Heimweg, gleich hinter der Schule beginnt der Pfad. Der Junge kommt nicht weit, die leuchtend roten Murta-Früchte an den Sträuchern haben es ihm angetan. Die rechte Hand zieht er über die Zweige und stopft sich die süßen Beeren in den Mund. Dann geht er langsam weiter, stapft den Berg hinauf. Am Wegesrand blühen die roten Nationalblumen, "copihue" genannt, daneben stehen riesige Kastanien und Zypressen. Und alles duftet nach Eukalyptusbäumen. Gut 30 Minuten Fußweg sind es bis zum Elternhaus. Früher war er allein unterwegs, doch seit ein paar Monaten begleiten ihn die Mama und Carlos im Wechsel. Grund dafür: "Bis vor ein paar Jahren lebten hier keine Pumas, doch nun gibt es viele Großkatzen", erzählt Carlos später. Die Tiere, in Südamerika auch Berglöwen genannt, sind scheu, doch ausgerechnet die chilenische Großkatze genießt einen eher zweifelhaften Ruf. Und bei einem kleinen Jungen wisse man nie. Denn die bis zu 80 Kilogramm schweren Tiere springen aus dem Stand maximal fünf Meter hoch. 
Auf der Bergkuppe angekommen rennt Ulises so schnell los, dass ihm fast die Basecap vom Kopf fliegt. Am Elternhaus bellen die Hunde Poquito und Jary, und grunzend laufen ein paar Schweine vorbei. Die Mutter steht in der Haustür, und der Sohn fliegt ihr in die Arme. "Hola, mi niño", ruft sie. In der kleinen Stube ist es dunkel, es riecht nach Milch. Es gibt einen Kühlschrank und einen kleinen Röhrenfernseher. Aber dafür hat Ulises nichts übrig. Er freut sich auf das, was auf dem Küchentisch liegt. Ein "Kioto"-Tablet. Darauf spielt er jetzt sein Lieblingsspiel "Hungry Shark". Die Mama ist Hausfrau, und der Vater schlägt im Wald Holz. "Früher wohnten hier noch andere Familien, aber es gibt kaum Arbeit, und das Einkommen ist gering. Deswegen sind alle ins Tal gezogen", sagt sie. Bis vor einem Jahr war ihr Sohn nicht der einzige Schüler. Doch alle ehemaligen Kameraden besuchen jetzt weiterführende Schulen. Zum Abschied schaut der Junge von seinem Tablet auf und sagt: "Ich hätte gerne jemanden zum Spielen."

Das Schulsystem in Chile

In Chile herrscht Schulpflicht und das Bildungswesen lässt sich in Vorschul-, Grund-, Mittel- und Hochschulbildung unterteilen. Alle Kinder sind verpflichtet, die Grundschule oder "Enseñanza básica" zu besuchen, wo sie für acht Jahre bleiben. Nach dieser Zeit geht es bis zum 18. Lebensjahr auf der "Enseñanza media" weiter. Für die Grundschulzeit ist die Kommune zuständig und die ist meist unterfinanziert. Das Geld fließt pro Schüler direkt vom Staat an die Kommune. In den staatlichen Lehranstalten trägt der Staat bis zu 90 Prozent der Kosten. Wollen die Eltern für den Nachwuchs eine bessere Bildung, wird das sehr teuer. Übrigens: Der chilenische Mindestlohn beträgt nur etwa 350 Euro monatlich.

Autor: Matthias Lauerer

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