Lehrer Florian Nuxoll verspricht

"Wir werden auffangen, was Eltern gerade nicht schaffen"

Diese Woche lief in Hamburg die erste große "Leben & erziehen"-Webkonferenz. Drei Experten beantworteten uns und euch Fragen rund um das Thema Homeschooling, machten vielen Eltern Mut – und gaben einen Ausblick, wie Schule nach Corona aussehen könnte.

Es war einer der ersten Tage, an dem sich unsere Redaktion am Rande der Hamburger Hafencity wieder nach ein bisschen Leben anfühlte: Wochenlang hatten auch wir im Rahmen des Lockdowns von zu Hause gearbeitet. An diesem ersten Mittwoch im Mai aber erweckten wir das Büro mit einem neuen Format aus dem Corona-Schlaf: Unsere erste "Leben & erziehen"-Webkonferenz organisierten wir – natürlich mit Abstand – erstmals wieder von unseren Büro-Schreibtischen aus.

Eingeladen hatten wir drei Experten, die aus ganz Deutschland zugeschaltet waren: Lehrer und Lehrer-Trainer Florian Nuxoll aus Tübingen, Dr. Stephan Kyas vom Schulbuchverlag Westermann in Braunschweig und Rolf Kosakowski, der in Hamburg eine Agentur für Kinder- und Familienmarketing leitet.

Mehr als 60 Teilnehmer hatten sich registriert, stellten während der 60-minütigen Veranstaltung rund 20 Fragen. Wir haben euch eine Auslese zusammengestellt.

Viele Eltern verzweifeln am digitalen Überangebot: Hier noch ein neues Tool, da noch eine Plattform. Wie ist dieses Problem langfristig lösbar? 

Florian Nuxoll: Am Anfang war das Chaos tatsächlich groß, aber unvermeidbar, wir Lehrer mussten uns ja auch erst mal orientieren. Jetzt sind wir an der Reihe, das besser abzusprechen, und es hinzukriegen, dass im ersten Schritt wenigstens in einer Klasse dieselben Wege genutzt werden, im zweiten ganze Schulen, im dritten Gemeinden und Kreise. Langfristig sollte die Politik eingreifen: Ein zentraler Login für alle Tools würde Sinn machen, und könnte auch Datenschutzprobleme lösen. 

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Was ist mit den Kindern, deren Eltern keinen Computer haben? 

Florian Nuxoll: Wir versuchen, die Angebote so zu gestalten, dass sie zur Not auch mittels Smartphone funktionieren – denn das ist ja inzwischen in nahezu jedem Haushalt vorhanden. Glücklicherweise gibt es lokal viele Angebote für Familien aus sozial schwachen Verhältnissen. Mittelfristig ist auch da wieder die Politik gefragt, darüber nachzudenken, wie man jedem Schüler auch zu Hause das digitale Arbeiten ermöglicht.

Wie ist die Stimmung derzeit in den Familien?

Rolf Kosakowski: Wir haben mit unserem Marktforschungstool FACT seit Beginn des Lockdowns wöchentlich Kinder und Eltern u. a. nach ihrer Meinung zur persönlichen Bedrohung, zu den getroffenen Maßnahmen und zu Schule befragt. Wesentliche Überraschung bei den Ergebnissen: Die Schule fehlt den Kindern zunehmend! Schule ist eben nicht nur ein Lernort, sondern auch ein ganz wichtiges soziales Umfeld für Kinder. Zu Beginn der Maßnahmen wurde die Schließung der Schulen von der Mehrheit der befragten Kinder positiv bewertet, mehr als jedes dritte freute sich "sehr" oder "ziemlich" (38 Prozent). Inzwischen ist bei dieser Frage ein deutlicher Rückgang von über zehn Prozent zu verzeichnen. Die Zahl der Kinder, die "gar nicht" einverstanden sind mit der Maßnahme, hat sich über die Wochen von 24 Prozent auf 34 Prozent erhöht. Von Beginn an waren Mädchen besonders unglücklich mit der Situation.

Was bleibt auch nach Corona von der plötzlichen Zwangsdigitalisierung des Unterrichts übrig?

Stephan Kyas: Ich hoffe, dass wir wegkommen vom PDF-Unterricht, den viele Lehrer gerade betreiben: Sie verschicken einfach per E-Mail Stoff ohne Ende, da ist dann aber leider nur der Weg der Verbreitung digital. Wünschenswert wäre eine Art "blended learning": Die Präsenzphasen im Unterricht sind und bleiben wichtig, der Erklärbär hat noch immer nicht ausgedient, manche Dinge können sich Kinder schlicht nicht alleine erschließen. Aber wenn sie durch digitale Medien ergänzt werden, die niveau- und inhaltsdifferenziert sind, dann ist das nicht nur für Schüler eine Bereicherung, sondern auch für Lehrer: Die Kinder lernen in ihrem Tempo, können einüben und vertiefen – und für die Lehrer entfällt zum Beispiel die lästige und immer wiederkehrende Korrekturarbeit. 

Neben all den Produkten, die schon auf dem Markt sind: Welche neuen digitalen Konzepte wären für die Schule der Zukunft sinnvoll?

Rolf Kosakowski: Was einfach zu integrieren wäre, ist Audio. Wir haben gerade erst eine Podcast-App für Kinder gelauncht ("Hearooz", Anmerkung der Redaktion), die kindersicher und werbefrei ist – und da gibt es schon jetzt erstaunlich viele Wissensformate und Audio-Inhalte von Lehrern. Audio ist leichter zu produzieren als Video, entlastet Eltern enorm, weil sie nicht alles vorlesen und erklären müssen. Außerdem kann man mit Audio gedanklich so gut reisen – das kann die Kreativität der Kinder zusätzlich ankurbeln. 

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Wieso macht es Sinn, den kostenlosen Content bei "YouTube" und Co. links liegen zu lassen und eher auf Lernplattformen von großen Verlagen zu setzen?

Stephan Kyas: Vor allem deshalb, weil die Kinder nicht mit zwei Klicks bei nicht für ihre Altersstufe geeigneten Inhalten landen. Geschlossene Systeme sind sicherer und wissenschaftlich oft natürlich viel fundierter. Bei Westermann verfolgen wir nicht das Geschäftsmodell: kostenlose Produkte, dafür werbefinanziert – weil Werbung vom Lernen ablenkt. Wenn man aber bedenkt, was etwa private Präsenznachhilfe kostet, sind unsere Angebote erheblich günstiger. Unsere Produkte bieten auch Lernmanagement-Funktionen, wie zum Beispiel Klassenarbeitstrainings oder Lernkalender. Damit können Eltern ihre Kinder beim Lernen zu Hause begleiten und die Schüler lernen, sich selbst besser zu organisieren. Solche Funktionen fehlen bei "YouTube" und Co.

Was ist der größte Eltern-Fehler beim Homeschooling? 

Florian Nuxoll: Ich glaube, wir müssen mit aller Kraft versuchen, nicht zu viele Frusterlebnisse entstehen zu lassen. Im Zweifelsfalle priorisieren, die Hauptfächer vorziehen und den Stoff lernen, auf den im nächsten Jahr aufgebaut wird, also Mathe, Deutsch, Fremdsprachen. Natürlich sind auch die Nebenfächer wichtig, aber da ist es weniger schlimm, wenn einzelne Themen mal unter den Tisch fallen. Das Gute ist: Wir Lehrer werden einiges wieder auffangen können, was Eltern zu Hause schlicht nicht schaffen. Vielleicht beruhigt das ja einige.

Seht hier die komplette Webkonferenz:

Welche Themen wünscht ihr euch als Nächstes?

Die Webkonferenz zum Thema Homeschooling war unsere erste Veranstaltung dieser Art – aber sicher nicht die letzte! Wir planen schon fleißig die nächsten Runden, und freuen uns, wenn ihr uns eure Ideen schickt: Was für Inhalte interessieren euch? Welche Experten hättet ihr gern dabei? Wie können wir noch besser werden? Schreibt uns gern an: konferenz@junior-medien.de

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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