Kommentar einer Lehrerin

Zensuren abschaffen: "Noten sind nicht gerecht!"

Die Schulen waren geschlossen und Noten plötzlich nicht mehr das Wichtigste. Eine gute Gelegenheit, das Konzept grundsätzlich zu überdenken, findet Leserautorin Kirsten Mayr. Sie unterrichtet an einer Mittel­schule in Südtirol und ist überzeugt: Zensuren stellen nur eine Rangordnung her – und verleiten Schüler zur Mittelmäßigkeit.

Sind Noten nötig?

Diesen Sommer stehen die Schulzeugnisse fast überall unter Corona-Vorbehalt. Eine vernünftige Notenbewertung der Schülerleistungen ist zumindest für das zweite Halbjahr unmöglich. Zu unterschiedlich sind die Umstände, unter denen die Schülerinnen und Schüler gearbeitet haben, zu schwer ist es für die Lehrkräfte, deren tatsächliche Leistung im Rahmen ­einer Notenskala zu beurteilen. Aber einmal ehrlich: Ist das sonst wirklich anders Zensuren sollen objektive Instrumente sein, mit ­denen man Leistungsniveaus auf gerechte Weise sichtbar und vergleichbar machen kann. Aber was bedeutet Gerechtigkeit überhaupt in diesem Zusammenhang? Als gerecht gilt, dass alle Schülerinnen und Schüler dieselben Aufgaben und Lernzielkontrollen unter den­selben Bedingungen (Zeit, Raum, Schwierigkeitsgrad) bekommen. Das klingt auf den ersten Blick plausibel. Doch Gleichheit bedeutet nicht immer Gerechtigkeit.

Nur Gleiches lässt sich gerecht vergleichen

Damit Prüfungen tatsächlich vergleichbar und Noten gerecht sind, müssten alle Schüler auch über dieselben Ausgangsbedingungen verfügen. Alle müssten dieselben kognitiven Kompetenzen haben, dieselben Lese- und Rechtschreibfähigkeiten und denselben sozialen Hintergrund. Das ist jedoch nie der Fall! Alle Menschen sind unterschiedlich und haben ihre eigenen Stärken und Schwächen, ihre Fähigkeiten und Neigungen. Genau das macht jeden Menschen einzigartig und wertvoll. Während dem einen Mathematik besonders liegt, ist der andere der Kunst besonders zugetan. Oft kann eine Lehrperson bereits vor einem Test sagen, welche Schüler aufgrund ihrer Fähigkeiten gut abschneiden werden und welche weniger. Wie kann ich als Lehrerin also gerecht vergleichen, wenn die Ausgangsbedingungen meiner Schüler schon so unterschiedlich sind?

Schule sollte dem Menschen dienen

Anstatt Menschen zu vergleichen, sollte es in der Schule doch darum gehen, jedem einzelnen Kind ­dieselben Chancen zu geben und es mit dem bestmöglichen Rüstzeug auszustatten, damit es seine Zukunft nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Schu­lische Erziehung muss dem Menschen und der Gesellschaft dienen. Sie ist dafür da, fähige, reife und geerdete Menschen hervorzubringen. Darum dürfen Schüler sich in der Schule ausprobieren, dabei Fehler machen und daran wachsen. Schüler sollen in der Schule Fähigkeiten entwickeln, die sie dafür rüsten, ihren Beitrag in der Gesellschaft zu leisten. Die Schüler von heute sind die Erwachsenen von morgen, sie stoßen die Forschungen und Entwicklungen von übermorgen an. Dafür brauchen sie Teamgeist, Neugier, Motivation und Engagement. Sie müssen Planungsstrategien kennen und flexibel sein. 

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Eine Drei sagt letztlich wenig aus

Zensuren tragen dazu aber nichts bei. Am Ende dienen sie nur dazu, eine Rangordnung innerhalb der Klasse zu erstellen. Außerhalb der Klasse, bereits auf Schulebene, wäre die Rangordnung wieder eine andere. Wozu also brauchen wir eigentlich Vergleiche? Was sagt eine Zifferbewertung über einen Schüler aus? Welchen Vorteil bringt ein Vergleich von Leistung für die zukünftige Gesellschaft? Von zwei Schülern, welche eine Drei bekommen haben, hat der eine vielleicht Einsatz und Motivation gezeigt, um in einem für ihn schwierigen Fach den Anschluss zu halten. Der andere dagegen hat sich möglicherweise aus Faulheit eine für ihn einfache Eins verpatzt. Eine Note sagt nichts darüber aus, wie gut eine Leistung für die einzelne Schülerin oder den Schüler war. 

Wie ungerecht das ist, sehen wir im Moment überdeutlich. Im Fernunterricht werden von den Schülern plötzlich ganz andere Kompetenzen verlangt. Kinder, die zwar gut lernen, aber sich schlecht organisieren oder alleine zu Hause motivieren können, schneiden jetzt viel schlechter ab – und umgekehrt. 

So ist ein bisheriger Einserschüler von mir, der leider mit der Technik nichts am Hut hat, überfordert und sucht ständig Kontakt zu mir. Währenddessen wird der unruhige Schüler, der in der Klasse kaum länger leise sitzen kann, plötzlich zum Musterschüler, meldet sich regelmäßig pünktlich zur Video­konferenz und macht auch seine Hausaufgaben – die kommen dann zwar gegen 21 Uhr in meinem Postfach an, aber vielleicht ist das einfach die Zeit, zu der er besser lernen kann. Würde ich die Leistungen der beiden jetzt benoten: Für wen wäre das ungerecht? Für denjenigen, der sich unter den jetzigen Bedingungen schwerer tut als sonst? Oder für den anderen, der sich offenbar im normalen Unterricht nicht richtig entfalten kann?

Noten verleiten zur Mittelmäßigkeit

Das führt zu einem weiteren Problem: Zensuren verleiten Schüler zur Mittelmäßigkeit, anstatt sie zu Topleistungen anzuspornen. Da eine Zensur nicht dabei hilft herauszufinden, was ein Kind hätte tun ­können, um noch besser zu sein, schauen sich die meisten nur die Note an, und die Arbeit verschwindet danach in der Schultasche. Wer nicht zusätzlich einen eigenen Antrieb hat, der verbleibt auf seinem Leistungsniveau, weil er gar nicht weiß, wie er es besser machen sollte. Besser geht das mit individuellen, verbalen Anmerkungen. Vermerkt die Lehrperson Details zu den Stärken und Schwächen einer Arbeit, hilft das den Lernenden, sich zu verbessern. Dies gibt ihnen auch Verantwortung über ihr Lernen zurück. Weist die Lehrperson eine Schülerin auf bestimmte Schwächen hin, so liegt es in ihrer Verantwortung, in der nächsten Arbeit besonders darauf zu achten, diesen Fehler nicht mehr zu wiederholen. 

Zensuren sind veraltet

Zensuren sollten Leistungsniveaus sichtbar machen. Dabei haben sie aber einen entscheidenden Nachteil: Sie zeigen nicht den Menschen hinter der Note oder wie diese zustande gekommen ist – und trotzdem richten sie ihn. Deshalb sind Zensuren nicht gerecht, sondern veraltet! 

Die Schule von morgen braucht ein Bewertungs­system, das Chancengleichheit fördert. Deshalb sollte die Schule die einzelne Schülerin und den einzelnen Schüler in den Blick nehmen und innerhalb der Rahmenvorgaben mit dem Lernmaterial versorgen, das sie oder er braucht, um das Beste aus sich herauszuholen. Nicht Mittelmäßigkeit in allen Bereichen sollte das Ziel eines Schulabschlusses sein, sondern eine Grundausbildung für alle – und darüber hinaus Topqualifikationen in jenen Bereichen, in denen die verschiedenen ­Schüler besondere Neigungen und Fähigkeiten haben. Auf ­Zensuren können wir dabei gut verzichten. 

Autorin: Kirsten Mayr

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