Wie Schüler, Eltern und Lehrer richtig reagieren

Mobbing in der Schule: Es kann jeden treffen

Michelle war eine gute Schülerin, Fußballspielerin, Klassensprecherin. Und wurde doch zum Mobbing-Opfer. Ihre Klassenkameraden drangsalierten sie so sehr, dass Michelle auf der Flucht vor ihnen beinahe umgekommen wäre. Was ist zu tun, wenn die Schule zum Ort von Psychoterror wird?

Mobbing kann jeden treffen

Es gab eine Zeit im Leben von Michelle, in der Robbie Williams ihr Halt gab: "First they ignore you, then laugh at you and hate you, then they fight you – then you win!" – das sind die ersten Zeilen des Songs "Tripping". "Seine Musik war der Strohhalm, der mich Tag für Tag über Wasser hielt", sagt sie. Dabei wirkt Michelle Brey, Jahrgang 1999, durchaus so, als könne sie die Stromschnellen des Lebens ohne Hilfe bewältigen. Die Zartheit der jungen Frau, die am Tisch in einem Münchner Café Platz nimmt, täuscht: Michelle spielt aktiv Fußball, defensives Mittelfeld. Sie kann ebenso gut angreifen wie den Gegner stoppen. Auch verbal weiß sie Punkte zu setzen: charmant im Ton, fest in der Meinung. Sie, ein Opfer? 

Kurz die Rewind-Taste gedrückt, das Leben um sieben Jahre zurück­gespult: Eine kleinere Michelle, damals Schülerin eines bayerischen Gymnasiums, nimmt vor der Schulaula ihren ganzen Mut zusammen und drückt die Klinke herunter. Geht zur Lehrerin und erzählt, was ihr widerfahren ist. Sie endet mit einem Satz, der ihr schwerfällt: "Was sich hier abspielt, ist Mobbing, und ich möchte, dass es endlich aufhört!"

"Mobbing?", fragt die Lehrerin zurück. "Willst du das wirklich Mobbing nennen? Wir wollen das mal nicht gleich so drastisch ausdrücken."

Das, was die Pädagogin so lässig zum Nichts degradiert hat, ist ein Drama, das Tag für Tag von den Klassenkameraden neu inszeniert wird – mit Michelle als unfreiwilliger Hauptdarstellerin. Begonnen hatte es mit drei Wörtchen, die in einer Gruppe von Klassenkameradinnen fielen und die Michelle versehentlich aufschnappte: "Ich hasse sie." Verbunden mit ihrem Namen und dem Fakt, dass sie Fußball spielte. Eine Verwechslung? Ausgeschlossen. Michelle versuchte die Vogel-Strauß-Taktik: abtauchen, weghören und hoffen, dass der Sturm vorüberzieht. Doch das tat er nicht. Da waren Mitschüler, die erst leise über sie tuschelten, später laut über sie lästerten und mit dem Finger auf sie zeigten. Da war ein Zettel, der von Bank zu Bank wanderte, mit der Botschaft, Michelle sei lesbisch und dumm. Und schließlich eine Hand, die zupackte und Michelles Kopf gegen eine Säule krachen ließ.

Mobbing. Ein Begriff, mit dem der Verhaltensforscher Konrad Lorenz Attacken von Tieren auf einen überlegenen Feind – etwa Gänse auf einen Fuchs – beschrieb. Doch die Angriffe, die heute so bezeichnet werden, haben ein anderes Machtgefälle: Stark mobbt schwach. Und das systematisch und mit wachsender krimineller Energie. Laut PISA-Studie 2017 werden statis­tisch gesehen 15,7 Prozent der 15-jährigen Schüler mehrmals im Monat gemobbt. 

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Lehrer haben in Sachen Mobbing eine Schlüsselfunktion

Seit mehr als 20 Jahren wird geforscht zum Thema "Gewalt in der Schule", es ist Bestandteil der pädagogischen Ausbildung und zahlloser Fortbildun­gen. Dennoch reagieren bis heute viele Lehrkräfte und Schulleiter auf Beschwerden wegen Mobbings mit den Worten, das sei doch nicht so schlimm. Das höre schon auf, wenn das Opfer einfach weghört. Oder wenn es versucht, mehr wie die anderen zu sein. Jeden dritten Mobbingfall, der sich nach Angaben der Schüler vor den Augen einer Lehrkraft abspielte, erkannten die Lehrer nicht als einen solchen, ergab eine Studie des Mobbingforschers Ludwig Bilz. 

Und das ist fatal, denn Lehrer und Schulleitung haben in Sachen Mobbing eine Schlüsselfunktion: Sie prägen das Klassenklima und bestimmen damit, ob Mobbingversuche auf fruchtbaren Boden fallen. "Das Klassen­klima ist ein Risikofaktor und eine Ressource schulischen Lernens", sagt etwa Norbert Grewe, Professor für Psychologie an der Universität Hildesheim. Doch zu viele Lehrkräfte gingen noch davon aus, dass das Klassenklima wie das Wetter sei: "Man kann nichts dagegen tun, man hat eine schwierige Klasse und muss sich eben warm anziehen." Doch der Mensch vorn an der Tafel kann durchaus etwas tun, um aufziehende Wolken rechtzeitig zu vertreiben. Andauerndes Mobbing ist immer auch ein Versagen der Führungskraft, das gilt in der Arbeitswelt wie in der Schule.

Die Eltern reagierten richtig

Michelle hatte sich in ihrer Not zunächst an ihre Eltern gewandt. Die reagierten richtig, indem sie ihre Tochter ernst nahmen. Und ihr glaubten. Und erstmals die Vorfälle als das bezeichneten, was sie waren: Mobbing. Sie suchten nicht die Schuld bei ihrer Tochter. Denn die Frage nach dem Warum, erzählt Michelle, habe sie selbst genug gequält. "Ich habe echt an mir gezweifelt", sagt sie: "Ein Jahr zuvor war ich noch Klassensprecherin." Was war jetzt anders? War es ihre Kleidung? Ihr Erfolg im Fußball? Ihre guten Noten? 

Fragen, auf die Michelle keine Antworten fand, weil es keine gibt. Mobbingopfer kann theoretisch jeder werden. Tendenziell, so zeigen Forschungen, trifft es zwar eher jene, die sich durch eine andere Herkunft oder Hautfarbe von der Hauptgruppe unterscheiden; die eher ängstlich oder überangepasst sind, ein Handicap haben, hilflos oder ungeschickt sind. Doch das sind nur Statistiken. Manchmal reicht es schlicht, anwesend zu sein, wenn der Täter auf der Suche nach einem Angriffsziel ist. 

Michelles Eltern versuchten es mit Telefonaten bei den mobbenden Klassenkameraden, doch vergeblich. Auf die Frage nach dem Warum sagte eine der Täterinnen schlicht: "Ich hasse Michelle einfach." Die anderen ­Eltern stellten sich verständlicherweise erst einmal hinter ihre Kinder. Experten raten deshalb davon ab, dass Eltern Mobbingstreitereien unter sich ausmachen. Was aber bleibt dann der Familie des Opfers an Handlungsmöglichkeiten? Eigentlich nur ihre Hartnäckigkeit: dabei, die Schule zum Eingreifen zu zwingen.

Informationen im Netz:

  • zeichen-gegen-mobbing.de: Der von einem Jurastudenten gegründete Verein gibt reichhaltige Informationen, berät und will präventiv für das Thema sensibilisieren.
  • mobbing-in-schulen.de: Extrem umfangreiche Informationsquelle zum Thema Mobbing; mit Ratgebern für Eltern und Lehrer zum Download (zum Teil kostenpflichtig).
  • blog.schueler-mobbing.de: Blog mit niedergeschriebenen Mobbingfällen und umfangreicher Info-Abteilung.
  • mobbing-help-desk.de: Bietet Telefonhotline und Einzelberatung, aber auch Workshops und Vorträge zum Thema Mobbing.

Wie gegen Mobbing vorgehen

Letztendlich könne nur die Lehrkraft erfolgreich intervenieren, sagt Mechthild Schäfer, Psychologin und Mobbingexpertin an der Ludwig-Maximilian-Universität in München: "In der Schulklasse ist der Lehrer das Alphatier. Er muss derjenige sein, der sagt: Dieses läuft hier nicht." Doch eine Studie der Universität Potsdam und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg zeigt, dass sich die Maßnahmen von Lehrkräften gegen aktives Mobbing in der Regel auf ein Gespräch zwischen den betroffenen Schülern beschränken. Zusammenarbeit mit Kollegen, Maßnahmen mit der gesamten Klasse und langfristige (Präventions-)Projekte auf Klassen- oder Schulebene sind selten, obwohl genau diese am effektivsten wären.

Denn Mobbing ist ein Gruppenphänomen, das genau deshalb eskaliert, weil niemand eingreift. Das Opfer schweigt, der Täter hat Erfolgserlebnisse, und der große Rest guckt weg oder schlägt sich sicherheitshalber auf die Täterseite. All diesen Tendenzen muss die Klassenleitung frühzeitig etwas entgegensetzen. 

Die Pädagogik kennt gute Ansätze, etwa "Patenschaften zwischen Schülerinnen und Schülern", berichtet Psychologe Norbert ­Grewe. Auch Wandertage oder Klassenfahrten sind geeignet, um das Klassenklima zu ­verbessern. Andere Schulen bilden "Respekt Coaches" aus, die als Anti-Mobbing-­Profis im Schulalltag aufmerksam sind und so im Idealfall frühzeitig einschreiten. Als bundesweites Präventionsprogramm gegen Mobbing und ­Cybermobbing startet jetzt "Gemeinsam Klasse seinmit dem Ziel, die Sensibilität für das Thema zu erhöhen und bei den Kindern ein Gespür dafür zu wecken, wie sich ein Opfer fühlt und wann Zivilcourage gefragt ist. Schüler, die Handlungsstrategien gelernt haben, werden nicht so leicht zu Mitläufern, so die Hoffnung.

Michelle hätte das Mobbing das Leben kosten können. Damals, als ein Mitschüler sie mit dem Fahrrad durch die Straßen hetzte und sie auf der Flucht fast vor ein Auto gefahren wäre. "Da fehlten nur wenige Zentimeter", sagt sie und lächelt schief. Nach dem Vorfall machten ihre Eltern den Lehrkräften noch größeren Druck. Die Eltern aller beteilig­ten Klassenkameraden wurden von der Schule informiert. Die Attacken hörten tatsächlich auf, auch wenn Michelle sich noch lange im Habacht­modus befand. Die Haupttäter blieben am Ende des Schuljahres sitzen, die Klasse fand neu zusammen. Und der Horror hatte ein Ende. 

Experten-Bild

Ein Happy End?

"Ja", sagt Michelle Brey. Die furchtbare Zeit habe sie letztendlich zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist: eine junge Frau, die gekämpft hat, anstatt etwa durch einen Schulwechsel den Tätern das Feld zu überlassen. Die jetzt weiß, wie stark sie sein kann. Mit ihrem Buch "How to Survive Mobbing" will Michelle Brey ein Zeichen setzen gegen Mobbing. Und einen Schlusspunkt hinter ihre eigene Geschichte. 

Geblieben sind ein paar Narben auf der Seele, "aber die sind gut verheilt." Und die Liebe zu Robbie Williams’ Musik. Michelle zitiert eine Zeile aus dessen Song "Eight Letters": "You can look back but don’t stare." An diesen Rat hält Michelle sich.

Autorin:  Beate Strobel

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