Schreiben lernen

Sollten Schulen die Schreibschrift abschaffen?

Fließend schreiben wird für Schüler immer schwieriger – und unwichtiger: Druck-und Computerschrift setzen sich durch. Sollte man die Schreibschrift abschaffen, oder lohnt es sich noch diese Schönschrift zu erlernen?

Die eigene Handschrift ist eine wundervolle Sache. Keine gleicht der anderen: Die Buchstaben können nach rechts oder links gekippt sein, eher schnörkelig oder gerade, groß oder klein, mit Schwung oder Sorgfalt aufs Papier gebracht werden. Zwar verändert sich unsere Handschrift mit der Zeit, aber ihre immanente Aura bleibt. Sie ist Ausdruck unserer Selbstwahrnehmung und Persönlichkeit, Grafologen schließen aus ihr sogar auf psychische Eigenschaften. Die Handschrift ist die einzigartige Signatur unserer eigenen Identität. Umso erschreckender ist, dass wir dieser einzigartigen Kulturtechnik möglicherweise gerade beim Aussterben zusehen können. Einer Umfrage des Deutschen Lehrerverbands zufolge beklagen fast 80 Prozent der Lehrkräfte, dass sich die Handschriften ihrer Schüler in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert hätten. Sie schrieben überwiegend unkoordiniert, schwer lesbar und zu langsam. Viele Handschriften wiesen fehlerhafte Buchstaben mit kindlich anmutender Linienführung auf.

Von der Druck- zur Schreibschrift – und zurück

Dabei sollten Kinder bis zum vierten Schuljahr eigentlich flüssig schreiben können. In der ersten Klasse lernen Schüler heute erst einmal Druckbuchstaben. Das ist einfacher als Schreibschrift, und die Kinder können sofort normale Texte und Bücher lesen – das motiviert. In der dritten Klasse folgt dann die Schreibschrift, die jedes Kind bis zum Ende seiner Grundschulzeit zu seiner individuellen, gut lesbaren Handschrift weiterentwickelt haben sollte. So ist zumindest die Theorie. In der Praxis gelingt das jedoch immer seltener. So fand die Pädagogin Maria-Anna Schulze Brüning in einer Studie mit fünften und sechsten Klassen in Hamm heraus, dass jedes sechste Kind die eigene Handschrift nur bedingt zum Arbeiten in der Schule nutzen kann. Zwei Drittel der Schüler scheitern am Ende ganz an ihrer oft mühsamen Schreibschrift und verfassen ihre Texte letztlich wieder in Druckschrift. Die sie ohnehin auch vom Computer kennen.

Tatsächlich ist es ja eine berechtigte Frage, wofür eine flüssige Handschrift in Zeiten von Tablets und Computern, von WhatsApp und Spracherkennungssoftware überhaupt noch wichtig ist. Finnland hat sich bereits vor Jahren sich entschieden, dass man die Schreibschrift abschaffen sollte – der Lehrplan wurde angepasst und die Schreibschrift gestrichen. Schüler lernen dort verpflichtend nur noch Druckbuchstaben und das Tippen am Computer. Und mal ehrlich: Im Alltag verfassen die meisten Erwachsenen doch höchstens noch ihren Einkaufszettel handschriftlich. Ist die Handschrift also in Wirklichkeit nur noch Nostalgie, eine schöne Fähigkeit, nice to have, aber letztlich entbehrlich?

Wir behalten besser, was wir mit dem Stift verfassen

Vorsicht. Denn Forscher wissen längst: Handschriftlich zu schreiben bedeutet weit mehr, als Worte zu Papier zu bringen. Eine Beobachtung kennt zum Beispiel sicher jeder: Die Inhalte eigenhändiger Aufzeichnungen sind leichter im Kopf zu behalten als jene von maschinell getippten Texten. Das liegt daran, dass bei der feinmotorischen Tätigkeit, jeden Buchstaben und jedes Wort zu kreieren, Hirnregionen für das Sprechen, Denken und die Gedächtnisleistung aktiviert werden. Eine Studie der University of Washington belegt zudem, dass Kinder mit einem Stift nicht nur mehr Text in einem kürzeren Zeitraum schreiben können als via Tastatur, sondern auch die kreativeren Geschichten liefern. Und wer selbst flüssig schreibt, kann auch andere Handschriften besser lesen und offener kommunizieren.

Außerdem ist selbst zu schreiben ein Statement. Ein handschriftlicher Text lässt sich nicht einfach löschen, verändern oder umdenken wie per Handy, Tablet oder PC. Was geschrieben wird, steht fest. Handschreiben erfordert deshalb eine bessere gedankliche Planung und Struktur, man beschränkt sich auf das Wesentliche. Da man sich an den Inhalt der eigenen Schrift leichter erinnert, sind neben Lernunterlagen auch handschriftlich vermerkte Termine oder To-do-Listen präsenter.

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Wer beim Test zu langsam schreibt, hat ein Problem

Umgekehrt gilt: Wer nicht flüssig und leserlich schreiben kann, leidet unter einem gravierenden schulischen Handicap. Das Lesenlernen ist schwieriger, sich eine korrekte Rechtschreibung anzueignen ebenfalls. Letztlich ist in allen Schulfächern das schriftliche Arbeiten beeinträchtigt: Schlechten Schreibern fällt es schwerer, die richtige Antwort niederzuschreiben, und sie brauchen schlicht mehr Zeit. Wenn ein Kind innerhalb der ersten Schuljahre keinen Automatismus beim Schreiben entwickelt, kann es später beim Formulieren keine weiteren Gedanken entwickeln: Es muss immer den Stift absetzen, um zu denken. Zudem können mit großer Mühe erstellte Aufzeichnungen keine gute Lerngrundlage sein. Da schleichen sich unnötige Fehler ein, beim Vokabeltest und in Klausuren kommt man nicht mehr mit, und die Lust am Lernen geht verloren. Die Folge: weniger Motivation und schlechtere Leistungen.

Schreibschrift abschaffen: pro und contra

Wenn der Nutzen der Handschrift aber zumindest in unserem Schulsystem so eindeutig ist: Warum schreiben Schüler dann immer schlechter? Das hat mehrere Gründe. Eine Schreibschrift zu erlernen ist ein komplexer Prozess. Zunächst wird jeder Buchstabe einzeln geformt, erst dann können sie zusammenhängend ins Bewegungsgedächtnis übernommen werden. Doch dank verbindender Linien erhalten Buchstaben, Silben und Wörter schließlich eine Kontur. Wer ohne den Stift abzusetzen in der Spur bleibt, kann die Buchstaben kontrollieren und macht weniger Fehler. Mit der Zeit festigt sich der flüssige Schreibvorgang als automatisierter Mechanismus – ein contra Argument für die jenigen, die die Schreibschrift abschaffen wollen.

In den Schulen führt man als Erstschrift die Druckschrift ein. Diese ist leicht lern- und lesbar, aber da ihre Elemente einzeln erstellt werden, stört das den Schreibfluss. Zudem schleichen sich leicht falsche Bewegungsmuster ein, wenn sich Grundschüler Druckbuchstaben durch Abmalen selbst erarbeiten. Die in Klasse drei eingeführte Schreibschrift ist dann meistens die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA), welche aus gekoppelten Einzelelementen besteht. Doch dieser Wechsel von einer Schrift auf die andere ist problematisch. Einen automatisierten Prozess wie die Handschrift umzustrukturieren kann Schüler verunsichern und ihr Schriftbild verschlechtern. Und wenn dann der Schreibvorgang selbst zu viel Aufmerksamkeit verlangt, bleibt das Textverständnis auf der Strecke. 

Hinzu kommt, dass die Automatisierung der Schrift und die Erhöhung des Schreibtempos viel Zeit und Übung benötigen. Die Schule kann das heute nicht mehr bieten, zu viele andere Dinge sind wichtig geworden. Vielen Kindern fehlen auch schon die motorischen Voraussetzungen, um flüssig zu schreiben. Und schließlich verdrängen im Alltag Handys und Computer die Handschrift, sodass auch hier kaum Übung erfolgt. Die schnelle Abfolge zwischen den Schriftarten und zu wenig Übungszeit bieten Kritikern, die die Schreibschrift abschaffen wollen, pro Argumente.

Höchstpersönlich zeigen, wer man ist

Wie schade. Denn die eigene Schrift kann sogar dabei helfen, persönlichen Krisen zu begegnen. Wer sich Gedanken notiert oder ein Tagebuch schreibt, hält fest, was von Bedeutung ist. Handgeschriebenes ist eine Liebeserklärung an andere und an sich selbst. So bleibt die Handschrift auch im digitalen Zeitalter ein erhaltenswertes Kulturgut. Sie hinterlässt persönliche Spuren und ist entwicklungspädagogisch unverzichtbar.

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Unsere Autorin

Antonia Müller

Schon als Schülerin hat Antonia Müller Bücher verschlungen, Theater gespielt, Geschichten geschrieben und Hörspiele vertont. Auf Germanistikstudium und Textschmiede folgten Redaktionsjobs für Internet, TV und Verlage.

Zwölf Jahre Kreation von erfolgreichen Ideen und Texten in der Werbung runden ihr Profil als Story Teller ab. Für Junior Medien schreibt sie heute Wissenswertes über Familie, Kind und Kegel. Was noch fehlt, ist ihre erste Romanveröffentlichung.

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