Wutbrief an Deutschlands Bildungsminister

Kluge Corona-Konzepte an Deutschlands Schulen? Von wegen!

Unterricht in Kleingruppen, Testkonzepte für Schüler und Lehrer, medizinische Masken für alle: Klingt nach guten Voraussetzungen für die Öffnung von Schulen trotz heikler Pandemie-Lage – in der Theorie jedenfalls. Die Realität aber sieht vielerorts anders aus. Unsere Autorin hat Zwillinge, die die erste Klasse einer Hamburger Grundschule besuchen. Und ist sauer. Sie hat Deutschlands Bildungsministern und Schulsenatoren einen Brief geschrieben.

Liebe Schulsenatoren und Bildungsminister dieses Landes,

gestern bekam ich eine Nachricht von einer lieben Freundin. "Genießt Du es, dass die Kinder wieder zur Schule gehen?", schrieb sie und ich begann zu überlegen, ob ich hysterisch lachen oder einfach in Tränen ausbrechen soll. Tatsächlich waren meine sechsjährigen Zwillinge diese Woche das erste Mal in diesem Jahr in der Schule, seit Montag läuft bei uns der so genannte Hybridunterricht.

Von "genießen" aber kann hier keine Rede sein. Denn das, was ich seitdem erlebe, ist Satire pur. Und nach all dem, was wir Eltern jetzt bereits ein Jahr lang mitmachen, wie ein heftiger Schlag in den Nacken.

Wissen Sie: Ich hatte gerade ein paar Tage Resturlaub, der Muskelkater des monatelangen Homeoffice-Homeschooling-Haushalt-Spagats hatte ein bisschen nachgelassen. Ich startete trotz der steigenden Corona-Zahlen einigermaßen zuversichtlich in diese Woche, in der bei uns in Hamburg die Schulen erstmals seit Weihnachten öffneten.

Jetzt, keine fünf Tage später, ich bin zum wiederholten Male in der Pandemie an einem Punkt, an dem ich nur noch sprach- und ratlos den Kopf schütteln möchte. Oder um es in den Worten von @Abessinier zu sagen: Ich bin mütend, eine pandemiebedingte Form von wütend und müde.

Glauben Sie mir: Ich bin – wie Tausende andere Eltern – heilfroh, dass die Kinder wieder zur Schule dürfen. Meinen Kindern fehlte der Austausch mit anderen Kindern, mir fehlte die Zeit zum Arbeiten, uns allen fehlte die Normalität. Ein ganzes Jahr lang hatten Menschen, die dafür bezahlt werden, sich kluge Dinge für unser Land auszudenken, Zeit. Zeit, um ein anständiges Konzept auf die Beine zu stellen.

Und DAS ist jetzt die Lösung? Mit Verlaub: Hat einer von Ihnen über Details und Praxistauglichkeit mal länger als drei Minuten nachgedacht? 

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Problem Nummer 1: Die wilde Klassendurchmischung

In der Klasse meiner Kinder gibt es eine blaue und eine gelbe Gruppe. Die eine geht montags, mittwochs, freitags zur Schule, die andere dienstags und donnerstags. In der nächsten Woche ist es umgekehrt. Man könnte also meinen: meine Kinder haben nur Kontakt zu neun anderen Schülern. Aber: Für die Kinder, die an den jeweils "schulfreien" Tagen nicht zu Hause lernen können, gibt es eine Notbetreuung. Hier versammeln sich Schüler aus insgesamt drei Schulklassen, die von wechselnden Erziehern betreut werden. Am nächsten Tag sitzen diese Kinder dann wieder in der blauen Gruppe. So viel zu den neun Kontakten. Merken Sie etwas?

Problem Nummer 2: Der Personalmangel

Gestern entfiel die Notbetreuung für die blaue Gruppe. Zu wenig Personal. Man könnte jetzt froh sein, dass die Durchmischung mit den zwei Parallelklassen ausnahmsweise nicht stattfand. Wäre da nicht die "Lösung": Die Kinder der blauen Gruppe setzten sich einfach zu den Schülern der gelben Gruppe in die Klasse. Genial, oder?

Problem Nummer 3: Kein Plan B

Ich bin Elternsprecherin, und habe in diesen Tagen ziemlich viele Anrufe von Müttern und Vätern bekommen, denen dieses "Modell" zu heikel ist. Die ersten denken darüber nach, ihre Kinder freiwillig zu Hause zu lassen. Nachvollziehbar, vor allem, wenn Risikopatienten im eigenen Haushalt leben. Das Problem: Für diese Variante gibt es kein Konzept. Es gibt die Präsenztage in der Schule, und die Arbeitstage zu Hause, auf die die Kinder wiederum an den Präsenztagen vorbereitet werden. Bleibt ein Kind komplett zu Hause, hat es keinen Kontakt zu Lehrkräften. Die Kinder per Video in den Unterricht zuzuschalten, ist verboten. Eltern müssen sich das Material selbst zusammensuchen: eine Mischung der zwei Lernplattformen der gelben und blauen Gruppe. Das Chaos wäre perfekt.

Problem Nummer 4: Die Schultage zu Hause

Die meisten bleiben also dabei, und schicken die Kinder an den Präsenztagen zur Schule. Ich auch. Denn keine Frage: zwei oder drei Schultage pro Woche, das sind im besten Fall 15 Stunden Kinderbetreuung mehr als in den vergangenen drei Monaten (in denen wir 0 hatten). Immerhin. Passt halt nicht zu den 40 Stunden im Arbeitsvertrag, aber was soll's, wir sind Kummer gewöhnt, und ich habe mich wie so viele längst dran gewöhnt, dass ich hier so gut wie jeden Abend wieder am Rechner sitze, wenn Ruhe im Karton und den Kinderzimmern ist. Selten klappe ich den Laptop vor Mitternacht zu, anders ist das Pensum nicht zu bewältigen, wenn man tagsüber parallel mit Homeschooling beschäftigt ist. Zu Lockdown-Zeiten hatten die Kinder zumindest zwei Videokonferenzen am Tag (wenn denn der Schul-Server mitmachte). Jetzt aber ist an den Schultagen zu Hause komplett autodidaktisches Lernen angesagt. Raten Sie mal, wie lange Sechsjährige ohne Anleitung, ohne Betreuung an ihren Schreibtischen sitzen, ohne eine Frage zu ihren Aufgaben zu haben.

Problem Nummer 5: Die Teststrategie

Ab Montag soll es sie auch an unserer Schule geben, die Schnelltests. Haken 1: Es gibt nur einen pro Kind und Woche, obwohl Experten zufolge mindestens doppelt so viele nötig wären. Haken 2: Die Kinder (deren Eltern dafür die Erlaubnis geben) müssen sich selbst testen. Auch die Kleinen. Diese Ergebnisse sind dann sicher sehr verlässlich, meinen Sie nicht auch? Eine große Bitte: Probieren Sie das doch bitte mal aus. Sagen Sie einem Sechsjährigen, er möge sich das lange Stäbchen in die Nase führen; und wenn er den Widerstand spürt, das Ding noch einen Zentimeter weiter reinschieben, bevor er es fünf Mal nach rechts und links wendet, es dann in den kleinen Behälter mit der Flüssigkeit steckt, 30 Sekunden wartet, bevor er die drei Tropfen ordentlich auf den Teststreifen gibt. Wenn Sie einen Erstklässler gefunden haben, der das hinbekommt, melden Sie sich doch bitte gerne bei uns. 

Problem Nummer 6: Die Sache mit den Masken

Bevor die Schule wieder los ging, habe ich einen Karton mit in Deutschland hergestellten Kinder-FFP2-Masken bestellt. Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass sich das vielleicht nicht jede Familie leisten kann? Unsere (im Übrigen ganz tolle) Klassenlehrerin hat für ihre 23 Schüler diese Woche insgesamt DREI Masken gestellt bekommen. Drei! Wir sammeln nun eigenständig im Elternkreis Geld ein, um Nachschub zu beschaffen. Übrigens: Unsere (ebenfalls ganz tolle) Schulleiterin hatte bereits im Spätsommer Luftfilteranlagen bestellt, weil sie zu denjenigen gehört, die aktiv mitdenken und dementsprechend handeln. Bei der Abrechnung mit der Behörde gab es Probleme. Weil sie zu früh dran war. Keine Ironie, Absatz Ende.

Das sind nur 6 von ungefähr 26 Problemen, und ich möchte hier nicht ausfallend werden: Aber dressierte Schimpansen hätten vermutlich sinnvollere Vorgaben für potentiell effektivere Konzepte erstellt. Dass die Inzidenz bei Menschen unter 15 Jahren laut RKI-Chef Lothar Wieler "sehr rasant" ansteigt, ist mit diesem Chaos an den Schulen in etwa so überraschend wie das Spielzeug im Ü-Ei. 

Ach so: Die von der Regierung angekündigte "Notbremse" existiert im Bereich der Schulen offenbar schlicht nicht. Kinder gehen weiter zur Schule, selbst in Teilen des Landes, in denen die Inzidenz bei über 200 liegt. Kennen Sie schon meinen Lieblingstweet dazu? 

Zugegeben: Ich drücke insgeheim die Daumen, dass für meine Zwillinge nicht nach Schulwoche 2 oder 3 in diesem Jahr schon wieder Schluss ist, wenn sie sich gerade an das Wechselmodell gewöhnt haben. Mir wird ganz anders, wenn ich daran denke, dass die Kinder weitere Wochen zu Hause bleiben und wir Mütter und Väter wieder bei Null anfangen, mit unserem deutlich dünneren Nerven-Kostüm als das zu Beginn der Pandemie noch der Fall war. 

Parallel aber schaue ich mit großen Bauchschmerzen auf das, was da gerade in Hunderten Schulen abläuft. Denn mit diesem Fahrplan düsen wir mit Vollkaracho und ohne Airbag vor die nächste Wand, wenn nicht auf sehr vielen Ebenen ganz schnell nachgebessert wird.

Mütende Grüße,

Claudia Weingärtner

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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