10. November 2012

Ehrenrunde

Sitzenbleiben – sinnvoll oder voll daneben?

Ehrenrunde
© Petro Feketa/Fotolia.com

Für viele Eltern gehört die „Ehrenrunde“ zu unserem Schulsystem. Aber ist das Sitzenbleiben überhaupt eine gute Lösung?

Schon lange diskutieren Politiker, Bildungsforscher und Lehrerverbände darüber, ob das Sitzenbleiben noch eine zeitgemäße Lösung sein kann für schwache oder schwächelnde Schüler.

Hier ein paar Fakten und Infos zum Stand der Dinge:

 Sitzenbleiben kostet Geld

Der Bildungsökonom Klaus Klemm hat errechnet, dass die Ehrenrunden an deutschen Schulen den Staat fast eine Milliarde Euro im Jahr kosten. Und zwar dann, wenn einer – durch Sitzenbleiber – größeren Schülerzahl mehr Lehrer zugeteilt werden müssen.

Hartmut Schurig, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin, schätzt, dass ein Wiederholungsjahr etwa 5000 Euro kostet.

Von 15 000 bis 18 000 Euro spricht dagegen sogar der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. Denn die betroffenen Schüler würden ein Jahr später ins Arbeitsleben trete und somit auch später Steuern zahlen.

 Falsch: Sitzenbleiben verbessert die Leistung

Das stimmt nicht. Viele Studien zeigen, dass die Leistungen in der wiederholten Klasse nicht automatisch besser werden, teilweise sogar weiter abfallen. Und selbst, wenn dies nicht der Fall ist, wird der Schüler höchstwahrscheinlich nach der nächsten Versetzung wieder Probleme bekommen.

Dahingegen werden schwache Schüler, die nicht sitzenbleiben sondern mit versetzt werden, oft im Laufe des Schuljahres wieder besser.

 Falsch: Schwächere Schüler senken das Klassenniveau

Auch hier haben Untersuchungen gezeigt, dass dieses Vorurteil falsch ist. Bleiben die schwächsten Schüler einer Klasse sitzen, erhöht sich dadurch nicht der Leistungsstandard der „Rest-Klasse“. Klaus Wenzel, Vorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes: „Es gibt keine homogenen Klassen, die einzelnen Schüler wissen immer unterschiedlich viel.“ Und eine Klasse profitiere nicht davon, wenn die Leistungen in etwa gleich sind.

 

 So handhaben es die Bundesländer

Alle Bundesländer haben aktuell das Ziel, die Zahl der Sitzenbleiber zu verringern. Das ist aber teils eine politische Entscheidung, um etwa das G8 gegenüber dem G9 nicht schlechter dastehen zu lassen.

  •  Berlin: Hier wurde das Sitzenbleiben in den Sekundarschulen (ehemals Haupt- und Realschulen) ganz abgeschafft. Eine Ehrenrunde zu drehen, ist nur noch auf dem Gymnasium möglich.
  •  Brandenburg:
  • Bremen: Es werden alle Schüler von der 1. bis zur 8. Klasse versetzt.
  • Hamburg: Ab dem Schuljahr 2012/13 soll das Sitzenbleiben bis einschließlich Klasse 9 nicht mehr möglich sein.
  • NRW: Durch die gemeinsame Initiative „Komm mit! – Fördern statt Sitzenbleiben“ des Schulministeriums und Vertretern von Lehrerorganisationen soll die Sitzenbleiberquote in den Jahrgangsstufen 7,8 und 9 schrittweise reduziert werden.
  • Rheinland-Pfalz: Grundschüler können in Rheinland-Pfalz nicht sitzenbleiben
  • Saarland: Hier werden alle Schüler, die eine Gesamtschule besuchen, immer versetzt.
  • Thüringen: In Thüringen können Schüler nur jedes zweite Schuljahr sitzenbleiben.

 

Förderung statt Sitzenbleiben

In einem sind sich aber alle Experten einig:  Vor einem Sitzenbleiben sollte in jedem Fall die möglichst individuelle Förderung schwächerer Schüler stehen. So wie es etwa in  Finnland der Fall ist. Dort stehen jeder Klasse zwei oder drei Lehrer zur Verfügung, schwache Schüler können so intensiver betreut werden, stärkere können zusätzliche Angebote wahrnehmen.

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