Wenn das Baby auf sich warten lässt

Wie wird die Geburt eingeleitet?

Manche Kinder machen es ganz schön spannend und lassen auch nach dem voraussichtlichen Geburtstermin auf sich warten. Wann und wie wird eine Geburt aber eingeleitet? Sieben Methoden im Überblick.

40 Wochen lang fiebern werdende Eltern auf den Geburtstermin hin und dann passiert oft nichts. Prof. Dr. Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin in der Charité, weiß: "Nur etwa fünf Prozent der Kinder werden am errechneten Termin geboren, etwa 40 Prozent der Schwangeren gebären danach.

Wann wird die Geburt eingeleitet?

Die Geburtseinleitung wird bei gesunden Schwangeren spätestens zehn Tage nach dem errechneten Termin empfohlen", so Prof. Dr. Henrich. Von einer echten "Übertragung" ist allerdings erst nach etwa 14 Tagen in Schwangerschaftswoche 42 die Rede. Oft sind Erstgebärende oder stark übergewichtige Frauen betroffen, allerdings sind die genauen Gründe nicht vollständig erforscht. Ein Grund zur Sorge ist die Terminüberschreitung nicht. Die Schwangere wird ab dem voraussichtlichen Geburtstermin zur Sicherstellung der Gesundheit von Mutter und Kind engmaschig ärztlich überwacht. Sie wird alle zwei Tage beim Arzt oder in der Klinik an das CTG (Wehenschreiber) angeschlossen und Mutter und Kind per Ultraschall überwacht. Die kindliche Versorgung kann "anhand des Wachstums, der Nabelschnurdurchblutung und der Fruchtwassermenge" beurteilt werden. Ist die Versorgung des Babys gesichert, kann ruhig noch einige Tage abgewartet werden. Wenn sich allerdings bis zur Schwangerschaftswoche 41+3 von selbst nichts tut, wird die Geburt eingeleitet. Natürlich entscheidet das die Schwangere selbst und handelt dabei auf eigenes Risiko. Wichtig zu wissen: Bei einer künstlich eingeleiteten Geburt kann es noch weitere Tage dauern, bis es wirklich losgeht. Auch werden ausgelöste Wehen häufig als schmerzhafter empfunden.  

Warum wird die Geburt eingeleitet?

Wieso kann man nicht abwarten, bis das Kind von alleine kommt? Experten wissen, dass es gegebenenfalls zur Gefährdung von Mutter und Kind kommen kann. "Grund für die Einleitung ist nicht nur die zunehmende chronische Plazentainsuffizienz, welche zu einer höheren Kaiserschnittrate und steigender Anzahl vaginal-operativer Geburten (Saugglocke, Zangengeburt) führen kann, sondern auch die Gefahr eines plötzlichen Versterbens des Feten im Bauch der Mutter." Obwohl die Sterberate des Säuglings unter 1/1000 liegt, "sollte die Schwangerschaft und die natürliche Geburt nicht unnötig gefährdet werden," erklärt Prof. Henrich. Für das Kind kann es gefährlich werden, wenn die Plazenta es nur noch eingeschränkt versorgt. Zudem können bei zu großen und Kindern über 4000 Gramm Komplikationen auftreten. Prof. Henrich zufolge profitieren Frauen mit einer Schwangerschaftsdiabetes, -vergiftung oder Leberstörung von einer frühen Geburtseinleitung in Schwangerschaftswoche 37+0, "da so schwerwiegende mütterliche Symptome oder eine Gefährdung des Kindes verhindert werden." Eine US-amerikanischen ARRIVE-Studie belegt neuerdings sogar Vorteile einer Einleitung bei gesunden Schwangeren ab der Schwangerschaftswoche 39+0: "Es zeigte sich, dass die Kaiserschnittrate entgegen häufiger Befürchtungen Schwangerer im Gegensatz zum abwartenden Prozedere gesenkt werden kann und die kindliche Morbidität sinkt. Als Nachteil ist der durchschnittlich längere stationäre Aufenthalt aufgrund der nur in der Klinik durchgeführten Einleitung zu nennen," so Henrich.

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Wie wird eine Geburt eingeleitet?

Viele Schwangere setzen bei Terminüberschreitung auf Hausmittel, damit es endlich losgeht. Aber Vorsicht: Einige davon sind umstritten. Am besten sprichst du im Vorfeld mit deinem Arzt oder deiner Hebamme, wenn du einen Wehencocktail oder Ähnliches ausprobieren möchtest. In diesem Artikel haben wir dir zusammengefasst, welche Möglichkeiten es gibt, um Wehen zu fördern:

Wehen fördern oder auslösen: So geht's

Die Geburt einleiten - 7 Methoden auf einen Blick

In der Klinik arbeiten Ärzte und Hebammen mit verschiedenen Methoden, um die Wehentätigkeit anzuregen beziehungsweise die Geburt einzuleiten. Nicht jede Methode ist für jede Frau geeignet. Der jeweilige Befund ist ausschlaggebend. Ob und welche Maßnahme funktioniert, ist ebenfalls von Frau zu Frau unterschiedlich. 

Wehencocktail: Ein Saft-Mix aus meist Aprikose, Rizinusöl, Mandel- oder Pflaumenöl fördert eine starke Darmtätigkeit, die auch die Gebärmutter zur Kontraktion anregt. Diese Methode sollte nur nach ärztlicher Absprache eingenommen werden. Charité-Chefarzt Prof. Henrich rät insbesondere von Mischungen mit Sekt ab: "In der Tat wirkt dieser Cocktail vor allem abführend, aber auch wehenanregend, doch Alkohol ist in der Schwangerschaft streng untersagt." Also besser keine Drinks in Eigenregie mit Rezepten aus dem Internet mixen. Es kann zu heftigen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und Darmkrämpfen kommen. Geschwächt und dehydriert sollte keine Frau in die Geburt starten. Zudem können die Wehen sehr heftig ausfallen, was zu Geburtsstress beim Baby führen kann.

Prostaglandine: Prostaglandin ist eine hormonähnliche Substanz, die eine anregende Wirkung auf die Gebärmuttermuskulatur hat und den Muttermund weich macht. Die Schwangere bekommt z.B. Misoprostol niedrig dosiert als Tablette zum Einnehmen oder als Minprostingel vaginal eingeführt. Unter ständiger Kontrolle am Wehenschreiber wird das Medikament über Stunden stufenweise verabreicht, bis die Wehentätigkeit einsetzt. Vorsicht: Es kann zu einer Überstimulation kommen. Eingeleitete Wehen können schmerzhafter und heftiger sein als natürliche, so dass ein Wehenhemmer nötig wird.

Eipollösung: Der Arzt oder die Hebamme lösen mit dem Finger vorsichtig die Eihaut am inneren Muttermund von der Gebärmutterwand. Bei diesem Vorgang werden Prostaglandine freigesetzt, durch die sich der Muttermund anfängt zu öffnen. Da die Methode schmerzhaft sein kann, wird sie vor allem erfahrenen Gebärenden mit vorgedehntem Gewebe empfohlen. Der große Vorteil ist, dass die Eipollösung in rund 50 Prozent der Fälle natürliche Wehen hervorruft.

Wehentropf mit Oxytocin: Eine Infusion mit dem Hormon Oxytocin kann bei Schwangeren die Geburt einleiten. Diese Methode macht bei Frauen Sinn, deren Muttermund über drei Zentimeter geöffnet ist, die aber zu schwache Wehen haben. Eine Überstimulation ist eher selten, da über den Tropf die Dosierung individuell angepasst werden kann, bis die Wehen die gewünschte Regelmäßigkeit erreicht haben. Die Dauer ist individuell unterschiedlich, mit mindestens sechs Stunden ist zu rechnen. Durch den Anschluss an Tropf und CTG-Schreiber ist allerdings die Bewegungsfreiheit der Frau im Kreißsaal eingeschränkt.

Öffnung der Fruchtblase: Mit einem Blasensprenger (einem Fingerling mit integriertem Reißhäkchen) wird bei der Amniotomie die Fruchtblase manuell mit einem winzigen Häkchen angestochen, damit das Fruchtwasser abgeht. Durch diesen Vorgang setzen meist automatisch die Wehen ein. Voraussetzung ist, dass der Muttermund weich ist und der Kindskopf bereits tief im Becken liegt. Wichtig zu wissen: Das Infektionsrisiko ist erhöht, sobald die Schutzhülle des Babys zerstört ist. Wenn die Wehen nicht einsetzen, bekommt die Schwangere ein Antibiotikum und spätestens nach 24 Stunden wird die Geburt medikamentös eingeleitet.

Ballon-Katheter: Der Schwangeren wird ein Ballon-Katheter in die Scheide eingeführt, der auf den Muttermund drückt. Diese mechanische Methode kann Wehen auslösen. Hat bereits der Blasensprung stattgefunden, ist der Katheter aufgrund des Infektionsrisikos tabu. Wenn der Katheter nicht als störend empfunden wird, kann er bis zu 24 Stunden im Körper bleiben.

Mechanische Dilatation: Geburtseinleitungen mit Dilapan-S sind relativ neu. Dabei wird ein dünnes Stäbchen aus Aquaacryl in die Scheide eingeführt. Ähnlich wie bei einem Tampon saugt es Flüssigkeit auf, quillt entsprechend auf und öffnet den Muttermund ohne weitere Medikamente. Diese Methode ist in erster Linie nach einem Kaiserschnitt oder nach anderen Unterleibsoperationen zu empfehlen. Gynäkologie-Facharzt Henrich rät: "Da die Gefahr einer Uterusruptur bei einer Überstimulation steigt, sollte die Geburt bei unreifem Muttermundsbefund nur durch mechanische Dilatation wie dem hygroskopisch wirkenden medizinischen Algenstifte (Dilapan) eingeleitet werden."

Autorin: Antonia Müller

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Unser Experte

Prof. Dr. Wolfgang Henrich ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité Berlin. 

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