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Roses Revolution Day – gegen Gewalt in der Geburtshilfe

Kristeller-Handgriff: Gewalt unter der Geburt?

Ob auch der Kristeller-Handgriff als Gewalt zählt, fragt sich unsere Autorin. Der 25. November ist der "Roses Revolution Day". Die Initiative ruft Frauen, denen während der Geburt ihres Kindes Gewalt angetan wurde, dazu auf, eine rosafarbene Rose vor die Kreißsaaltür ihrer Entbindungsklinik zu legen.

"Am Kind liegt es nicht, dass hier nichts mehr funktioniert. Sie müssen schon mitmachen", brüllte die Ärztin. Obwohl: Gut möglich, dass es nicht die Ärztin, sondern die Hebamme war. So genau weiß ich das nicht mehr. Ich war so benommen während der Geburt meines ersten Kindes, dass ich gar nicht mehr richtig wahrnahm, aus wessen Mund die Rufe gerade kamen.

Was ich noch mitbekam: Der Unterarm, der sich auf meinen Oberkörper drückte. Mit ihrem ganzen Gewicht legte sich die Ärztin auf mich drauf. Mir wurde übel. "Ich muss mich gleich übergeben", sagte ich. Sie machte weiter. Ich übergab mich. "Das liegt an der Cola, die Sie getrunken haben", sagte sie. Das liegt an dem Unterarm auf meinem Bauch, dachte ich. Aber ich sagte nichts. Denn ich konnte nichts mehr sagen, dafür war ich viel zu fertig. Also machte sie weiter. Und ich übergab mich ein zweites Mal.

Dann war er endlich da: Der erlösende erste Schrei meines wunderbaren Sohnes. Und alles was vergessen. Und ich meine wirklich: vergessen. Es war mir egal, was während der Geburt passiert war. Ich habe es weder zuvor noch währenddessen noch danach so richtig verstanden. Bis ich das erste Mal einen Artikel über den sogenannten Kristeller-Handgriff las.

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Was ist der Kristeller-Handgriff?

"Wir drücken jetzt ein bisschen von außen mit." So wurde der sogenannte Kristeller-Handgriff während der Geburt meines ersten Sohnes angekündigt. Dabei übt der Arzt oder die Hebamme in einem 30- bis 40-Grad Winkel zur Wirbelsäule von außen Druck auf den oberen Rand der Gebärmutter aus. Das Ziel: Das Baby soll tiefer in den Geburtskanal gedrückt werden.

Auf diese Weise wird die aktive Bauchpresse unterstützt und die Geburt beschleunigt. Ihren Namen hat die Methode vom Frauenarzt Samuel Kristeller, der den Handgriff bereits im Jahr 1867 anwendete. Das alles habe ich aus dem Artikel erfahren, den ich las, als mein Sohn längst auf der Welt war.

Was ich ebenfalls aus dem Artikel erfuhr: Der Kristeller-Handgriff ist unter Experten sehr umstritten. Viele Frauen, bei denen er angewendet wurde, leiden nach der Geburt unter physischen und psychischen Folgen. Der Grund laut diesem Artikel: Der Handgriff wird bei vielen Gebärenden ohne vorherige Aufklärung und zum Teil mit rohen Kräften durchgeführt. Und: häufig komplett falsch.

Auch der Wikipedia-Eintrag zum Kristeller-Handgriff bestätigt mir dessen Umstrittenheit: "Unter Geburtshelfern und Hebammen wird er kritisch gesehen: Der Druck auf den Oberbauch wird von der Gebärenden oft als unangenehm empfunden und ist mit medizinischen Risiken versehen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt die Anwendung des Kristeller-Handgriffes nicht: WHO-Experten haben demnach ernsthafte Bedenken, dass Mutter und Baby bei dieser Prozedur zu Schaden kommen können."

Wurde mir mit dem Kristeller-Handgriff Gewalt zugefügt?

Als ich diese Zeilen las, kam ich ins Grübeln. Wurde der Kristeller-Handgriff bei mir nun richtig ausgeführt? Und wurde ich "aufgeklärt", bevor es dazu kam? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Es war mir zu dem Zeitpunkt aber auch egal. Die Austreibungsphase dauerte bei mir laut Mutterpass vier volle Stunden. Zum Vergleich: Bei einer Erstgebärenden sollte sie nicht länger als eine, maximal zwei Stunden anhalten. Wird diese Dauer überschritten, sollten Geburtshelfer Probleme und Abweichungen vom normalen Geburtsverlauf ausschließen – und von unterstützenden Maßnahmen Gebrauch machen.

Genau das passierte bei mir. Zu keinem Zeitpunkt kam mir während der Geburt der Gedanke, dass man mir hier Gewalt zufügt. Natürlich war der Ton rau, die Nerven lagen schließlich nicht nur bei mir blank, sondern auch bei den Geburtshelfern. Es ging um meine Gesundheit und um das Leben meines Babys.

Und dass das bei vier Stunden Austreibungsphase und einer Sternengucker-Position nicht den leichtesten Start ins Leben hatte, das wurde mir selbst auch erst nach der Geburt bewusst. Übrigens, die Sternengucker-Position, bei der das Baby bei der Geburt quasi in Richtung mütterlicher Vorderseite statt nach hinten schaut, heißt offiziell hintere Hinterhauptseinstellung.

Dass es einen Grund gäbe, sich über irgendetwas zu beschweren, darauf wäre ich nie gekommen. Wieso auch? Ja, die Geburt war fürchterlich. Fürchterlich schmerzhaft, fürchterlich lang und für mich fürchterlich unkontrollierbar. Aber am Ende war ich gesund und mein Baby war gesund – und das trotz Sternengucker-Position und vierstündiger Austreibungsphase. Scheinbar wurden im Kreißsaal also die richtigen Entscheidungen getroffen. Was ich empfand, war Dankbarkeit. Nicht das Bedürfnis, mich zu beschweren oder Vorwürfe zu verteilen. 

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Roses Revolution Day: Aufruf zur Beschwerde gegen Gewalt unter der Geburt

Den Roses Revolution Day betrachte ich deshalb mit gemischten Gefühlen. Natürlich verurteile auch ich jede Form von Gewalt im Kreißsaal, sei es physisch oder psychisch. Ohrfeigen oder Beleidigungen haben hier genauso wenig wie an jedem anderen Ort auf der Welt ihren Platz.

Lese ich jedoch die Informationen auf der Website zum Roses Revolution Day, wird mir unwohl. Dort heißt es, Kristellern ohne Zustimmung und ohne medizinische Notwendigkeit zähle als physische Gewalt. Woher aber hätte ich als Gebärende wissen sollen, ob der Handgriff "notwendig" war? Wie genau hätte die Zustimmung festgehalten werden sollen? Schriftlich? Ich konnte mich schon am nächsten Tag nicht mehr an die Gesichter der Hebammen erinnern, geschweige denn an Dialoge, die geführt wurden.

Wie wird entschieden, ob ich tatsächlich mein Einverständnis für diesen Handgriff gegeben habe? Und vor allem: Ob ich nach PDA und anderen Schmerzmitteln überhaupt noch mitbekommen hätte, für was ich da mein Einverständnis gebe oder nicht?

Unterstützung während der Geburt ist nicht gleichzusetzen mit Gewalt

Ich sehe es so: Wenn ich mich in die Obhut von Geburtshelfern gebe, gehe ich davon aus, dass alle nur das Beste für mich und mein Kind wollen. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit sind die Frauen wie die Fliegen nach der Geburt gestorben und es war nicht selbstverständlich, dass Mutter und Kind gesund und lebend aus der Nummer rauskommen. Das ist heute – moderner Geburtshilfe sei Dank – anders.

Die Geburt meines Sohnes war sicher nicht schön, aber auch nicht dramatisch. Dass es Anlass gibt, sie als „tragische Erfahrung“ einzustufen, wurde mir erst hinterher eingeredet. Dass mir "Gewalt unter der Geburt" zugefügt wurde, hieß es. Und dass schon die Aussage, "Am Kind liegt es nicht, dass hier nichts mehr funktioniert" psychische Gewaltausübung sei – und dass ich mich darüber beschweren sollte.

Auf der Seite der Initiative "zappenduster" heißt es: "Ausgeübt wird diese Gewaltform durch medizinisches Personal oder andere in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett beteiligte Menschen, sie kann stark strukturell (Personal-, Zeitmangel, Routine) bedingt sein. Unabhängig davon, ob die Gewalt wissentlich oder unabsichtlich passierte, geht sie immer mit der Missachtung der Rechte von Frauen (Schwangeren, Gebärenden, Müttern) und Kindern einher."

Am 25. November werden Frauen jedes Jahr dazu aufgefordert, Rosen vor die Türen des Kreißsaales zu legen, in denen ihnen derartige Gewalt angetan wurde. Ich lese die Kriterien mehrmals hintereinander. Dort gelten schon Punkte wie "Gebärende unter Geburt allein lassen" oder "Verbot zu essen/trinken" als Gewalt. Ich erinnere mich an die Cola, die ich während meiner eigenen Geburt zweimal ausgespuckt habe. Und komme nicht drum herum, die Kriterien als überzogen zu empfinden – obwohl ich selbst bei mindesten acht Punkten "Ja, das wurde auch mit mir gemacht!" sagen kann.

Tun Geburtshelfer uns wirklich Gewalt an?

"Keiner wird Hebamme, um Frauen zu schikanieren", sagt Franziska Luck. Selbst Hebamme, bald dreifache Mutter und eine meiner besten Freundinnen. Sie bitte ich um ihre ehrliche Meinung zu dem Thema. "Natürlich gibt es auch in unserem Berufsstand 'schwarze Schafe'. Aber grundsätzlich gilt: Hebammen wollen helfen!", betont sie.

Ob sie manchmal den falschen Ton treffen? "Ja kann sein", räumt sie ein. "Aber sie wollen dir ja einfach nur helfen und nichts Böses. Menschen sind unterschiedlich. Und viele Frauen, die ich betreut habe, waren froh, eine Hebamme zu haben, die auch auf den Tisch haut und sagt, was nun Sache ist und gemacht werden soll." Ich fühle mich sofort bestätigt: So ging es mir auch. "Gewalt ist immer falsch", ergänzt meine Freundin, "aber was heutzutage als Gewalt ausgelegt wird im Kreißsaal, ist eine Beleidigung an meinen Berufsstand."

Die Ansprüche an die Geburt sind gestiegen

Ich bin der Meinung: Die Geburt wird heutzutage idealisiert. Sie ist nicht romantisch und allein schon wegen der Schmerzen nicht schön. Und nicht jedes unfreundliche Wort und auch nicht jeder Handgriff, der einfach notwendig ist, um ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen, ist mit dem Wort "Gewalt" gleichzusetzen.

Ich bin dankbar, dass meine Geburt durch den Kristeller-Griff beschleunigt wurde – auch wenn es unschön, schmerzhaft und absolut nicht so war, wie ich mir die Traumgeburt ausgemalt hatte. Frauen, die wirkliche Gewalt im Kreißsaal erleben, sollten gestärkt werden darin, ihre Erlebnisse publik zu machen. Doch bei diesem Weg hilft es ganz sicher nicht, Frauen wie mir einzureden, dass das, was sie erlebt haben, mit echter Gewalt gleichzusetzen sei.

Meine Freundin – die übrigens auch während meiner Nachsorge meine eigene Hebamme war – bringt es am besten auf den Punkt: "Heutzutage ist eine Geburt, bei der alle gesund rauskommen, das Normale. Da werden die Ansprüche an das 'Erlebnis' Geburt halt immer höher. Schlussendlich ist die Geburt eines der größten und kraftvollsten Dinge, die ein Körper vollbringen kann. Das ist dann manchmal einfach auch ganz anderes, als man es sich vorgestellt hat.

Es gibt Frauen, die wirkliche Gewalt erleben und diese haben jedes Recht, sich zu beschweren und sollten dies auch tun. Aber nicht jeder unfreundliche Ton einer Hebamme ist gleich 'Gewalt'. Und keine Frau sollte sich die Geburt ihres Kindes im Nachhinein schlechtreden lassen, weil ihr laut der Liste einer Online-Initiative 'Gewalt' widerfahren ist – wenn sie es selbst gar nicht ebenso empfunden hat. Für die meisten Frauen ist das Endergebnis das, was schlussendlich zählt: gesund und überglücklich mit einem ebenso gesunden Neugeborenen nach Hause zu gehen." Und das kann ich nur unterschreiben.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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