Geburtsgeschichte

Hausgeburt mit Elton John

In unserer Serie über Geburten geht es dieses Mal um die kleine Carlotta, die in der heimischen Badewanne das Licht der Welt erblickte, während im Hintergrund "Rocket Man" lief. Ihre Mama Sandrine erinnert sich in einem Brief an den schönsten Moment ihres Lebens.

Carlotta, mein liebes Kind!

Wenn ich an den Tag zurückdenke, an dem du auf die Welt kamst, muss ich unweigerlich lächeln. Denn ich verbinde mit dem 6. Juni 2020 ausschließlich unbeschreibliches Glück. 

Errechnet warst du eigentlich für den 11. Juni 2020, doch fünf Tage vorher spürte ich morgens gegen 8.15 Uhr plötzlich so ein seltsames Ziehen im Rücken. Ich dachte mir erst mal nichts dabei und schlief einfach noch einmal ein. Um 10 Uhr begann unser Onlinekurs über Stoffwindeln. Während wir vor unserem Laptop saßen und der Kursleiterin folgten, wurde das Ziehen und Brennen im Rücken intensiver. Der Vortrag erwies sich als prima Ablenkung, endete gegen 13 Uhr. Das Brennen im Rücken spürte ich da schon deutlich stärker, mit jeder Kontraktion musste ich tief ein- und ausatmen. Und doch war ich mir noch immer nicht ganz sicher, ob du nun wirklich schon auf die Welt kommen wolltest. Also entschied ich mich dazu, nun meinen "Geburtstagskuchen" zu backen. Ich hatte mir fest vorgenommen, am Tag der Entbindung eine Frischkäse-Torte zu machen, die ich mit deinem Papa, meiner Hebamme und dir in meinem Arm essen wollte. Gesagt, getan! Um Punkt 14 Uhr stand der Kuchen fertig im Kühlschrank. Da kamen meine Wehen bereits so stark, dass nun kein Zweifel mehr bestand, dass du dich tatsächlich auf den Weg machtest.

Ich riet deinem Vater, sich noch etwas zu kochen, um gestärkt zu sein, falls die Geburt lange dauert, und während er sein Essen zubereitete, hüpfte ich schnell noch einmal unter die Dusche. Das warme Wasser tat mir unfassbar gut. Gegen 14.30 Uhr sind Papa und ich dann gemeinsam wieder ins Schlafzimmer gegangen und versuchten, uns an ein paar Übungen zu erinnern, die uns im Geburtsvorbereitungskurs gezeigt worden waren. Am liebsten war mir der Kniestand, bei dem dein Vater mir das Kreuzbein massieren konnte – sehr angenehm, denn noch immer spürte ich die Wehen nur im Rücken. Irgendwie wartete ich die ganze Zeit darauf, dass ich mal etwas im Bauch merken würde, doch da tat sich nichts.

Die Pandemie hatte unseren Hausgeburt-Wunsch noch weiter gefestigt. Unser Plan war aber, nicht in unserer Wohnung, sondern in meinem Elternhaus zu entbinden, was ungefähr eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt war. Dein Papa packte deshalb den Hausgeburts-, Baby- und Klinikkoffer (für den Fall, dass wir verlegt werden müssen) ins Auto, dazu noch eine Salzsteinlampe, einen Pezziball und eben alles, was man bei einer Hausgeburt gern zur Hand hätte. So beladen fuhren wir um 16.30 Uhr in Richtung deiner Großeltern, die völlig aus dem Häuschen darüber waren, dass es schon losgehen sollte.

Während der Autofahrt, eng in den Sitz gedrückt, empfand ich das Gefühl im Rücken zum ersten Mal als unangenehm. Mein Blick fiel direkt auf die Uhr des Autoradios: Alle zwei bis drei Minuten kamen die Kontraktionen nun. Doch da lag nicht das größte Problem: Viel schlimmer waren die Gullydeckel und das dazugehörige Rumpeln des Wagens. Die waren wirklich unangenehm, und dein Vater nahm gefühlt jeden einzelnen auf der Strecke mit.

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Als wir um 17 Uhr endlich ankamen, stürmte ich an meiner Mutter vorbei direkt ins Obergeschoss, wo die Wanne stand. Während Malik das Wasser einließ, ging ich noch einmal auf die Toilette und hatte plötzlich eine recht starke Blutung. Man nennt das Zeichnungsblutung, und bei mir lag es daran, dass sich der Muttermund ziemlich schnell geöffnet hatte. Um ganz sicherzugehen, dass wirklich alles in Ordnung war, riefen wir nun unsere Hebamme Diane an, die um 17.45 Uhr eintraf. Sie untersuchte mich und hörte nach deinen Herztönen. Der Muttermund war schon sieben Zentimeter geöffnet, und dir ging es super!

Wunderbar, so kann es weitergehen, dachte ich mir. Meine Hebamme setzte sich neben die Badewanne, und nur etwa fünf Minuten später war der Muttermund auch vollständig geöffnet. Dein Papa streichelte mir über den Kopf, und ich versuchte, ganz entspannt zu bleiben. Mit ihm an meiner Seite fiel mir das nicht schwer.

Um kurz nach 18 Uhr nahm der Druck deines Köpfchens nach unten deutlich zu, ich spürte regelrecht, wie er sich ins Becken drehte. Weil ich so neugierig und fasziniert von all dem war, was da passierte, setzte ich mich in die Hocke und untersuchte mich selbst. Mir kam direkt die pralle Fruchtblase entgegen, die dann auch bei der nächsten Wehe unter Wasser zerplatzte. Das erleichterte den Druck im Becken ein bisschen, und von dem Moment an ging alles ziemlich schnell.

Ich verspürte das starke Bedürfnis, mit meinen Händen zu fühlen, was passierte. Mit der nächsten Wehe konnte ich merken, wie dein Kopf in Richtung meiner Finger geschoben wurde – ganz ohne Drücken oder Pressen! Ich war vollkommen erstaunt darüber, welche Kraft so eine Wehe hat, die ich noch immer nur im Rücken spürte. Ich weiß noch, dass ich deinen Papa anschaute und ihn fragte, ob er auch den Kuchen kalt gestellt habe. Verrückt, woran man in so einem Moment noch denkt.

Bei der nächsten Wehe bist du meinen Händen weiter entgegengerutscht. Hätte ich nicht im Wasser gehockt, hätte man deinen Kopf nun sicher schon sehen können, denn ich spürte kleine Härchen an meinen Händen. Dein Kopf kam mit der nächsten Wehe – ein so unbeschreibliches Gefühl! Ich hatte dabei keine Schmerzen und wusste, dass ich nun bereits den schwersten Teil geschafft hatte. Auf Anweisung meiner Hebamme drückte ich danach genau einmal ein wenig mit, und schon rutschte dein Körper hinterher.

Um 18.19 Uhr, nach viereinhalb Stunden richtiger Wehen und zum Lied "Rocket Man" von Elton John, wurdest du kleines, zauberhaftes Wesen zu Hause in der Badewanne direkt in meine Hände geboren. Ganz sanft, selbstbestimmt und genau so, wie ich es mir immer vorgestellt und erträumt hatte. Ich war der erste Mensch, der dich berührte, und konnte mein unglaubliches Glück kaum fassen. Nie zuvor hatte ich so etwas Intensives und Wunderschönes erlebt und dachte sofort: "Das will ich noch mal!" Wenn ich heute daran zurückdenke, bekomme ich noch immer eine Gänsehaut.

Und du, du warst ganz ruhig, vollkommen friedlich, hast nicht geschrien und nur versucht zu blinzeln. Ich erinnere mich noch, wie ich nach deiner Geburt als Erstes deinen Papa ansah, der dir mit tränenüberströmtem Gesicht über deinen Kopf streichelte. "Habt ihr denn schon geschaut, was es ist?", fragte Diane uns dann, denn bis zu diesem Zeitpunkt kannten wir dein Geschlecht noch gar nicht. Malik sah nach: "Es ist ein Mädchen!" Für uns stand bereits fest, dass du Carlotta heißen würdest.

Ein paar Minuten später wurde auch die Plazenta geboren. Diane duschte mich einmal ab. Unglaublich, wie gut es mir ging. Ich war so stolz, dass mein Körper gerade dieses Wunder vollbracht hatte. Ich kuschelte mich zu dir und Papa ins Bett. Wie geplant aßen wir mit Diane noch ein Stück der Frischkäsetorte – von deinem ersten Geburtstagskuchen, von dem du indirekt über das Stillen ein bisschen was abbekamst.

Diane verließ uns gegen 22.30 Uhr, kurz danach bist du zusammen mit deinem Vater, beide auf der Seite liegend, eingeschlafen. Ich war noch ganz berauscht von diesem besonderen Erlebnis und meinem Hormoncocktail, sodass ich lange Zeit nicht schlief, sondern euch beide einfach nur ansah. 

Meine kleine Familie. Was für ein wahnsinnig schönes Gefühl!

Noch mehr Geburtsgeschichten

Die Geschichte von Carlotta ist eine von vielen, die ihr auch in unserem neuen "Leben & erziehen"-Buch nachlesen könnt: Es ist im April erschienen – und enthält 30 wunderschöne Briefe von Eltern, die ihren Kindern von ihrer Geburt berichten. Manche sind aufregend, einige dramatisch, viele ungewöhnlich – und alle einzigartig, so wie auch jedes Baby es ist. 

"Die Geschichte deiner Geburt – Mein Brief für dich“, aufgezeichnet von Andrea Leim. 192 Seiten, mit Eintrageseiten für den eigenen Brief.
Migo-Verlag, gebundene Ausgabe 15 Euro, über Amazon*,
für den Kindle, 9,99 Euro, über Amazon*

 

Autorin: Andrea Leim

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