Teresa bekam ihr Baby im eigenen Bett

"Die Hausgeburt war absolut das Richtige für uns"

Nie war das Interesse an Hausgeburten so hoch wie im Moment: Immer mehr Schwangere entscheiden sich dazu, ihr Baby in den eigenen vier Wänden zu gebären – und umgehen damit das Risiko, sich in einer Klinik mit dem Coronavirus zu infizieren. Wir sprachen mit Teresa Bücker (36) aus Berlin, die am 5. April 2020 in ihrem Schlafzimmer ihr zweites Kind zur Welt brachte.

Liebe Teresa, du hast euer Kind zu Hause zur Welt gebracht – wie kam es zu dieser Entscheidung?

Die Entscheidung für die Hausgeburt ist schon vor der Coronapandemie gefallen. Ich wollte eigentlich schon mein erstes Kind so bekommen, weil ich mich zu Hause damit am wohlsten fühle. Vor fünf Jahren musste die Geburt dann jedoch im Krankenhaus eingeleitet werden. Wir wollten es beim zweiten Kind wieder versuchen und haben uns gleich zu Beginn der Schwangerschaft eine Hausgeburtshebamme gesucht.

Ich denke, es ist zum einen wichtig, eine Hebamme zu haben, der man voll vertraut, zum anderen braucht man Vertrauen in den eigenen Körper und sollte keine Angst vor der Geburt haben. Bei mir kam noch zusätzlich hinzu, dass die Geburt meiner Tochter schon sehr schnell war und ich geahnt habe, dass das zweite Kind eventuell noch schneller kommen könnte. Mit Blick auf die Pandemie war ich regelrecht erleichtert, dass wir die Entscheidung für die Hausgeburt schon lange getroffen hatten und medizinisch nichts dagegensprach.

Wie lief die Geburt deines Sonntagskindes – auch im Vergleich zu der deiner großen Tochter?

Unser Aprilbaby hat uns überrascht und kam zwölf Tage vor dem errechneten Termin, womit ich nicht gerechnet hätte. Die Übungswehen haben an dem Tag ganz leicht gezogen, sodass ich dachte, es geht vielleicht nun in ein paar Tagen los. Sie wurden dann im Nachmittag ein wenig stärker, aber waren immer noch nicht schmerzhaft und ich wäre zu dem Zeitpunkt nie auf die Idee gekommen, meiner Hebamme Bescheid zu sagen, weil sie zu mir meinte, ich würde schon merken, wenn es richtig losginge. Ich hab mich dann irgendwann mal kurz aufs Bett gelegt, weil ich wusste, dass echte Wehen dann stärker werden. Zwei Minuten später ist die Fruchtblase geplatzt, was ich meinem Freund zugerufen habe, der gerade auf dem Balkon Blumen einpflanzte.

Wir haben beide gedacht: Okay, es geht los, aber es dauert noch ein paar Stunden. Ich habe die Hebamme dann angerufen, die ebenfalls sehr überrascht war und obendrein gerade auf dem Weg in die Rettungsstelle mit ihrer Tochter, die vom Fahrrad gefallen war. Sie hat dann ihre Vertretung angerufen, die sich gleich auf den Weg gemacht hat. Mein Freund hat gefragt, ob er noch schnell die Wohnung putzen kann und ich meinte: "Ne, bau jetzt mal den Pool auf." Das hat er dann gemacht.

Ich war im Schlafzimmer und die Wehen waren jetzt schmerzhaft, aber nicht wirklich schlimm. Als die Hebamme kam, hat sie es noch geschafft, sich die Hände zu waschen und als sie ins Schlafzimmer kam, war mein erster Satz zu ihr: "Ich glaube, ich muss schon pressen." Sie hat noch energisch meinen Freund dazu rufen können, der gerade im Wohnzimmer den Geburtspool aufbaute, und dann war das Baby auch schon da. Geboren auf unserem Bett, 45 Minuten nach Platzen der Fruchtbase.

Unsere Geburtsfotografin hat es übrigens auch nicht rechtzeitig hergeschafft. Der große Unterschied zur Geburt meiner Tochter war die Stärke der Wehen. Die eingeleiteten Wehen damals taten höllisch weh, diese jetzt hätte ich niemals für echte Geburtswehen gehalten und es gab auch keine Übergangsphase, in der ich gesagt hätte: "Ich hab keinen Bock mehr." Und gleich zu Hause zu sein fand ich im Vergleich zum Krankenhaus einfach viel schöner, viel entspannter. Die Entscheidung für die Hausgeburt war absolut das Richtige für uns.

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Bei dir entfiel durch die Pandemie nicht nur der entspannte Mutterschutz – auch das Wochenbett ist turbulenter, weil du ein Kind zu Hause hast, das wie Tausende andere wochenlang nicht zur Kita kann. Wie habt ihr die ersten Tage zu viert verbracht?

Darüber, dass ich den Mutterschutz nicht genießen konnte, bin ich ein bisschen traurig. Ich arbeite als freie Autorin und wollte mir wenigstens vier Wochen vorher Ruhe gönnen, noch mal Freundinnen treffen, in die Sauna und wirklich nur entspannen. Was entlastet hat ist, dass meine erste Tochter im Wechselmodell bei ihrem Papa und mir aufwächst und wir aktuell wochenweise wechseln.

Am Tag der Geburt war sie wenige Stunden vorher von ihrem Papa abgeholt worden – er hat sie dann aber gleich am Morgen danach zu uns gebracht. Das war dann auch eine lustige Situation: Am Tag nach der Geburt standen mein Expartner und seine neue Freundin bei uns im Schlafzimmer und wir haben uns alle zusammen gefreut. Die beiden haben zudem noch einen Großeinkauf für uns gemacht. Meine Tochter wollte dann erst mal bei uns bleiben und war vom ersten Augenblick an verliebt in ihr neues Geschwisterchen. Sie ist gerade fünf und hat bislang keine Eifersucht gezeigt. Im Gegenteil: Sie gibt ihm jeden Tag hunderte Küsschen und trägt ihn herum.

Ich fand die ersten gemeinsamen Tage sehr entspannt. Unsere Hebamme kam täglich vorbei, mein Freund hat gekocht und sich um die Große gekümmert und ich lag mit dem Baby im Bett. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, dass Babys so viel schlafen. Ich fand die ersten Tage jetzt jedenfalls sehr viel erholsamer als damals im Krankenhaus. Und ich hab die ersten Tage keinmal über Corona nachgedacht, ich war gleich in der Babyblase drin. Auch das hat mich überrascht.

Was rätst du Erstgebärenden, die in den kommenden Wochen Geburtstermin haben?

Ich wünsche ihnen vor allem, dass sie die Begleitperson ihrer Wahl mitnehmen können, denn in den meisten Krankenhäusern können Hebammen keine 1:1-Betreuung leisten und mit Wehen sollte wirklich niemand allein sein müssen. Ich würde mich also vorher auf jeden Fall bei der Klinik erkundigen und erfragen, ob der Partner oder die Partnerin weiterhin mitkommen kann und auch die gesamte Geburt begleiten darf. Wehen können sich ja viele Stunden lang ziehen. Dass der Partner dann nur für den Moment gerufen wird, wenn das Kind geboren wird, ist viel zu wenig und hilft der Frau, die Wehen hat, ja kaum.

Die Weltgesundheitsorganisation und zahlreiche Fachgesellschaften empfehlen auch während der Pandemie, Begleitpersonen in den Kreißsaal zu lassen. Sollte eine Klinik das ablehnen, würde ich noch einmal darauf verweisen und gegebenenfalls ein anderes Krankenhaus in Erwägung ziehen. In vielen Kliniken gibt es zudem keine Familienzimmer und stark eingeschränkte Besuchszeiten. Wem es wichtig ist, nicht allein zu sein, dem würde ich raten, sich nach einer ambulanten Geburt zu erkundigen. Dabei bekommt man das Baby zwar im Krankenhaus, kann aber wenige Stunden danach nach Hause gehen.

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Wenn du Politikerin wärst: Welche Maßnahmen für Familien würdest du asap umsetzen wollen?

Für die Geburtshilfe war es schon vor der Pandemie wichtig, dass endlich mehr Hebammen in den Geburtskliniken arbeiten und eine kontinuierliche Begleitung während der Geburt gewährleistet werden kann, denn Personalmangel erhöht das Risiko, dass es unter der Geburt zu Komplikationen kommt. Ebenso fehlen Hebammen in der so wichtigen Nachsorge im Wochenbett.

Von daher sollte sich die Gesundheitspolitik endlich dafür einsetzen, dass die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung von Hebammen besser werden, sodass Aussteigerinnen in den Beruf zurückkehren. Neben der Geburtshilfe brauchen Familien jetzt finanzielle Sicherheit, wenn sie aufgrund geschlossener Kitas und Schulen nicht arbeiten können. Kinder solange zu Hause zu betreuen ist ohnehin eine Nervenprobe, da sollten keine finanziellen Sorgen hinzukommen oder die Angst, gekündigt zu werden. Familien brauchen jetzt eine Perspektive, wie es weitergehen kann. Kinder zu Hause zu betreuen und im Homeoffice zu arbeiten kommt ohnehin nur für wenige in Frage – und das geht auch nur zur Überbrückung. Nach mehr als drei, vier Wochen sind sowohl die Eltern als auch die Kinder erschöpft.

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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