Eine Hebamme über das Coronavirus

"Gebären wirst du dein Kind sowieso alleine"

Was gibt Gebärenden in Corona-Zeiten Kraft? Kareen Dannhauer, freiberufliche Hebamme in Berlin, gibt dazu Tipps in unserem Interview. Und spricht darüber, wie viel Einfluss das Coronavirus auf ihre Arbeit und die Schwangeren hat.

Das Interview wurde am Abend des 25.03.2020 aufgezeichnet.

Liebe Kareen, welchen Einfluss hat die aktuelle Corona-Lage konkret auf deine Arbeit?

Wir Hebammen müssten eigentlich strenge Hygieneauflagen erfüllen – uns fehlt aber die Ausrüstung. Ich habe zum Beispiel keine einzige FFP3-Maske. Wir sollen einen Mindestabstand zu den Frauen und zum Baby einhalten, was bei körperlichen Untersuchungen natürlich gar nicht möglich ist. Spätestens bei Verdachtsfällen, also wenn wir Frauen mit Erkältung betreuen, darf ein Kontakt nur mit der entsprechenden Full-Size-Schutzausrüstung stattfinden, die wir aber nicht haben. Wir versuchen, wo es nur geht, auf Telemedizin umzustellen, also den Kontakt per Skype, Facetime oder Zoom aufrecht zu erhalten. Und Emails zu beantworten – das Aufkommen hat sich mindestens verdreifacht. Alles in allem ist unsere Arbeit ein Improvisieren auf hohem Niveau. Ich habe zudem auch zwei Kinder, die ich allleine erziehe und nun auch noch zuhause unterrichten muss. Ich bin komplett am Anschlag.

Wie sehen deine Geburtsvorbereitungskurse derzeit aus?

Ich habe gerade meinen letzten "realen" Geburtsvorbereitungskurs gegeben. Mit drei Paaren in einem riesigen Gruppenraum mit je vier Meter Sicherheitsabstand. Zusätzlich habe ich den Kurs mit hochwertigen Kameras und Mikrophonen aufgezeichnet. Nun gibt es also einen schicken Geburtsvorbereitungskurs live on tape, gut geschnitten, mit top Bild- und Tonqualität. Es ist, als würde man bei mir im Kursraum sitzen. Dazu gibt es zwei Live-Calls, in denen die Teilnehmer in einer Gruppe Fragen stellen können.

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Onlinekurse?

Alles, was nicht vor Ort stattfindet, wird von den Krankenkassen nicht erstattet. Uns Hebammen wird dadurch ein oganisatorischer Aufwand zugemutet, den wir so nicht leisten können. Ich habe mich daher jetzt dazu entschieden, einen Onlinekurs auf einer Bezahl-Plattform anzubieten. Die Paare müssen in Vorleistung gehen und sich dann selbst darum kümmern, ob sie die Kosten von ihrer Krankenkasse erstattet bekommen.  

Wie nehmen die werdenden Eltern die eingeschränkten Möglichkeiten der Betreuung auf?

Viele sind total dankbar. Im Moment nehme ich ohnehin in der gesamten Bevölkerung ein unglaublich großes Zusammengehörigkeitsgefühl wahr. Diese Paare werden dann auch demnächst auf dem Balkon stehen und für die Hebammen applaudieren. Es gibt aber auch Frauen, die gar nicht möchten, dass die Hebamme zu ihnen kommt. Aus Furcht sich anzustecken. Mit solchen Ängsten muss man natürlich sehr sensibel umgehen.

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Hast du Verständnis dafür, wenn Väter momentan nicht im Kreißsaal dabei sein dürfen?

Die Besuchsregelung in den Krankenhäusern ist tatsächlich ein heikles Thema. Wir Hebammen und auch die Ärzte im Kreißsaal wissen genau, was ein Ausschluss der Väter für die Frauen und für die Betreuungssituation bedeutet. Männer im Kreißsaal sind einfach eine wichtige Stütze. Aber wir befinden uns momentan in einer medizinischen Sondersituation, die wir so alle noch nicht erlebt haben. Es geht darum, dass keine potentiell infektiösen Menschen, also zum Beispiel Väter, ins Krankenhaus kommen  Man muss das Infektionsrisiko im Krankenhaus sowohl bei den Patienten als auch beim Personal so gering wie möglich halten, um die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten. Ich setze große Hoffnung auf die Schnelltests. Wenn die verfügbar sind, könnten die Männer direkt beim Eintritt in den Kreißsaal getestet werden. 

Was möchtest du werdenden Eltern zurzeit als Ratschlag mitgeben?

Ich würde gerne so etwas sagen wie "Alles wird gut!", nur kann ich das im Moment nicht reinen Herzens tun. Wir alle müssen gerade lernen, die Situation anzunehmen. Das ist leicht gesagt und gerade für Schwangere nicht einfach. Sie haben ein so großes Bedürfnis nach Halt, Sicherheit und einer stabilen Welt. Vielleicht hilft ihnen der Satz: "Gebären wirst du dein Kind sowieso alleine". Das klingt erst einmal heftig, aber gleichzeitig wohnt diesem Satz auch eine enorme Kraft inne. Frauen gebären immer aus ihrer eigenen Kraft.

Und natürlich ist die Frau auch nicht ganz allein im Moment ihrer Geburt. Da ist das Baby, mit dem sie gemeinsam auf diese Reise geht. Und da ist die Hebamme, die sie begleitet und bestärkt. Und da ist natürlich auch der Partner, der physisch vielleicht nicht anwesend sein kann, in Gedanken aber auf jeden Fall. Und letztlich sind da auch alle Frauen, die in diesem Moment irgendwo auf der Welt ihr Baby gebären. Mit diesen Frauen kann man sich innerlich verbinden und daraus Kraft schöpfen. Und am Ende des Tages oder der Nacht, halten sie alle ihr Baby im Arm und haben es geschafft. Die innere Einstellung ist enorm wichtig. Entrüstung und Protest ist menschlich und verständlich, bringt einen aber überhaupt nicht weiter.  

Liebe Kareen, vielen Dank für das Gespräch.

Autorin: Anna Ludewig

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Unsere Expertin

Kareen Dannhauer ist freiberufliche Hebamme in Berlin. Sie ließ sich bereits auf eigene Kosten auf das Coronavirus testen. Das Ergebnis: negativ. Zum Glück, denn als Hebamme ist Home-Office schwierig. Kareen hat einen Weg gefunden weiterhin für ihre Patientinnen da zu sein. Weitere Infos zu ihrem Online-Geburtsvorbereitungskurs gibt es hier: howwow.tv

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