Spezielle Geburtspraktik

Lotusgeburt: Wenn Plazenta und Nabelschnur nicht durchtrennt werden

Wenn nach der Entbindung die Nabelschnur nicht wie üblich durchtrennt wird und das Baby so lange mit der Plazenta verbunden bleibt, bis diese von alleine abfällt, spricht man von einer Lotusgeburt. Eine spirituelle Geburtspraktik, die ihre Anhänger als sehr sanft und liebevoll beschreiben, aber die auch mit Gefahren einhergehen kann. Alle Vor- und Nachteile im Überblick.

Was ist eine Lotusgeburt?

Man könnte vermuten, dass es sich um eine besondere Geburtsposition handelt. Die Frau im Schneidersitz vielleicht? Aber weit gefehlt! Eine Lotusgeburt beschreibt ein (noch) relativ seltenes Geburtsritual, bei dem die Nabelschnur nicht durchgeschnitten wird. Stattdessen bleibt das frischgeborene Baby auch noch außerhalb der Gebärmutter mit der Plazenta verbunden. Es trägt diese mit sich – solange bis sich das einst versorgende Organ selbstständig abnabelt. Dieser Prozess kann in etwa drei bis zehn Tage dauern. Jetzt fragt ihr euch sicherlich, was in dieser Zeit mit dem nicht gerade kleinen Organ passiert, das im Durchschnitt gut ein halbes Kilo auf die Waage bringt ...? Anna Fuhrmann ist Mama eines fünfährigen Sohnes, den sie mit einer Lotusgeburt zur Welt gebracht hat. Sie betreibt das Blog Lotusgeburt.com  und konnte uns viele Fragen beantworten.

Das passiert mit der Plazenta bei einer Lotusgeburt

  1. Der Mutterkuchen wird nach der Geburt und der Kontrolle durch die Hebamme bzw. das Klinikpersonal in ein Gefäß mit Sieb gelegt, damit es abtropfen kann.
  2. Die Plazenta kann ein paar Stunden später mit Wasser abgewaschen werden.
  3. Nach ca. 24 Stunden sollte sie dann mit viel Salz bestreut werden. Das ist ganz wichtig, denn nur so kann sie sicher konserviert werden und langsam trocknen.
  4. Bei Bedarf bestreut man sie mit Kräutern, wie zu Beispiel Lavendel. Das dient einem angenehmen Duft und sieht auch noch dekorativ aus. Einige Zutaten, wie Niembaumblätter, können zusätzlich entzündungshemmend und antibakteriell wirken. 
  5. Nun hüllt man sie in frische Mulltücher ein und bewahrt die Plazenta entweder in einem Topf (am besten aus Ton) oder in einer speziellen Lotusgeburt-Tasche auf. Mit dieser kann das Baby zusammen mit der Plazenta auch praktisch und umkomplizierter als gedacht getragen werden.
  6. Da der Mutterkuchen in den ersten drei Tagen viel Flüssigkeit abgibt, sollte man Salz und Tücher ca. alle 12 Stunden wechseln.

 

"Nach dem vierten Tag ist die Plazenta meist vollständig konserviert und auch der Nabel soweit abgetrocknet, dass sich die Schnur nach diesem Zeitraum von selbst abgelöst hat", erzählt Anna Fuhrmann. Sie hat es so auch selbst bei ihrem Sohn erlebt. Ein überschaubarer Zeitraum also, zu dem die frischgebackene Mama meist ohnehin noch nicht viel unterwegs ist, sondern ihre Zeit im Wochenbett verbringt. 

Das braucht man für eine Lotusgeburt

  • Einen Tontopf oder ein anderes sauberes Gefäß inklusive Sieb zum Abtropfen
  • Salz zum Einreiben und Konservieren (z.B. Meersalz, Kochsalz…)
  • Optional Kräuter, wie zum Beispiel Lavendel, die für einen angenehmen Duft sorgen
  • Frische Handtücher bzw. Mullwindeln zum Einwickeln
  • Optional eine Plazenta-Tasche für entspannteres Tragen

Die Geschichte dieser Geburtspraktik

Die Methode der Lotusgeburt geht auf Clair Lotus Day, eine amerikanische Hellseherin, zurück. Sie nahm 1974 ihren neugeborenen Sohn samt Nabelschnur und Plazenta mit nach Hause. Und stellte somit erstmals die gängige Praxis einer Entbindung in Frage. Schnipp schnapp, Nabelschnur ab – das kam für die Neu-Mama nicht in Frage! In spirituellen Kreisen, in denen vor allem bedürfnisorientierte Elternschaft gelebt wird, hat sich das Geburtsritual bis heute gehalten und wird immer beliebter. Eine Lotusgeburt wird immer noch selten praktiziert, aber auch Anna Fuhrmann berichtet von einem Anstieg in ihrem Onlineshop, in dem sie ihre DIY-Plazenta-Taschen und Lotusgeburt-Sets verkauft. Ihre Verkäufe haben sich in den letzten sechs Jahren verzehnfacht.

Lotusgeburt: Vor- und Nachteile

Warum Eltern von einer Lotusgeburt schwärmen
Anhänger dieser Art von Geburt gehören eher spirituellen Kreisen an. Sie erzählen von sehr entspannten Neugeborenen durch den sanften Start ins neue Leben. Vor allem messen sie der Plazenta, die ihr Kind über Monate elementar versorgt hat, eine extrem große Bedeutung bei. Diese starke Bindung zwischen Mutterkuchen und Kind wollen sie nicht künstlich trennen. Sprechen gar von frühesten Verlustängsten und Traumata, die durch eine klassische Abnabelung hervorgerufen werden können. Folgende Vorteile einer Lotusgeburt werden von ihren Befürwortern angeführt:

  • keine schockartige Abnabelung der Sauerstoffversorgung durch die Plazenta
  • kein Stress
  • kräftigere Babys
  • weniger Koliken
  • ein insgesamt ruhigeres Baby, das besser schläft und an der Brust trinkt

Was tatsächlich in medizinischen Studien belegt werden konnte: Ein späteres Abnabeln, nach dem Auspulsieren der Nabelschnur, kann sich förderlich auf die Eisenversorgung des Babys auswirken. Damit sind ca. drei Minuten nach der Geburt gemeint.

Anna Fuhrmann ergänzt aus eigener Erfahrung: "Der Nabel wird bei der herkömmlichen Art stumpf abgeklemmt und trocknet und heilt so unter Windel und Kleidung eher schlecht. Bei einer Lotusgeburt wird er hingegen sehr schnell trocken und in der Regel löst er sich schon nach wenigen Tagen komplikationsfrei."

Ist eine Lotusgeburt gefährlich?

Schulmediziner stehen einer Lotusgeburt meist skeptisch gegenüber. Von der WHO wird ein spätes Abnabeln, also auch die Lotusgeburt, abgelehnt. Kliniken erlauben eine Lotusgeburt oftmals nicht. Denn: Zu groß sind für sie die Risiken durch eine Infektion. Das tote Gewebe rund um die Plazenta kann sich durch Keime und Bakterien infizieren und gefährlich für das Neugeborene werden.

Außerdem sollten Eltern sich im Klaren darüber sein, dass in den ersten Tagen besondere Vorsicht beim Tragen, Wickeln, Stillen und Kuscheln geboten ist, um eine Verletzung des Nabels zu verhindern.

Wichtig: Wer sich für eine Lotusgeburt entscheidet, sollte sich von einer Hebamme Rat einholen und den Nabel samt Plazenta nach der Entbindung beobachten lassen, bis sich die Nabelschnur löst.

Und was macht man mit der Plazenta, wenn sie abgefallen ist?

Viele Eltern begraben die Plazenta an einem für sie bedeutsamen Ort nach der Lotusgeburt. Einige Mütter wagen sich auch daran, die Plazenta zu essen. Klingt unappetitlich? Tatsächlich ist es im Tierreich gar nicht mal so unüblich. Vor allem die uns so ähnlichen Primaten verspeisen den Mutterkuchen häufig. Dafür muss aber unbedingt ein Stück direkt frisch nach der Geburt verzehrt oder eingefroren werden.

Etwas praktikabler erscheint da das Schlucken von Mutterkuchen-Globuli, die allerdings professionell hergestellt werden müssen. Hierfür gibt es mittlerweile auch schon zahlreiche Anbieter im Netz.

Fazit

Ob eine Lotusgeburt für eine werdende Mutter in Frage kommt, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Aber wer sich dafür interessiert, sollte sich in jedem Fall eine Hebamme suchen, die solch eine Form der Entbindung ermöglicht. Es kann dann auf eine Hausgeburt hinauslaufen. Manche Geburtshäuser bieten das Prozedere allerdings auch an. Ob das Wunsch-Krankenhaus für eine Lotusgeburt offen ist, sollte bei der Anmeldung zur Geburt geklärt werden.

Ganz wichtig: Sucht unbedingt das persönliche Gespräch, lasst euch aufklären und besprecht alle offenen Fragen. Am besten nicht erst kurz vor dem Stichtag! Solche Themen sollten in Ruhe und im Vorweg geklärt sein.

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Unsere Autorin

Astrid Christians-Gege

Astrid Christians-Gege wird oft gefragt, wie man das als Mama von zweijährigen Zwillingsjungs und einem Vierjährigen so wuppt. Ihre Antwort: Mit starkem Kaffee, einem sehr langen Geduldsfaden und einer gesunden Work-Life-Balance.

Als Redakteurin bei Leben & erziehen lässt sie auch mal den ein oder anderen Tipp einer Dreifach-Jungsmama in ihre Artikel einfließen, aber bitte immer ohne erhobenen Zeigefinger. Denn nichts ist cooler als Mütter, die sich gegenseitig unterstützen. 

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