Fragwürdiger Trend

Warum Mütter ihre Plazenta essen

Nachdem die Plazenta das Ungeborene im Bauch versorgt hat, ist ihr Dienst getan. Doch es gibt Frauen, die ihren Mutterkuchen nach der Geburt essen. Was es damit auf sich hat, wie die Plazenta verspeist wird und was sich Mütter von dem Kult versprechen: Wir haben uns umgehört.

Die Plazenta: eine Gewebemasse mit einem Gewicht von bis zu 600 Gramm und einem Durchmesser von 15 bis 20 Zentimeter. Ihr Auftrag: den Fötus im Bauch der Mutter über die Nabelschnur mit Nährstoffen, Hormonen, Vitaminen und Sauerstoff zu versorgen. Die "Verbindung" zwischen Mutter und Kind übernimmt die vielfältigen Funktionen der späteren inneren Organe des Kindes wie Atmung, Verdauung Entgiftung und Wärmebildung. Auf der Babyseite ist die Plazenta mit Eihaut überzogen und lässt Gefäße und Nabelschnur durchschimmern. Ihre Konsistenz ist rau wie bei einem festen Schwamm. Im Anschluss an die Entbindung verlässt die sogenannte Nachgeburt den Körper und wird normalerweise entsorgt.

Trend Plazentophagie

Der vom Körper abgestoßene Mutterkuchen klingt nicht sehr appetitlich? Für viele kaum vorstellbar, aber Fakt: Es gibt immer mehr frisch gebackene Mütter, die ihre Plazenta nicht entsorgen lassen, sondern aufheben, um sie zu Hause im Wochenbett wieder zu sich zu nehmen. Vielen Vorurteilen zum Trotz findet der Trend der sogenannten Plazentophagie immer mehr Anhängerinnen und wird sogar von Prominenten wie Kim Kardashian propagiert. Darüber hinaus gibt es Frauen, die das gemeinsame Essen des Mutterkuchens kultartig bei Plazenta-Partys feiern.

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Warum essen Mütter ihre Plazenta?

Die Gründe für Plazentophagie sind vielfältig. Allen gemeinsam ist Umfragen zufolge eine angeblich positive Wirkung auf Körper und Geist nach der Geburt. Sie reicht von schnellerer Rückbildung über besseren Milchfluss bis zur Vermeidung einer postpartalen Depression. Verwenderinnen der wieder in sich aufgenommenen reichhaltigen Plazenta-Nährstoffe sprechen insgesamt von weniger Schmerzen, mehr Energie und allgemeiner gesundheitlichen Verbesserung. Ob es sich dabei um wirkliche Symptome oder einen reinen Placebo-Effekt handelt, ist bislang ungeklärt. Von Klagen über unerwünschte Nebenwirkungen ist allerdings wenig bekannt.

Befürworterinnen sehen im Essen der Nachgeburt einen natürlichen Vorgang, der im Tierreich einem Urinstinkt folgend vorgelebt wird. Dem Experten Dr. Mark Kristal der Universität von Buffalo zufolge besteht dieses Bedürfnis bei Frauen normalerweise nicht, sie empfinden es sogar als "abstoßend". Da die Plazentophagie auch unter Affen und Primaten weit verbreitet ist, vermuten Wissenschaftler, dass das Phänomen beim Menschen im Laufe der Evolution verloren gegangen sein könnte.

Der Kreislauf des Lebens als Motivation zur Plazentophagie mag etwas hippie-esk klingen. Allerdings sind keine der Mythen über die positive Wirkung der Plazenta bisher wissenschaftlich belegt. Studien in dieser Angelegenheit sind allein aus ethischen Gründen problematisch.

Wie wird der Mutterkuchen gegessen?

Es gibt unterschiedliche Rezepte für die Verarbeitung des Mutterkuchens. Die Nachgeburt kann demnach roh, gekocht, getrocknet, geröstet, als Smoothie, Gulasch oder Kuchen verspeist werden. Im Internet findet man zahlreiche Anleitungen zur Zubereitung. Viele Mütter bevorzugen allerdings die Plazenta in Kapseln oder als homöopathisches Pulver oder Globuli verarbeitet. Es gibt Frauen, die das zu Hause selber machen. Wer sich die Plazenta extern aufbereiten lässt, muss mit Kosten von rund 300 Euro rechnen.

Wirklich gut schmecken soll die Plazenta übrigens nicht. In Foren berichten Frauen von einem Geschmack nach "Eisen" oder "blutigen Steaks", aber um Genuss kann es ja wohl kaum gehen. Darüber hinaus wurden die Inhaltsstoffe der Plazenta in den 60er- bis 80er-Jahren bereits für verjüngende Kosmetikprodukte verwendet.

Die Plazenta sollte möglichst bald nach der Geburt verarbeitet werden. Wird sie nicht direkt roh konsumiert, füllt man die nach der Trocknung im Dehydrator zu Pulver zermahlene Nachgeburt in Gelatinekapseln. Gängig ist die zwei bis dreiwöchige Einnahme nach der Geburt in Form von drei Mal zwei Plazenta-Kapseln am Tag – was etwa 3.000 bis 5.000 Milligramm entspricht. Aktuelle Forschungen im Plazenta-Labor der Universität Jena ergaben übrigens generelle "deutliche individuelle Schwankungen in der Hormonkonzentration" der Plazenten, die sich auf eine unterschiedliche Schwangerschaftsdauer, Geburtsmodus, Stress sowie Medikamente zurückführen lassen. 

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Welche Risiken birgt der Verzehr?

Befürworterinnen der Plazentophagie kommen meist aus einem alternativ-homöopathischen, esoterischen Umfeld. Daher stehen sie der Wirkung der Plazenta ohnehin positiv gegenüber. Ärzte betonen jedoch, dass Verwenderinnen der zweifelhafte Nutzen von Anfang an klar sein sollte. Ein Fall in den USA sorgte unlängst für Aufsehen, bei dem ein Baby sich mit gefährlichen Bakterien (Streptokokken) infiziert hatte, die mit aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine verzehrte Plazenta zurückzuführen waren.

Auch die Plazenta-Forschungsgruppe in Jena sieht beim Genuss der Plazenta Risiken wie die "virale und bakterielle Infektion von Mutter und Kind". Zudem können Narkosen unter der Geburt einen negativen Einfluss auf die Plazenta haben, während die anregende Milchbildung der Plazenta-Hormone bei Mastitis und Milchstau problematisch sein könnte.

Viele Gynäkologen raten vom Verzehr eines medizinischen Abfallproduktes wie dem Mutterkuchen ab. Neben Infektionen können auch Schadstoffe und Schwermetalle, die sich während der Schwangerschaft in der Plazenta angesammelt haben, über die Muttermilch auf das Kind zurückübertragen werden. Gegner der Plazentophagie gehen soweit, den Verzehr der Nachgeburt, der genetisch dem Säugling zuzuordnen ist, als Form von Kannibalismus zu bewerten.

Der Stand der Forschung

Der bisherige Forschungsstand in Sachen Plazentophagie ist lückenhaft.
In einer US-Studie der Universität Las Vegas wurden Probandinnen drei Wochen lang nach der Geburt Plazentakapseln verabreicht. Im gleichen Zeitraum nahmen andere Frauen Placebos zu sich. Das Ergebnis: keine signifikanten Unterschiede im Wohlbefinden. Allerdings wurden die Plazenta-Hormone in den Frauen nachgewiesen und zeigten eine Tendenz zur abnehmenden depressiven Stimmung.

Biologin Jana Pastuschek und Ärztin Sophia Johnson beschäftigen sich an der Universität Jena im Rahmen einer Doktorarbeit aktuell mit dem Phänomen der Plazentophagie. Im Plazenta-Labor der Klinik für Geburtsmedizin wollen sie den Mangel an wissenschaftlichen Erkenntnissen aufarbeiten. Erste Ergebnisse der Forschungsgruppe: Als Quelle natürlicher Hormone, Spurenelemente und Aminosäuren könnte das Plazentagewebe die "postnatale Genesung, Laktation, Gemütslage und Rückbildung beeinflussen", während das Risiko für eine Intoxikation gering sei. Die Hormonkonzentration allerdings sei gerade bei Plazenta-Kapseln im Vergleich zu roher Plazenta um ein Vielfaches geringer.

Den Wissenschaftlerinnen zufolge sollte "die Mutter darüber aufgeklärt werden, dass sie selbst die Verantwortung für die Verarbeitung und Nutzung der Plazenta trägt und eine Übertragung von Infektionen nicht ausgeschlossen werden kann." Um weitere physiologische Effekte zu beurteilen, seien weitere Forschungen notwendig. Der eindringliche Rat: Frauen mit dem Wunsch nach Plazentophagie müssen in jedem Fall über mögliche Wirkungen und Risiken aufgeklärt werden.

Kultfrage Plazenta

Was also tun mit der Plazenta? Rein gesetzlich gehört sie den Eltern. Und die können damit machen, was sie wollen. Wer noch nicht auf den Geschmack gekommen und der Meinung ist, sie sei zu schade für den Müll: Vielleicht solltest du den Mutterkuchen am Ende doch besser vergraben als verzehren. Manche Frauen buddeln die Plazenta intuitiv im Garten ein und pflanzen einen Baum darauf. Ein Symbol für Fruchtbarkeit und positive Energie. Auch ein Kult. Diese Vorstellung ist irgendwie schöner und garantiert ohne Nebenwirkungen!

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Unsere Autorin

Antonia Müller

Schon als Schülerin hat Antonia Müller Bücher verschlungen, Theater gespielt, Geschichten geschrieben und Hörspiele vertont. Auf Germanistikstudium und Textschmiede folgten Redaktionsjobs für Internet, TV und Verlage.

Zwölf Jahre Kreation von erfolgreichen Ideen und Texten in der Werbung runden ihr Profil als Story Teller ab. Für Junior Medien schreibt sie heute Wissenswertes über Familie, Kind und Kegel. Was noch fehlt, ist ihre erste Romanveröffentlichung.

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