Im Gespräch mit Hebamme Jana Friedrich

"Birth Esteem": Ein Konzept der selbstbestimmten Geburt

Wird ein Kind erwartet, folgt schnell die Frage nach der passenden Geburtsvorbereitung. Wir sprechen mit der Hebamme Jana Friedrich über Selbstbestimmung und Ängste, die richtige Vorbereitung und ihr Konzept "Birth Esteem" ...

© iStock/Courtney Hale
Selbstbestimmt eine glückliche Geburt erleben.

Eine selbstbestimmte und schöne Geburt zu erleben, wünscht sich vermutlich jede Frau. Wir sprechen mit der Hebamme Jana Friedrich darüber. Sie ist spezialisiert auf Geburtsvorbereitung, die sie live, digital und auch speziell für Zwillingsmamas anbietet. Auf ihrem eigenen Blog spricht sie über das Konzept "Birth Esteem". Wir fragen nach, was dahinter steckt.

Liebe Jana, du bist Hebamme und selbst Mutter zweier Kinder. Wie hast du deine eigenen beiden Geburten erlebt?

Jana Friedrich: Tatsächlich sehr unterschiedlich. Meine Tochter habe ich in einer großen Klinik bekommen, da sie in Beckenendlage lag. Die Geburt dauerte einige Stunden und endete "klassisch", in Rückenlage (mit Dammschnitt). Die Geburt meines Sohnes fand zu Hause, im Vierfüßlerstand statt und dauerte nur vier Stunden.

Die erste Geburt hat mich in zweierlei Hinsicht echt umgehauen: Die Wehen waren sehr intensiv und alles drumherum viel medizinischer als gewünscht und trotzdem fühlte ich mich danach so unglaublich stark, empowered und einfach glücklich.

Die zweite Geburt war von außen gesehen ein Traum, dennoch fühlte ich mich etwas wie vom Zug überfahren. Einfach, weil es so schnell ging. Aber auch diese Geburt hat mich mit ganz viel Zufriedenheit erfüllt. Unser Schlafzimmer war für mich dadurch lange Zeit wie verzaubert. Als wir irgendwann umgezogen sind, war es das Schwierigste, diesen Raum zurückzulassen.

Als Hebamme hast du eine ganz bestimmte Vision: Schwangere bei einer schönen und selbstbestimmten Geburt zu unterstützen. Was verstehst du unter einer "selbstbestimmten Geburt"?

Selbstbestimmung beginnt mit Informationen, also Aufklärung. Durch ein Verständnis der Möglichkeiten kann sich dann ein Wunschszenario entwickeln. Die Wahl muss aber auch tatsächlich vorhanden sein. Etwa die freie Wahl des Geburtsortes oder die Art der Begleitung. Dann muss ein Abgleich der Erwartung der Schwangeren und des betreuenden Teams erfolgen. Ehrliche und transparente, gewaltfreie Kommunikation auf Augenhöhe ist wichtig. Selbstbestimmung entsteht nur, wenn Entscheidungen auch wirklich, aufgrund eines gemeinsamen Diskurses, selbstständig getroffen werden können. Eine informierte Zustimmung reicht dafür nicht. Es braucht eine objektive, und ergebnisoffene Aufklärung über die verschiedenen Optionen, die es in den allermeisten Fällen gibt.

Und dann braucht es eine vertrauensvolle Atmosphäre. Sie kann durch eine individuelle, stetige, zugewandte Begleitung entstehen, die Gebärende ernst nimmt, ihre Bedürfnisse respektiert und anerkennt. In dieser wertschätzenden Umsorgung können Gebärende Selbstbestimmung ausüben und erfahren.

Du sprichst bei "Birth Esteem" von einem Konzept – was genau steckt dahinter?

Geburt ist politisch. Viele der Strukturen, die wir haben, verhindern eine gute Geburt. Die Evidenzen zeigen ganz klar, dass eine Eins-zu-eins-Betreuung das beste Betreuungsmodell einer Geburt darstellt. Sie schafft weniger Interventionen, sowie sicherere und zufriedenstellendere Geburten. Aber durch die Ökonomisierung und die Fallpauschalen werden Interventionen monetär belohnt. Wohingegen die körperlich-beziehungsorientierte Betreuung, die sich oft viele Stunden hinzieht und dadurch viel personellen Aufwand bedeutet, eben nicht abgerechnet werden kann.

Aber das Problem beginnt schon früher. Bereits unsere Schwangerschaftsbegleitung ist in der Regel nicht dahin orientiert, Schwangere in ihrem Körperbewusstsein und ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken, sondern ist sehr darauf fokussiert, Fehler zu finden. Viele Schwangere verlieren dadurch das Vertrauen in ihre Körper und in die eigene Fähigkeit zu gebären und entwickeln stattdessen Ängste. Sie lernen außerdem, dass Expert*innen schon wissen, was für sie gut ist, und entfernen sich so oft von ihrem eigenen Körpergefühl.

Und eigentlich beginnt das Problem noch früher. Nämlich im gesellschaftlichen Konsens, dass Geburt eben schrecklich und sehr gefährlich ist.

Was ist Geburt für dich?

Mein Bild von Geburt ist ein ganz anderes. Geburt ist ein, zugegebenermaßen, durchaus archaischer Prozess, bei dem man wirklich an seine Grenzen geht. Aber durch diese existenzielle Erfahrung merkt man auch, wie stark man ist und wozu man in der Lage ist und das kann einen sehr selbstbewusst und stolz machen.
Geburt ist auch eine Statuspassage, ein Moment, in dem sich so vieles ändert. Tatsächlich empfinde ich diesen Übergang stärker und ja auch unumkehrbarer als jede andere Veränderung im Leben. Dennoch messen wir gesellschaftlich einer Hochzeit beispielsweise viel mehr Bedeutung zu, wenn man mal die ganze Vorbereitung, das materielle Engagement und die beruflichen Auswirkungen etc. betrachtet.

Zurück zum Konzept "Birth Esteem" ...

Mein Konzept von "Birth Esteem" soll dem Akt der Geburt mehr Wertschätzung und Respekt verschaffen. Wir brauchen wieder mehr Vertrauen in die eigene Fähigkeit zu gebären. Die Bedingungen zur Bahnung von viel mehr guten Geburten müssen sich deutlich ändern.

Die Gebärenden sollen die Möglichkeit haben, Selbstbewusstsein zu entwickeln und Empowerment zu erfahren. Dafür brauchen wir gesellschaftliches Umdenken. Diese Veränderungen sind vor allem strukturell. Wir brauchen Zeit und Personal für eine umfassende, familienzentrierte Begleitung in einem geburtsgerechten Umfeld unter Anerkennung der Individualität.

Wir brauchen auch stärkende Initiationsrituale, die Schwangerschaft, Geburt und Wochenbettzeit einbetten. Dann ist Geburt nichts mehr, wo man eben durch muss, sondern etwas, das stark machen kann.

Jana Friedrich bei ihrem Geburtsvorbereitungskurs
© Jana Friedrich
Jana Friedrich gestaltet ihren Geburtsvorbereitungskurs bildlich. 

Was sind die häufigsten Gründe für die Angst vor der Geburt?

Angst vor Schmerzen und Angst vor Kontrollverlust. Inzwischen sicher auch Angst vor ungewollten Interventionen oder Gewalt. Aber auch das ist ja Kontrollverlust.

Was rätst du diesen Frauen, um sie dabei zu unterstützen, der Geburt positiv entgegenzublicken?

Zu der Angst vor Schmerz: Wehen sind Arbeit. Diese Arbeit zu leisten, dazu sind unsere Körper absolut in der Lage. Es ist aber auch vollkommen in Ordnung, Schmerzmittel in Anspruch zu nehmen, wenn man sie braucht. Und wir haben eine ganze Reihe von Schmerzlinderungsmöglichkeiten auf Lager.

Zu der Angst vor Kontrollverlust: Ich sage ihnen, dass sie die Expertinnen für ihren Körper und ihr Kind sind. Sie sollen auf sich mit all ihren Bedürfnissen und Wünschen hören und sich dann, nach Möglichkeit, ein begleitendes Team zusammenstellen, dass sie genau darin unterstützt.
Es ist aber auch in Ordnung, Respekt und auch etwas Angst zu haben. Schließlich ist Geburt auch immer ein bisschen eine Blackbox. Wenn die Ängste sehr stark sind, gibt es professionelle Hilfen. Neben klassischer psychotherapeutischer Akutbehandlung können auch Mentaltrainer*innen hilfreich sein.

Wie viel Planung und Vorbereitung empfiehlst du Frauen, die vielleicht auch aus Angst gerne jedes Detail des Geburtsablaufes planen möchten?

So viel wie eben nötig. Denn manche Menschen brauchen dieses detaillierte Durchdenken aller Optionen. Eine gute Geburtsvorbereitung unterstützt einerseits das Entwickeln von sehr genauen Vorstellungen. Sie sollte aber zugleich darauf hinwirken, Offenheit für verschiedene Szenarien herzustellen, und dazu einladen, dem Prozess zu vertrauen, um dann das Verlangen loszulassen, alles kontrollieren zu müssen. Denn am Ende gibt es ja keine Garantie für einen bestimmten Verlauf.

Und zum Schluss: Welche Stichworte fallen dir zusammenfassend ein, wenn es um Geburtsvorbereitung geht, die auf Selbstvertrauen und Selbstbestimmtheit zielt?

  • Gute Aufklärung.
  • Ehrlichkeit, ohne zu dramatisieren.
  • Optionen neutral, bzw. evidenzbasiert darstellen.
  • Eine informierte Entscheidungsfindung ermöglichen.
  • Körpergefühl stärken.
  • Bindung zum Kind stärken.
  • Ängste und Bedürfnisse ernst nehmen.
  • Begleitende Person ebenfalls gut vorbereiten.

Vielen Dank liebe Jana, für das tolle Gespräch!

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