Mama-Psyche

Postpartale Depression: Mehr Frust als Babyglück?

Das Baby ist da – das Wunder ist vollbracht. Wir können es endlich in unsere Arme schließen. Nun beginnt eine Zeit voller Freude, Glücksgefühle und übersprudelnder Liebe. Aber was, wenn diese Gefühle nach der Geburt ausbleiben? Wenn es kein Glück ist, das wir empfinden, sondern eher Traurigkeit, Überforderung, Angst und Erschöpfung? Dieser Zustand kann auf eine postpartale Depression hindeuten.

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Unser Experte

Prof. Ulrich Hegerl (geboren 1953) ist Psychiater und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Mit dem Baby gemütlich nach Hause fahren (für die, die in der Klinik oder im Geburtshausentbunden haben). Sich als Familie einkuscheln. Einfach die Liebe und die vielen ersten Male genießen. So stellt sich wohl jede Neu-Mama die perfekte Wochenbettzeit vor.

Doch nicht selten sieht das Ganze dann doch anders aus. Nicht jede Frau, die gerade ein Kind geboren hat, kann sich uneingeschränkt darüber freuen. Oh ja, die neue Situation stellt das Leben gehörig auf den Kopf – und die Hormone treiben auch nach der Geburt wieder ihr Unwesen. Stimmungsschwankungen, Traurigkeit und Ängste: In der ersten Woche nach der Geburt des Kindes fühlen sich Mütter möglicherweise gereizt, niedergeschlagen und/oder weinerlich. Im Normalfall verschwinden diese negativen Gefühle aber innerhalb weniger Tage wieder von allein. Handelt es sich also nur um einen kurzzeitigen Baby Blues oder doch um eine postpartale Depression?

Postpartale Depression (Definition): Was ist das genau?

Die postpartale Depression (auch: PPD, Wochenbettdepression, postnatale Depression) ist eine psychische Erkrankung, die Mütter nach der Geburt betreffen kann. "Depressionen sind häufige Erkrankungen und treten nach der Geburt sogar noch etwas häufiger auf", so Prof. Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Zehn bis 15 Prozent der Frauen entwickeln nach der Entbindung eine solche Depression. Allgemein unterscheidet man drei bedeutende psychische Krisen und Erkrankungen nach einer Geburt eines Kindes:

  1. Das postpartale Stimmungstief (Baby Blues, Heultage)
  2. Die postpartale Depression
  3. Die postpartale Psychose

Postpartale Depression: Bin ich betroffen?

"Eine postpartale Depression ist wie die Depression in anderen Lebensphasen gekennzeichnet durch die typischen Krankheitszeichen wie gedrückte Stimmung, Schlafstörungen, Erschöpfungsgefühl, tiefe Freudlosigkeit und Hoffnungslosigkeit", erklärt Prof. Hegerl weiter. "Alles erfolgt wie gegen einen bleiernen Widerstand." Hinzu komme das Gefühl, innerlich wie versteinert zu sein, weder Freude noch Trauer empfinden zu können. Mitunter auch keine warmen Gefühle gegenüber dem Kind. Außerdem können quälende Schuldgefühle aufkommen: Es treten beispielsweise folgende Gedanken auf: "Ich bin eine lieblose, schlechte Mutter. Ich kann mein Kind nicht versorgen." Auch übermäßige Angst und Sorge um das Wohlergehen des Kindes können Teil einer postpartalen Depression sein.

Symptome der Wochenbettdepression sind individuell verschieden

Die Anzeichen einer Wochenbettdepression sind dabei höchst individuell und vielfältig, sie können auch zum Beispiel nur vereinzelt auftreten. Zusätzlich zu den bereits genannten können auch die folgenden Symptome mit einer postnatalen Depression im Zusammenhang stehen:

  • Schwindelgefühl
  • Konzentrations- und Schlafstörungen
  • Hohe Reizbarkeit
  • Ängste und Panikattacken
  • Antriebslosigkeit
  • Traurigkeit, Freudlosigkeit
  • Gefühl der inneren Leere und/oder Wertlosigkeit
  • Herzbeschwerden
  • Taubheitsgefühle
  • Zittern
  • Ambivalente Gefühle dem Kind gegenüber
  • Sexuelle Unlust

Postnatale Depressionen und ihre Ursachen

Ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben Frauen, die bereits früher in depressive Krankheitsphasen gerutscht sind und damit eine Veranlagung zu Depressionen haben. Bei der Entstehung einer postpartalen Depression können jedoch auch Hormonschwankungen, psychosoziale Faktoren, eine instabile bzw. fehlende Partnerschaft oder Veränderungen des Lebensrhythmus auslösende Faktoren sein. "Besteht ein erhöhtes Erkrankungsrisiko, da die werdende Mutter bereits früher unter Depressionen gelitten hat, dann sollte mit den beteiligten Ärzten frühzeitig überlegt werden, wie man das Depressionsrisiko möglichst klein halten kann", so Experte Prof. Hegerl.

Risikofaktoren, die eine postpartale Depression begünstigen können (aber nicht müssen):

  • Psychische Probleme vor oder während der Schwangerschaft
  • Angespannte finanzielle oder soziale Situation
  • Eine Bezugsperson stirbt während der Schwangerschaft
  • Trennung während der Schwangerschaft
  • Die Mutter ist alleinerziehend
  • Plötzliche Arbeitslosigkeit während der Schwangerschaft
  • Schwere Geburt (z. B. Not-Kaiserschnitt)

Baby Blues oder Wochenbettdepression?

Worin besteht der (feine) Unterschied? Mehr als die Hälfte aller Mütter zeigen im Laufe der ersten Woche nach der Entbindung Symptome des sogenannten "Baby Blues", einer kurz dauernden depressiven Verstimmung. "Die Freude über das Kind wird dabei von Stimmungsschwankungen, Müdigkeit und Erschöpfung, Traurigkeit und häufigem Weinen sowie Schlaf- und Ruhelosigkeit begleitet", sagt der Experte.

Bei den meisten Frauen entsteht dieses Stimmungstief zwischen dem dritten und fünften Tag nach der Geburt, dauert nur einige Stunden oder Tage an und klingt dann ohne Behandlung wieder ab. Und genau darin besteht der Unterschied: "Dauert die depressive Symptomatik deutlich länger an oder tritt Wochen nach der Geburt auf, dann kann eine ernsthafte postpartale Depression vorliegen." Im Unterschied zum Baby Blues ist eine postpartale Depression also eine schwerere, länger andauernde und behandlungsbedürftige depressive Erkrankung.

Was ist eine postpartale Psychose?

Eine postpartale Psychose tritt überwiegend in den ersten vier Wochen nach der Geburt auf. Die betroffenen Mütter leiden dabei unter quälenden Wahnvorstellungen sowie Sinnestäuschungen (Halluzinationen) und sind in ihrem alltäglichen Funktionieren stark eingeschränkt. Aufgrund der unmittelbaren Gefahr für die Betroffene und für das Kind ist eine schnelle stationäre Behandlung besonders wichtig. "Etwa eine bis zwei von 1.000 Frauen sind betroffen", erklärt Prof. Ulrich Hegerl.

Pränatale Depression: Seelentief während der Schwangerschaft

Eine Schwangerschaftsdepression (auch: pränatale Depression) tritt hingegen schon vor der Geburt auf. Es handelt sich dabei um eine anhaltende psychische Krise während der Schwangerschaft. Knapp jede achte Frau leidet darunter. Die Symptome ähneln den Anzeichen der Wochenbettdepression – Traurigkeit und Ängste überwiegen.

In einer solchen Phase sind Frauen zusätzlich sehr ängstlich in Bezug auf die Gesundheit des Kindes, sie machen sich große Sorgen um das ungeborene Kind und/oder verzweifeln an den Erwartungen, die sie meinen, erfüllen zu müssen. Eine pränatale Depression ist generell gut zu behandeln – meistens mit Psychotherapie. Medikamente sind in den meisten Fällen nicht notwendig. Die Dauer einer Schwangerschaftsdepression ist von Frau zu Frau unterschiedlich: Sie kann zum Beispiel schon nach wenigen Tagen oder Wochen wieder verschwinden. Doch ohne Therapie ist es auch möglich, dass sie über die Geburt hinaus bestehen bleibt und im weiteren Verlauf in eine Wochenbettdepression übergeht.

Folgen einer postpartalen Depression für das Kind

Leidet eine Mutter unter einer postpartalen depressiven Störung, muss sich diese nicht automatisch negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Ein unterstützendes soziales Umfeld und eine offene Kommunikation spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Vater kann außerdem versuchen, die durch die Depression der Mutter hervorgerufenen Defizite zu kompensieren.

Auf der anderen Seite kann eine unbehandelte Wochenbettdepression die Mutter-Kind-Interaktion negativ beeinflussen. Die Bindung zur Mutter kann darunter leiden, genauso wie die Bindungsfähigkeit des Kindes zu weiteren sekundären Bindungspersonen oder Gleichaltrigen. Auch ist es möglich, dass sich eine postpartale Depression der Mutter auf die spätere schulische Leistungsfähigkeit des Kindes (z. B. geringere Konzentrationsfähigkeit) auswirkt. Denn: Positive und sichere Bindungen sind für den schulischen Erfolg essenziell.

Postpartale Depression: Hilfe suchen – aber wie und wo?

Am wichtigsten sei es dem Experten zufolge, dass rasch professionelle Hilfe gesucht wird. Denn: "Es besteht die Gefahr, dass Angehörige und auch die betroffenen Frauen selbst die Symptome als normale Erschöpfungsreaktion auf die Geburt und Pflege des Kindes fehlinterpretieren und so viel Zeit verloren wird." Hinzu komme, dass die erkrankte Mutter unter Hoffnungslosigkeit sowie Scham und Schuldgefühlen leidet.

Deshalb ist die Aufklärung über postpartale Depressionen (beispielsweise in Geburtsvorbereitungskursen) sehr wichtig. Jede Frau sollte wissen: "Die postpartale Depression ist kein persönliches Versagen und Lieblosigkeit, sondern eine ernsthafte Erkrankung, die einer konsequenten Behandlung bedarf", so Prof. Hegerl. Mit professioneller Hilfe gelingt es fast immer, die depressive Phase innerhalb weniger Wochen zum Abklingen zu bringen. Die wichtigsten Säulen der Behandlung? Medikamente und Psychotherapie.

"Die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva führt am schnellsten zu einer Besserung der Beschwerden", sagt er. Unter den Psychotherapieverfahren habe die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie die besten Wirksamkeitsbelege. Ist bei schweren postpartalen Depressionen eine stationäre Behandlung der Mutter nötig, so bieten übrigens die meisten Kliniken einen gemeinsamen Klinikaufenthalt der Mutter mit dem Kind an.

Doch sind Medikamente jetzt überhaupt erlaubt? Nun, Psychopharmaka können durch die Plazenta oder über die Muttermilch auf das Kind übergehen. Das betrifft auch pflanzliche Präparate (z. B. mit Wirkstoffen wie Johanniskraut). Studien zu möglichen Schädigungen fehlen hierzu aber leider noch. Durch viele Jahre Erfahrung und kleinere Einzelstudien nehmen Experten an, dass bestimmte Psychopharmaka dem Kind keinen Schaden zufügen. Insbesondere Antidepressiva gelten als sicher. Allerdings gibt es keine vollkommene Sicherheit, und jede Frau sollte die Risiken sorgfältig gegeneinander abwägen. Bedacht werden sollte dabei die mögliche Schädigung des Kindes, auch wenn diese eher unwahrscheinlich ist. Wichtig ist aber auch die Gefahr, die durch die Depression selbst entsteht – und zwar für Mutter und Kind.

Das Thema Abstillen sollten betroffene Frauen mit der Hebamme detailliert besprechen, man sollte das Abstillen jedoch keinesfalls erzwingen. Dies könnte die Depression noch verstärken.

Es sollten nur Medikamente verordnet werden, die für schwangere oder stillende Mütter nach aktuellstem Forschungsstand als unbedenklich gelten. Außerdem müssen Mutter und Kind regelmäßig untersucht werden. Medikamente ohne ärztliche Verordnung und Kontrolle dürfen Schwangere und Stillende nicht einnehmen. Genauso wenig wie Präparate, von denen bekannt ist, dass sie das Kind schädigen oder die keine belegte Erfahrung zu Schwangerschaft und Stillzeit vorweisen können.

Unter embryotox.de können sich Betroffene zusätzlich über den Gebrauch von Medikamenten in der Stillzeit informieren.

Hilfe bei Wochenbettdepression: Was kann ich selbst tun?

"In einer Depression hat man immer den Eindruck, dass alles falsch ist, was man macht. Und dass Medikamente oder Psychotherapie nichts bringen. Da ist es wichtig, die Behandlung, die von den Ärzten oder den psychologischen Psychotherapeuten angeboten wird, konsequent durchzuhalten", sagt der Experte. Zudem sollte die betroffene Mutter von Freunden und der Familie bei der Betreuung des Kindes und Alltagsaufgaben entlastet werden. Es besteht darüber hinaus die Möglichkeit, eine ärztlich verordnete Haushaltshilfe, Familien- oder Mütterpflegerin in Anspruch zu nehmen.

Diese Anlaufstellen können von postnataler Depression betroffenen Frauen weiterhelfen:
 

  • Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression (kostenfrei): 0800/33 44 5 33
  • Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression unter deutsche-depressionshilfe.de
  • Eine Liste mit Mutter-Kind-Kliniken: schatten-und-licht.de
  • Hilfe und Beratung bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter 

Die TU Dresden bietet im Rahmen einer Studie aktuell ein "Training zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens für Frauen in der Schwangerschaft und im Wochenbett" an. Das Angebot ist kostenlos.

Dauer der postpartalen Depression hängt von Behandlungsmethode ab

Es ist überaus wichtig, dass Betroffene sich zügig Hilfe holen, denn ohne Behandlung dauert eine Wochenbettdepression bis zu sechs Monate. Es kann auch sein, dass sich einige Symptome noch nach einem Jahr zeigen. Wird keine Behandlung in Anspruch genommen, kann die Depression chronisch werden.

Können auch Väter eine postpartale Depression bekommen?

Depressionen kommen generell häufig vor und so ist es nicht selten, dass in der Zeit nach einer Geburt auch Männer mit einer entsprechenden Veranlagung in eine Depression rutschen. "Auch hier können Faktoren wie ein veränderter Lebensrhythmus als Auslöser fungieren", berichtet der Experte. Ja, auch für Männer verändert sich das Leben tiefgreifend. Hobbys und Freundschaften treten in den Hintergrund – und auch die exklusive Paarzeit verringert sich. Väter verspüren außerdem oftmals einen besonders starken Druck, der auf ihnen lastet. Sie belastet beispielsweise das Gefühl, der Verantwortung als Versorger nicht gerecht werden oder die ihrer Meinung nach ideale Vaterrolle nicht ausfüllen zu können. Auch bei einer postnatalen Depression bei Vätern sollte möglichst schnell eine professionelle Behandlung begonnen werden.

Eine postpartale Depression ist gut behandelbar und hat hohe Heilungschancen

Hoffnungslosigkeit ist ein häufiges Symptom der Wochenbettdepression. Da kommt es oft vor, dass Betroffene zu Anfang der Erkrankung nicht glauben können, dass es ihnen irgendwann besser gehen wird. Eine Heilung? Die scheint schier unmöglich. Aber: Eine postpartale Depression ist eine gut behandelbare Erkrankung mit hohen Heilungschancen. Wichtig ist allerdings, dass Betroffene ihr Problem erkennen, sich Hilfe holen und diese auch annehmen. Betroffene Frauen und Männer können sich von einer postpartalen Depression vollständig erholen.

Autorin: Michelle Kröger

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