Der Trend aus den USA

Gender Reveal Party: süß, kitschig – oder sogar gefährlich?

Der US-Hype in rosa oder hellblau schwappt nun auch zu uns: Baby-Partys, die die Geschlechtsverkündung vom Ungeborenen bombastisch in Szene setzen. Wie es dazu kam, was werdende Eltern dazu bewegt und warum der neue Trend polarisiert, lest ihr hier.

Mit einer pink gefüllten Gender Reveal Torte fing alles an. 2008 kündigte Jenna Karvunidis so auf ihrem Blog die Geburt ihrer Tochter an. Gender-Cake statt Windeltorte – der Post ging viral, ein internationaler Trend war geboren. Gender Reveal Partys, auf deutsch etwa "Geschlechtsenthüllungsfeier", geben werdende Eltern etwa um die 20. Schwangerschaftswoche, nachdem von ärztlicher Seite feststeht, ob es ein Mädchen oder Junge wird.

Wie funktioniert eine Gender Reveal Party?

Die Gender-Bombe platzt – in Rosa oder Hellblau! Während in Deutschland Gender Reveal Partys mit farbigen Konfetti-Kanonen, gefüllten Luftballons, bedruckten T-Shirts und Verkündungstafeln noch vergleichsweise harmlos ausfallen, geht es in den USA oder Russland oft extravaganter zu. Viral gingen hier zum Beispiel bereits Schokoladenbrunnen mit Farbwechsel, pink erstrahlende Skyscraper oder ein Alligator, der eine blau gefüllte Wassermelone zerbeißt.

Die Fantasie ambitionierter, vor Stolz und Glück platzender Eltern in spe kennt bei der Verkündung des Geschlechts kaum Grenzen. Der Handel unterstützt kräftig mit Gender Reveal Party Deko, Geschenken, Sets und Spielen, während Blogs und Youtube-Kanäle mit Gender Reveal Party Ideen à la "Wheels or Heels" inspirieren, was auf die klischeebehaftete Affinität von Jungs für Räder, Autos und Motoren anspielt und bei Mädchen für hohe Schuhe, Mode und Styling. Nun ja ...

Ganz wichtig dabei: Familie und Freunde sowie die sozialen Medien, auf denen der intime Verkündungsmoment in Echtzeit geteilt wird. Was bleibt, sind bombastische Überraschungseffekte und Glücksmomente für die Ewigkeit. Knaller mit teils verheerenden Folgen: Selbstgebastelte Rohrbomben sprengten in den USA Autos in die Luft, lösten Erdbebenalarm und Waldbrände aus, die tausende Hektar Natur zerstörten.

Was motiviert Eltern dazu?

Wissenschaftliche Studien zu Gender Reveal Partys gibt es bisher nicht. Gender-Forscherin Julia Ganterer von der Lüneburger Universität Leuphana sieht einen entscheidenden Motivator im zunehmenden Fehlen von Ritualen, die Eltern Orientierung und Halt geben: "Die eigene spirituelle Leere kann durch Gender Reveal Partys kompensiert werden, andere Paare inspirieren und das Gefühl von Sicherheit vermitteln."

Die Elternrolle wird fassbarer

"Zeitpunkte des Elternwerdens werden heute bewusst geplant", sagt Katrin Bauer, die am Bonner LVR-Institut Elternschaftskultur erforscht. Schwangerschaften würden nicht mehr wie früher versteckt, sondern dank Vorsorgeuntersuchungen und Mutterschutz bedeutungsvoll und intensiv erlebt. Das Wissen um das Geschlecht des Kindes stelle für werdende Eltern ein "einschneidendes Ereignis" dar, dem Kind könne ein Name zugeordnet werden und die zukünftige Elternrolle werde fassbarer.

Rituale, die sozialen Halt geben

Gender Reveal Partys als "Übergangsrituale" ermöglichen es Bauer zufolge, "Unsicherheiten zu überwinden, alte Communities zusammenzubringen und sich sozialer Gemeinschaft zu versichern", wobei die sozialen Medien als "Multiplikator" fungieren. Julia Ganterer bekräftigt, der Kick bei einer extravaganten Verkündung liege auch darin, die eigene Persönlichkeit darzustellen: "Das Ereignis wird als Möglichkeit gesehen, sich selbst in den sozialen Medien zu inszenieren und Aufmerksamkeit zu erlangen."

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Die Gender Revealing Party als Ausdruck von stereotypen Erwartungen

Marlene Kollmeyer, die an der Universität Wien Geschlechterstereotypen erforscht sieht den Trend von Gender Reveal Partys kritisch: "Man weiß zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, ob das Kind sich später überhaupt als Mädchen oder Junge identifizieren wird." Der Wissenschaftlerin zufolge bringen diese Art von Party schon vor der Geburt des Kindes stereotype Erwartungen der Eltern und Gäste zum Ausdruck: "Und das, obwohl uns die Forschung zeigt, dass solche Erwartungen Kinder in ihrer Entwicklung einschränken und als sehr belastend empfunden werden können." 

Hemmen Gender Reveal Partys Diversität?

In der eindeutigen Offenbarung des Geschlechts liegt Julia Ganterer zufolge ein starker gesellschaftlicher Druck, da die "heterogene Kernfamilie nach wie vor als Referenz" gelte. Wer sich wie trans- oder intergeschlechtliche Personen nicht dem System der Zweigeschlechtlichkeit zugehörig fühle, werde ausgegrenzt. "Durch die Einordnung und Zuschreibung kann das Kind in seiner eigenen Geschlechtsidentitätsfindung eingeschränkt und Geschlechtervielfalt damit verhindert werden", gibt die Expertin zu bedenken.

Übrigens: Gender Reveal Partys müssten eigentlich "Sex Reveal Partys" heißen, denn Gender meint das soziale, gefühlte Geschlecht. Während sich der kulturelle Trend wachsender Beliebtheit erfreut, gerät er zunehmend in die Kritik. Auch wenn er mit Hilfe von Rosa und Hellblau vermeintlich Klarheit, Beständigkeit und Sicherheit schaffen will. Ob auferlegte Identitäten beim Kind zu psychologischen Problemen führen können, hängt natürlich vom Einzelfall ab. Fest steht: Eine kleine Feier schadet dem Ungeborenen nicht und für viele Eltern ist es wundervoll, die Vorfreude mit anderen zu teilen. Kreativ inszeniert, vielleicht auch ohne die altbekannten Klischeefarben. Hauptsache, das Gefühl stimmt – für die beiden Menschen, die einen neuen in die Welt setzen.

Unsere Expertinnen

Dr.*in Julia Ganterer (32) ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Schwerpunkt Geschlechterforschung am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der Leuphana Universität Lüneburg. 

Die wissenschaftliche Referentin Dr. Katrin Bauer (45) erforscht Elternschaftskultur am Bonner LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte.

Postdoc Marlene Kollmayer (37) forscht zu Geschlechterstereotypen am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung an der Universität Wien.

Gender Reveal Party – Pro und Contra

Rosa Rauchbomben, himmelblau geladene Knallbonbons – immer mehr Paare verkünden feierlich inszeniert das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes oder lassen sich selbst bei einem Event damit überraschen. Aber ist das in Zeiten heißer Gender-Diskussionen überhaupt noch angesagt? Wir haben bei vier Elternpaaren nachgefragt ...

Pro: "Wir wollten eine Erinnerung für unseren Sohn schaffen.“"

Als mein Partner und ich erfuhren, dass wir unser erstes Kind erwarten, überstrahlte die Freude über dieses Wunder alles bisher Erlebte. Auf Instagram sahen wir täglich Gender Reveal Partys. Wollten auch wir diesen intimen Moment mit der Familie teilen? Die Vorfreude war zu groß und der Sommer bot seit Corona endlich die Gelegenheit für eine Familienfeier. Für uns haben Klischees wie Rosa und Blau ja nichts mit der Individualität des Kindes zu tun. Wir selber wussten bis dahin noch nicht, welches Geschlecht es wird. Mein Arzt hatte meine Schwester darüber informiert, die dann die Party vorbereitet hat. Der Rest war Überraschung! Zu üppiger Deko in Grün-Gold kam ein Buffet und die Gäste – nur engste Familie und der Patenonkel in spe – haben ihre Wünsche für unser Kind aufgeschrieben und Lätzchen bemalt. Total aufregend war der Moment, den "Boy-or-Girl-Ballon" anzustechen. Mit lautem Knall rieselte blaues Konfetti: Wow, ein Junge! Alle waren begeistert nach vier Mädchen in der Familie. Ein unvergesslicher Tag voller Glücksgefühle!

Wünschen sich eine große Familie: Modemanagerin Lara und ihr Julian (beide 28) aus Kaiserslautern. 

Pro: "Anders als wir dachten, aber eine großartige rosa Überraschung!"

Wir fanden die Idee einer Gender Reveal Party eine süße Möglichkeit, unsere Tochter an der Schwangerschaft teilhaben zu lassen. Da wir eine gute Freundin haben, die solche Partys professionell dekoriert, lag es nahe, ihrem Team (@head.and.heartt bei Instagram) freie Hand zu lassen. Das kleingefaltete Geheimnis um das Geschlecht des Kindes haben wir direkt nach dem Frauenarzt bei meiner Freundin abgeliefert, damit wir ja nicht in Versuchung geraten, es zu lüften. Bestimmt hat jeder einen insgeheimen Wunsch nach dem Geschlecht des Kindes. Ist das falsch? Klar ist für uns am wichtigsten, dass wir ein gesundes Baby in den Händen halten dürfen. Aber das eine hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun! Wer uns kennt, weiß, dass wir eher "Team Rosa" sind. Da die jetzige Schwangerschaft aber ganz anders verlief als die erste, war ich so sicher, dass es diesmal ein Junge wird und habe mir den Alltag mit einem Sohn vorgestellt. Als rosa Konfetti flog, war die Überraschung umso größer. Für uns war es ein großartiges Erlebnis!

Unternehmerpaar Christina (33) und Fabian (35) aus Luzern freuen sich mit Töchterchen Jenna Lynn (4) auf den Nachwuchs

Contra: "Ich finde diese Jungs- und Mädchenklischees völlig daneben!"

Wir wären nie auf die Idee gekommen, so eine Party zu geben und waren auch noch auf keiner eingeladen. Ich könnte ja noch verstehen, wenn man feiert, DASS man schwanger ist. Denn das ist doch die tolle Neuigkeit, die man feiern will! Ob Junge oder Mädchen ist natürlich spannend zu wissen – und interessiert auch Familie und Freunde – aber das zu zelebrieren ist nicht mein Ding! Ehrlich gesagt finde ich diese Jungs- und Mädchen-Klischees in Blau und Rosa völlig daneben. Ich versuche für meine Tochter Klamotten zu kaufen, die neutral aussehen – manchmal auch in der Jungsabteilung.  Ich habe gelesen, dass manche Eltern erst auf der Party erfahren, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Der Frauenarzt schreibt das auf einen Zettel. Der wird dem Konditor gegeben, der die Torte für die Party backt – mit einer Füllung in Rosa oder Blau. Also weiß ein Bäcker VOR den Eltern, welches Geschlecht das Kind hat. Das ist doch verrückt!

Franziska (36) hat eine Tochter (3) und arbeitet in München als Redakteurin

Contra: "Warum schon vor der Geburt stereotype Erwartungen zum Ausdruck bringen?"

Klar, die baldige Geburt eines Kindes ist ein Grund zum Feiern. Aber "Mein Baby hat einen Penis/eine Vulva!" scheint mir ein seltsames Motto für eine Party. Und mehr weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht. Nicht, ob das Kind sich später überhaupt als Mädchen oder Junge identifizieren wird. Und auch nicht, ob das Kind denn ein:e typische:r Vertreter:in dieses Geschlechts wird, der:die sich später freut, die Fotos des meist ganz in hellblau oder rosa gehaltenen Events zu sehen. Gender Reveal Partys bringen schon vor der Geburt eines Kindes stereotype Erwartungen der Eltern und Gäste zum Ausdruck. Und das, obwohl uns die Forschung zeigt, dass solche Erwartungen Kinder in ihrer Entwicklung einschränken und als sehr belastend empfunden werden können. Warum nicht einfach feiern, dass ein Baby unterwegs ist und mit Spannung darauf warten, wie dieser kleine Mensch sein wird, anstatt das Geschlecht des Kindes unnötig ins Zentrum zu stellen?!

Rebecca (19) hat viel Erfahrung im Babysitten und studiert in Konstanz Soziologie und Genderstudies

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