Atmen für Anfänger

Warum ich meinen Yoga-Rückbildungskurs gehasst habe

Welcher Rückbildungskurs ist der richtige für mich? Unsere Autorin Silke weiß immerhin, welcher es nicht ist: Nach Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett meldete sie sich hochmotiviert zum Rückbildungs-Yoga an. Für sie ein klarer Reinfall – bestehend aus Atmen, Ausruhen und Abzocke.

Yoga zusammen mit dem eigenen Baby: Wie großartig klingt das bitte? Der allererste gemeinsame Kurs. So etwas wie die emotionale Einstimmung auf all die Babyschwimmeinheiten und Kinderturnstunden, die da noch kommen werden. Ich konnte es kaum abwarten, endlich wieder sportlich aktiv zu werden nach dem Ausnahmezustand der ersten Schwangerschaft. Und dann direkt so etwas Bewusstes, Besinnliches, Achtsames wie Yoga – einfach perfekt fürs Baby! Ja, ich gebe zu: Ich war von meiner eigenen Wahl für den Rückbildungskurs schwer begeistert.

Tom war wenige Wochen alt, als ich mit ihm in der Babytrage und lässiger Leggings an den Beinen voller Vorfreude zum Yoga-Kurs tänzelte. Die Fotos, die ich stolz in der Umkleidekabine von uns beiden machte, habe ich noch heute auf dem Handy: Ich strahle in das kalte Licht des Garderobenspiegels, die Motivation auf 60 Minuten Bewegung mit anderen Erwachsenen springt mir aus dem Gesicht. Endlich etwas anderes tun als Stillen, Windeln wechseln und auf der Couch rumliegen! In mir tobte die angestaute Sportenergie all der verpassten Pilates-Stunden, Cardio- und Krafttrainings. Ich hatte genug Power in mir für einen Dauerlauf oder ein Trampolinwettspringen. Schon klar: Nichts von alledem war für meinen postnatalen Beckenboden samt Dammschnittnarbe geeignet. Aber hey, beim Yoga werde ich mich sicher auch auspowern können! Ganz vorsichtig und achtsam versteht sich, und schön beckenbodenschonend.

Pinke Yogamatte, ich komme!

Im Kursraum selbst fand ich mich zwischen 12 anderen Mutter-Baby-Gespannen wieder. Knallbunte Yogamatten in strahlenden Power-Farben unterfütterten meine innere Erwartungshaltung auch noch visuell. Jetzt ging es endlich los! Mit ... Ausruhen?

Versteht mich nicht falsch: Ich liebe es mich auszuruhen! Welche Mutter tut das nicht? Aber ich schwinge mich doch nicht in mein Sportoutfit und in den örtlichen Fitnessclub, um gemeinsam mit einem Dutzend fremder Mütter (und deren pupsenden und quakenden Babys!) auf dem harten Turnhallenboden ein Nickerchen einzulegen!

Sportlich motiviert, zur Entspannung verdammt

Nach fünf Minuten inklusive esoterischer Musikunterstützung (und Klangschalen-"Poing") war die Ausruh-Einheit zum Glück vorbei. Aus der liegenden Position begaben wir uns immerhin in eine sitzende. Beim Pilates würde man jetzt das "Power-Haus" aktivieren, also sämtliche Bauchmuskeln anspannen, bis es schon im bloßen Ruhezustand angenehm schmerzt in der Körpermitte. Aber Yoga ist nicht Pilates und deshalb haben wir erst einmal gar nichts angespannt, sondern weiter entspannt. Und: geatmet. Ganz bewusst. Immer wieder. Gemeinsam. Ein. Aus. Ein. Aus. Als wir fertig mit Atmen waren, erklärte die Yoga-Lehrerin, für welches Chakra diese Beruhigungs-Übung nun gut war. In mir war gar nichts beruhigt. Ich tobte innerlich. Ein Aerobic-tanzendes und Hampelmänner-springendes Duracell-Häschen gefangen im Körper einer frischgebackenen Mutter mit undichtem Beckenboden, die auf ihrer Yoga-Matte nichts als Liegen und laut Atmen durfte.  

Als auf der großen Uhr an der Turnhallenwand die ersten 30 Minuten der Stunde verstrichen waren, dämmerte es mir: Das hier wird nichts mehr. Also zumindest nicht für mich. Ich will mein Chakra nicht trainieren. Ich weiß ja noch nicht einmal, was ein Chakra ist. Und ich will auch gar nicht bewusster atmen. Ich bin froh, dass das eines der wenigen Dinge ist, die mein Körper nach der Geburt meines Sohnes noch genauso automatisch und selbstverständlich tut wie vorher.

Stillen, wickeln, liegen – wie zu Hause

Fast war ich daher froh, als Tom plötzlich quakte und Hungeranzeichen von sich gab. Die nächsten 20 Minuten stillte ich und schaute den anderen Damen beim Atmen, Ausruhen und Chakra-Trainieren zu. Und ja: Tatsächlich folgten in dieser Zeit auch Übungen, die immerhin ein bisschen anstrengend aussahen. Ob sie es wirklich waren, werde ich vermutlich nie erfahren. Denn obwohl ich pflichtbewusst meine völlig überteuerte 5er-Karte (75 Euro für fünf Stunden Atmen???) abarbeitete und auch in den nächsten vier Wochen pünktlich auf meiner pinken Yogamatte erschien, schaffte mein Sohn es immer wieder, dass ich ihn mitten in diesen 60 Minuten stillen, wickeln oder beides musste. Fertig mit allem war ich in der Regel, wenn die Abschlusseinheit losging: Atmen. Ausruhen. Weiteratmen. Ein entspannender Abschluss von der Entspannungseinheit. Ist sicher ganz wichtig fürs Chakra.

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Liebes Yoga, es liegt nicht an dir!

Mir wurde in dieser Zeit bewusst: Es liegt an mir. Die anderen Damen schienen das gemeinsame Atmen wirklich zu genießen. Vermutlich hatten sie – im Gegensatz zu mir – einfach schon vor der Schwangerschaft Yoga-Erfahrungen gesammelt und realistischere Erwartungen an diese Sportart gehabt als ich. Da es so etwas wie Rückbildungs-Volleyball oder Rückbildungs-Tennis aber nicht gibt, war die Auswahl der mir vertrauten Sportarten für das Beckenbodentraining eher gering. Und um ehrlich zu sein: Irgendwie bin ich auch stolz, dass ich einfach mal etwas Neues ausprobiert habe. War halt Mist.

Aber seien wir ehrlich: In der Elternschaft passiert es einem immer wieder, dass man neue Dinge kennenlernt, für die man einfach nicht geschaffen ist. Und wenn ich heute daran denke, wie ich in Yoga-Pants und "Herabschauender Hund"-Stellung ganz bewusst meine pinke Yogamatte anatme, muss ich laut lachen. Also ist auch diese Erfahrung für etwas gut.

Kolumne "Schröckert schreibt"

Vom unbeschreiblichen Glücksmoment bis zum nächtlichen Nervenzusammenbruch: Die Hamburger Zweifachmama Silke Schröckert kennt und kommentiert alle Seiten des Mama-Daseins. Manchmal brüllend komisch, manchmal emotional ernst, aber auf jeden Fall immer eins: absolut ehrlich.

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