Andere Länder, andere Sitten

8 Dinge, die in den USA in der Schwangerschaft anders sind

Andere Länder, andere Sitten – das gilt fürs Essen, für Zwischenmenschliches und fürs Kinderkriegen im Ausland! Unsere Tipps gegen den Kreißsaal-Kulturschock.

Mehr als eine Million deutsche Expats leben in den USA, jedes Jahr kommen allein im Staat New York rund 600 Kinder deutscher Eltern zur Welt. "So what?", möchte man sagen. Eine Geburt ist schließlich die natürlichste Sache der Welt, egal wo. Stimmt nicht ganz, denn die Unterschiede sind schon erheblich und je mehr die werdende Mutter vorher darüber weiß, je kleiner wird der Kreißsaal-Kulturschock sein.

Hier sind 8 Unterschiede und Fakten, die deutsche Eltern in den USA gehört haben sollten!

1. Frauenarzt ist nicht gleich Frauenarzt

Verwirrend aber wahr: Es gibt den OBGYN und den OB. Man möchte den OBGYN, wenn es an Schwangerschaft und Geburt geht, der andere macht nur "normale" gynäkologische Untersuchungen. Zudem empfiehlt es sich, zeitnah das Krankenhaus, das für die Entbindung infrage kommt, auszuwählen und zu überprüfen, welche Versicherungen dieses akzeptiert (nein, nicht jede Klinik nimmt jede Versicherung…), dann sucht man sich einen Arzt, der in eben diesem Krankenhaus entbindet und ebenfalls von der Versicherung abgedeckt wird.

Es ginge garantiert einfacher, aber das Thema Krankenversicherung in den USA ist alles, nur nicht einfach. Man sollte sich hier rechtzeitig Hilfe holen, denn mit reiner Logik ist das Thema nicht zu lösen. Zudem gewöhnt man sich lieber gleich an den Gedanken, dass einem niemand vorab sagen wird, was die Geburt kostet. Es ist ratsam, sich jede Rechnung genau erklären zu lassen und im Zweifel dagegen zu argumentieren – das starre Gebührensystem, das man aus Deutschland kennt, gibt es in den USA nicht.

2. Ultraschall-Untersuchung

Nicht der Arzt macht den Ultraschall in den USA, sondern eine Technikerin. Das klingt erst mal belanglos, ist es aber nicht, wenn etwas nicht stimmt. Die Technikerin schallt vor sich hin, man macht mühsam Konversation und versucht das, was man sieht, zu verstehen. Wenn man Glück hat, sagt sie was, wenn nicht, kann das diverse Gründe haben. Einer ist, das etwas nicht stimmt. Das hört man dann im Anschluss vom Arzt. Dieser Delay ist für jeden, der es gewohnt ist, von seiner Ärztin oder seinem Arzt erklärt zu bekommen, was man sieht, ziemlich krass.

3. Doula statt Hebamme

Geburtsbegleitende Hebammen, wie wir sie in Deutschland kennen, gibt es so in den USA nicht. Ein Midwife kann wie ein Arzt die Geburt betreuen. Wer das wünscht, muss sich – wie oben erwähnt – frühzeitig in dem Geburtshaus, in dem das Midwife Belegbetten hat oder angestellt ist, anmelden. Hausbesuche macht sie nicht.

Für alles andere gibt es die Doula. Sie ist im Prinzip das, was die deutsche Hebamme ist, nur darf sie keine medizinischen Eingriffe machen oder Diagnosen stellen. Sie begleitet und berät die Familien während der Schwangerschaft und ist bei der Geburt dabei. Sie coacht die Mutter durch die Wehen und fungiert als so etwas wie ein Anwalt für die Mutter in der Klinik. Einer Studie nach reduziert die Anwesenheit einer Doula das Kaiserschnitts-Risiko um 45 Prozent. Das allein ist die Investition schon wert. Bezahlen muss man die Doula nämlich selbst.

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4. "Da machen wir am besten eine C-Section"

Apropos Kaiserschnitt: In den USA greifen die Ärzte sehr viel schneller zum Messer als in Deutschland, zeigen die Statistiken. Demnach wird fast jedes dritte Kind in Amerika per Kaiserschnitt entbunden. Der Arzt erklärt einem frühzeitig die zahlreichen Vorteile einer C-Section. Vor allem Müttern über 35 wird geraten, die Geburt zu planen, da man zur Risikogruppe gehört.

5. Beschneidungen

Während in den meisten Ländern der Welt Beschneidungen nur noch aus religiösen Gründen stattfinden, gehören sie in den USA noch immer zur Tagesordnung. Sechs von zehn neugeborenen Jungen werden einen Tag nach der Geburt noch im Krankenhaus beschnitten. Als Grund werden Hygiene und eine Minderung von Krankheiten im späteren Leben genannt. Beweise gibt es dafür keine. Will man den eigenen Sohn nicht beschnitten haben, muss man das im Krankenhaus ganz klar formulieren.

6. Geburtskurse und Rückbildung

Wo in Deutschland die Krankenkasse übernimmt, ist in Amerika das große Nichts. Wer einen Vorbereitungskurs machen will, muss sich diesen selbst suchen und bezahlen. Auch Rückbildungskurse sind rar gesät. Wer aus Kosten- oder anderen Gründen auf die Doula verzichtet, steht ziemlich alleine da. Kaum hat man entbunden, endet die Betreuung für die Mutter. Der erste Frauenarzttermin nach einer Geburt ist für sechs Wochen später angesetzt. Das ist eine lange Zeit für eine Phase, in der der Körper durch jede Menge Wandlungen geht und mal eben eine Geburt hinter sich hat.

7. Stillberaterin, Night Nurse und Sleep Trainer

Service können die Amis ja, und da es keine Hebammen-Allround-Lösung gibt, gibt es halt für alles jemanden. Der "Lactation Consultant" hilft der neuen Mutter zu lernen, wie man das Kind richtig stillt. Wer, kaum aus der Klinik entlassen, mit dem ersten Milcheinschuss konfrontiert wird und versucht, das Kind an den plötzlich Pornostar-gleichen Busen zu legen, wird wissen, dass es nicht so einfach ist, wie man denken mag. In vielen Städten gibt es kostenlose Kursangebote. Wer vor Ort und persönlich beraten werden will, muss zahlen.

Reden wir über die "Night" oder "Baby Nurse": Gerade in den einkommensstarken Kreisen ist die Baby Nurse ein gern genommenes Accessoire und fast schon Statussymbol. Die Nurse schläft meist beim Kind. Muss es gestillt werden, bringt sie es ans Bett, die Mutter stillt und legt sich wieder hin. Windelnwechseln und einschlafen ist dann wieder Aufgabe der Nurse. Eine Baby Nurse wird meist in den ersten Tagen oder Wochen angestellt und wohnt meist auch bei den Familien. Sie unterstützt die neuen Eltern bei allem rund ums Baby.

Und zu guter Letzt sind da noch die "Sleep Trainer": Sie kommen ins Haus und trainieren das Kind zum Durchschläfer. Durch die Quarantäne-Beschränkungen gibt es seit diesem Jahr nun auch zahllose telefonische und virtuelle Trainingsangebote. Viele US-Mütter schwören auf das gezielte Einschlaf- und Durchschlaf-Training. Man muss nur wissen, was man als Eltern will. Es gibt diverse Methoden – von der in Deutschland stark umstrittenen und in den USA weiter sehr beliebten, "Cry It Out"-Variante nach Ferber bis zur sanften "No Tears"-Alternative. Viele Eltern in Amerika beginnen bereits mit einem Training, wenn ihr Kind erst wenige Wochen alt ist.

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8. Die mobile Pumpe und die heilige Brustwarze

Stillen. Mit der weiblichen Brust. Schwierig. Vor allem außerhalb der eigenen vier Wände und ohne zeltgroßes Tuch, dass alles bedeckt, was irgendwie nach Brust, Baby oder Stillen aussehen könnte. Ja, die Amis stellen sich für Fotos mit einer Maschinenpistole vors Eigenheim und finden, das Tragen einer Maske schränkt ihre persönliche Freiheit ein – aber WEHE man sieht eine Brustwarze. Daher stehen Milchpumpen hoch im Kurs (es gibt mobile, die man im BH tragen kann, während des Zoom-Calls!) Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass die amerikanische Mutter meist nach gefühlten drei Tagen wieder arbeiten gehen muss, und wer ansonsten heimlich in der Tiefgarage abpumpen gehen müsste, der ist dankbar für jede drahtlose Technik.

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Unsere Autorin

Kim Lenar-Ehrhardt ist Journalistin und Coach für Mütter. Sie lebt mit Mann, Sohn und zwei Hunden in Sagaponack bei New York und wird in wenigen Wochen ihren zweiten Sohn dort zur Welt bringen. In den bisher vier Jahren in den USA hat sie so ziemlich jedes oben genannte Thema selbst erlebt. Mehr Infos zur ihr unter kimlenarcoaching.com

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