Hört auf, diese Fragen zu stellen!

Die Familienplanung anderer Menschen ist kein Small-Talk-Thema

"Wann ist es bei euch so weit?" – "Wollt ihr noch ein Drittes?" – "Das ging aber schnell, oder?" Unsere Autorin war lange Zeit die Meisterin der übergriffigen Fragen. Heute weiß sie es besser – und hält öfter einfach mal den Mund.

"Und, bekommt ihr jetzt ein Baby?" Die Frage gefällt nicht jeder.
© Foto: Getty Images/Willie B. Thomas
"Und, bekommt ihr jetzt ein Baby?" Die Frage gefällt nicht jeder.

Eins stand für mich immer fest: Ich will Mutter werden. Erst heiraten, dann Kinder kriegen. Das war mein Plan fürs Leben. Ich hatte nie Zweifel daran. Ich hatte auch nie eine Phase, in der ich mich gefragt habe, ob ich kinderlos nicht vielleicht ein viel aufregenderes, freieres Leben führen würde. Rückblickend betrachtet empfinde ich diese absolute Gewissheit als großen Luxus.

Ein ebenso großer Luxus ist es, dass ich einen Mann kennengelernt habe, der diese Idee vom Leben genauso gut fand wie ich. Und dann hatten wir beide noch das unverschämte Glück, dass der Plan funktionierte: Zwei Monate nach der Hochzeit wurde ich das erste Mal schwanger. Zwei Jahre nach der Geburt klappte es das zweite Mal. Der größte Luxus von allem aber ist, dass wir mit der Erfüllung meines kleinen Lebensplans nicht nur meine eigenen, sondern auch sämtliche gesellschaftliche Erwartungen erfüllt haben – und das auch noch in einem zeitlich akzeptierten Rahmen.

Familie gründen – was sonst?

Warum ich die ganze Zeit darauf rumreite, was für ein Luxus das alles ist? Ganz einfach: Weil es mir selbst lange Zeit nicht bewusst war. Ich fand es normal, sich in der Kinderfrage sicher zu sein. Ich fand es auch normal, einen Partner zu finden, der diese Einstellung nicht hinterfragt. Und ich fand es normal, dass es mit der Schwangerschaft und dem Kinderkriegen dann auch klappt. Ich habe nie selbst erfahren, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Lebensplanung von der gesellschaftlich immer noch viel zu tief verankerten Erwartung einer hetero-normativen Vater-Mund-Kind-Familie mit durchschnittlich 1,3 Kindern abweicht.

Und das hat dafür gesorgt, dass ich all denen, bei denen es anders war als bei mir, jede Menge dumme Fragen gestellt habe.

Es gibt keine dummen Fragen? Oh, doch!

"Und, bekommt ihr jetzt ein Baby?", fragte ich die Kollegin kurz nach ihrer Hochzeit. So, als würde der Moment des Ja-Worts zwischen zwei Liebenden automatisch auch ein "Ja" zum Nachwuchs sein. "Wann wollt ihr denn loslegen?", bohrte ich nach, wenn mir die erste Antwort nicht konkret genug war – und setzte damit erneut voraus, dass der Kinderwunsch auf jeden Fall gegeben ist. Was aber, wenn nicht? Und was, wenn die befragte Person längst "losgelegt" hat, es aber bislang einfach nicht geklappt hat?

"Wow, so schnell wieder schwanger, war das geplant?", fragte ich die Mutter aus der Kita, deren Nachnamen ich nicht einmal kannte, geschweige denn ihre Lebensumstände. "Wollt ihr denn noch weitermachen, oder reicht's jetzt?", lachte ich dem Vater ins Gesicht, der beim Kinderturnen auf der Bank neben mir saß, und dessen Zwillinge gerade mit meiner Tochter über die Matten turnten. Und die Krönung von allem, mein absolutes Überschreiten jeglicher Grenzen: "Seid ihr wirklich sicher, dass ihr keine Kinder wollt?" Das fragte ich viele, viel zu viele Menschen in meinem Leben – einfach, weil deren Plan, keine Eltern zu werden, nicht mit meinem Plan übereinstimmte. 

"Nicht alle wollen dasselbe wie du!"

Wie oft ich durch meine Fragerei Fremde und Bekannte vor den Kopf gestoßen habe, weiß ich nicht – denn in den seltensten Fällen sprechen diese es laut aus, wenn sie finden, dass man sich gerade völlig daneben verhält. Gute Freunde hingegen tun das schon. Zum Glück. "Nicht alle wollen dasselbe Leben führen wie du. Hör auf, danach zu fragen. Es nervt!", ist einer der ehrlichsten und besten Ratschläge, die ich je bekommen habe. Und einer derjenigen, die ich mir am meisten zu Herzen genommen habe – und deshalb auch konsequent befolge.

Ich habe damit aufgehört, all diese Fragen zu stellen. Und angefangen zuzuhören. Denn wenn jemand wirklich mit einem über die eigene Familienplanung sprechen möchte, über Wünsche und Träume, über Sorgen und Zweifel, dann tut die Person das auch – ganz ohne dumme Nachfragen. Und wenn sie es nicht tut, dann ist das ihr gutes Recht. Und hat ziemlich sicher gute Gründe. Ich kann bei allen, die ich mit meinen neugierigen, unsensiblen Fragen gelöchert habe, nur um Entschuldigung bitten: Es tut mir leid. Und allen, die (wie ich früher) gern mal nachbohren, wann denn nun endlich der Klapperstorch kommt, gebe ich diesen Ratschlag, der bei mir selbst so bitter nötig war, von Herzen gern weiter: Hört auf, zu fragen. Es nervt!

Autorin: Silke Schröckert

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