Unterstützung im Wochenbett

Papas brauchen 10 bezahlte Tage Vaterschaftsurlaub nach der Geburt!

Dass Väter ein aktiver(er) Teil der Familien sein müssen, steht für viele fest. Aber wie kann das funktionieren? Unser Autor teilt sich die Care-Arbeit 50:50 mit der Mutter seines vierjährigen Sohnes auf. Und findet, dass der Grundstein für dieses Modell so früh wie möglich gelegt werden sollte.

Elternsein funktioniert am besten im Team. Das hat die Corona-Pandemie ziemlich eindrücklich gezeigt. Besonders belastet waren dabei Frauen mit Kindern, vor allem wenn diese jünger als 14 Jahre alt sind. Das zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe in Bamberg. Je kleiner die Kinder, desto häufiger kümmerten sich die Mütter fast alleine um Betreuung, Haushalt und arbeiteten noch nebenbei. Die Folgen dieser Belastung werden wir in den nächsten Monaten und Jahren noch spüren. 

Viele Mütter gehen gesundheitlich auf dem Zahnfleisch, die Müttergenesungswerke rechnen mit einem Ansturm auf Kuren. Besser kamen jene Eltern durch diverse Lockdowns und den Spagat aus Homeoffice und Homeschooling, die auch schon vorher schon viel gleichberechtigt erledigten und dieses Modell in der Pandemie beibehielten. Doch welche Lehren ziehen wir in Sachen väterlichem Engagement aus der Pandemie? Ein möglicher Weg wäre es, die Männer gleich nach der Geburt zu Hause einzubinden und damit einen Grundstein für ihr weiteres Engagement zu legen. 

Ist Vaterschaftsurlaub Konkurrenz für die Elternzeit?

Doch denken wir mal von Anfang an: Den Mutterschutz gibt es Deutschland schon lange. Acht Wochen nach Geburt, sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Das ist immens wichtig. Für frischgebackene Väter fehlt eine ähnliche Regel bisher. Natürlich muss sich ihr Körper nicht von der Geburt erholen, Schutz wäre deshalb auch der falsche Ausdruck. Gut, Urlaub trifft es auch nicht ganz. Immerhin gibt es für sie im Wochenbett genug zu tun. Doch über Namen kann man bekanntlich streiten, nicht aber über EU-Richtlinien. Eine solche zum Thema "Vereinbarkeit" ist im Mai 2019 in Kraft getreten. Darin geht es um "Mindeststandards für Mutterschutz, Elternzeit und Pflege von Angehörigen". Die ehemalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hielt diese Beschlüsse damals für einen Meilenstein für Europa. Akuten Handlungsbedarf für Deutschland sah sie nicht. Schließlich gibt es hierzulande bis zu 14 Monate Basiselterngeld.

Doch genau das reicht nicht, jedenfalls kommt zu diesem Urteil ein Gutachten des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Darin fordern Experten zusätzlich zehn bezahlte Tage Vaterschaftsurlaub direkt nach der Geburt. Das Familienministerium lehnt diese Forderung so kurz vor der Wahl und ohne richtige Führung ab und sieht den Vaterschaftsurlaub sogar als "Konkurrenz" für die Elternzeit. Kein nachvollziehbares Argument, findet Volker Baisch. "Dieser gesetzliche Anspruch hätte zwei große Vorteile. Die Väter bräuchten diese Auszeit nicht zu beantragen und wären gleich im Wochenbett präsent, könnten ihre Partnerin unterstützen und früh eine Bindung zum Kind aufbauen", erklärt der Geschäftsführer der Väter gGmbH, einer Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Vereinbarkeit. Natürlich seien zehn Tage dafür viel zu wenig, gibt Baisch zu, aber immerhin ein Anfang. 

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Über die Hälfte aller Väter nimmt keine Elternzeit

Tatsächlich gehen auch mehr als zehn Jahre nach Einführung des Elterngeldes über 60 Prozent der Väter nicht in Elternzeit. Für ihre Partnerinnen wären zehn Tage mehr Unterstützung schon ein kleiner Gewinn – gerade im Wochenbett. Denn in den ersten Wochen nach der Geburt ist die Unterstützung des Partners eigentlich "alternativlos". Die Mutter muss sich von den Anstrengungen der Geburt erholen und braucht viel Ruhe. Ihr Körper passt sich an, läuft hormonell auf Hochtouren. Gleichzeitig will ein Kind versorgt sein, Kuscheln und Stillen füllt die Tage. Währenddessen schmeißen die Väter im besten Fall den Haushalt, kochen, wechseln Windeln wie die Weltmeister, beschäftigen große Geschwister und wimmeln ungebetenen Besuch der Verwandtschaft ab. Noch wichtiger: Das Wochenbett ist die beste Gelegenheit, sich als Familie und als Eltern zurechtzufinden.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es die beste Entscheidung überhaupt war, die ersten zweieinhalb Monate zu Hause zu bleiben. Nicht nur für das nötige Handwerkszeug als Vater, sondern eben auch für das Nachdenken über meine eigenen Vorstellungen von Elternsein. Meine Entscheidung damals: Ich möchte präsenter im Leben meines Kindes sein als nur am Wochenende oder nach Feierabend. Ohne diese frühe Auszeit wäre ich vermutlich nicht so schnell auf die Idee gekommen, weniger zu arbeiten, und würde vielleicht immer noch in der traditionellen Ernährerrolle feststecken.

Andere Länder als Vorbilder

"Wir brauchten eine grundlegende Reform von Elternzeit und -geld, hin zu mehr Partnerschaftlichkeit", sagt Volker Baisch. Andere Länder in Europa sind schon weiter: So haben in Spanien seit Anfang des Jahres Väter genauso lange Anspruch auf Elternzeit wie Mütter – nämlich 16 Wochen, es gibt vollen Lohnausgleich. Auch in Island setzt man auf Gleichberechtigung, hier gibt es jeweils fünf Monate für Mama und Papa und zusätzlich zwei flexibel aufteilbare Monate. In Norwegen wurde eine ähnliche Regelung bereits 1993 eingeführt. Mit Erfolg: Fast alle Männer gehen inzwischen in Elternzeit. Bleibt zu hoffen, dass die neue Bundesregierung sich daran ein Beispiel nimmt, Familien endlich stärkt – und zwar von Anfang an.

Experten-Bild

Unser Experte

Volker Baisch

... ist Gründer und Geschäftsführer der Väter GGmbH in Hamburg. Mit seinem Team begleitet er seit zehn Jahren Unternehmen, Organisationen und Väter bei Lösungen zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Mehr Infos unter: vaeter-ggmbh.de

Autor: Birk Grüling

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