Warum es immer mehr Zwillinge gibt

Zwillingsboom: Doppelherzchen im Trend

Doppelter Nachwuchs ist keine Seltenheit mehr. Der Zwillingsboom ist deutlich spürbar. Doch was steckt dahinter? Nachgeholfen oder eine Laune der Natur?

Ob bei den Promis oder im Freundeskreis: immer häufiger kommen Zwillingspärchen zur Welt. Was früher selten war, gehört inzwischen zur Normalität. Der wachsende Trend bei doppeltem Nachwuchs ist nicht nur offensichtlich, er lässt sich auch in Zahlen darstellen. Laut Statistischem Bundesamt gibt es heute rund 40 Prozent mehr Zwillinge als noch vor 50 Jahren. 2017 kamen in Deutschland auf 784.901 Geburten 14.415 Zwillingspärchen. 1971 gab es hingegen nur 7.200 Pärchen bei über einer Million Geburten.

Damit ist die nach ihrem Erfinder benannte Hellin-Regel von 1895, nach der auf rund 85 Schwangerschaften eine Zwillingsgeburt kommt, als "Naturgesetz" längst außer Kraft gesetzt. Zumindest bei zweieiigen Zwillingen, die entstehen, wenn zwei gleichzeitig herangereifte Eizellen von verschiedenen Samenzellen befruchtet werden. Genetisch haben sie dabei nicht mehr Ähnlichkeit als normale Geschwister. Eineiige Zwillinge dagegen haben das identische Geschlecht und Erbgut, da sie aus einer befruchteten Eizelle stammen, die sich erst später geteilt hat.

Facharzt für Frauenheilkunde Prof. Bernhard-Joachim Hackelöer nennt Zahlen und Gründe für den Trend: "Die Rate eineiiger Zwillingsschwangerschaften liegt weltweit konstant bei etwa 3,5 bis 5 auf 1.000 Geburten. Neben der Reproduktionsmedizin begünstigen vor allem Vererbung, wahrscheinlich Umweltfaktoren sowie unbekannte Faktoren zweieiige Zwillingsschwangerschaften. Deren Rate in Europa wird mit 4,3 bis 7 auf 1.000 Geburten, in USA mit 11/1.000 (weiße Bevölkerung) ,16/1.000 (Afroamerikaner) und in Nigeria 54/1.000 Geburten angegeben."

Ältere Frauen – mehr Zwillinge

Ein ganz natürlicher Grund für die Zunahme von Zwillingsgeburten liegt in der Tatsache, dass Frauen heute erst später Kinder kriegen. Das statistische Durchschnittsalter von Erstgebärenden liegt in Deutschland bei knapp 30 Jahren, doch gerade in Ballungsgebieten beginnen berufstätige Frauen oft erst ab Mitte 30 mit der Familienplanung. Ein biologischer Grund für den Doppelherzchen-Trend: Je älter die Frau, desto höher die Wahrscheinlichkeit, auf ganz natürlichem Weg Mutter von Mehrlingen zu werden. Zwar sinkt mit zunehmenden Alter die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft rapide, jedoch steigt zugleich die Chance, Zwillinge zu gebären. Wissenschaftlich belegt ist, das sich mit dem Alter die Hormonregulation verändert. Zudem nimmt bei Frauen ab 35 Jahren die Eierstockfunktion ab. Da der weibliche Körper die Veränderung nicht wahrhaben will, steuert er hormonell dagegen, um wieder mehr Eisprünge zu provozieren.

"Bei älteren Frauen kommt es zum Anstieg des Hormons FSH, das für die Eibläschenbildung, die Follikel, zuständig ist. Dadurch kommt es auch häufiger zur Ausbildung zweier befruchtungsreifer Follikel," erklärt Prof. Hackelöer. "Die Spitze liegt dabei etwa bei 38 Jahren." Wenn schon, denn schon: Die Mehrproduktion von FSH erhöht so natürlich die Chance auf Mehrlinge.

Das Zwillingsgen

Doch auch junge Frauen gebären Zwillinge. Hier liegt meist eine erbliche Anlage zugrunde. Man vermutet, dass eine Mutation auf Chromosom 2, die als Andockstelle für FSH dient, den familiär gehäuften Zwillingssegen fördert. Neben dem Alter kann also auch die Genetik zum Anstieg des Eisprung-fördernden Hormons beitragen.

Auffällig viele Geburten zweieiiger Zwillinge gibt es in Westafrika, insbesondere in Nigeria. Die medizinische Ursache dafür ist unbekannt. Vermutlich spielt auch hier das Erbgut eine Rolle. Das erhöhte Vorkommen führt man zudem auf die Ernährung zurück. Durch den häufigen Verzehr der Yamswurzel, in der das Hormon Phytoöstrogen natürlich vorkommt, werden demnach die Eierstöcke stimuliert, Eier gleichzeitig zur Reife zu bringen.

Die Wahrscheinlichkeit für zweieiige Zwillinge ist dann besonders groß, wenn die Mutter selbst Zwilling ist oder Zwillinge in der Familie hat. Beim Vater allerdings können weder Zwillinge in der Verwandtschaft noch eine besonders starke Samenproduktion die Wahrscheinlichkeit für doppelten Kindersegen beeinflussen. Eineiige Zwillinge sind hingegen ein reines "Zufallsprodukt" der Natur, bei der sich nur eine einzige befruchtete Eizelle teilt. Sie sind so selten wie eh und je.  

FSH – Hormone gezielt im Einsatz

Das Follikel-stimulierende Hormon FSH spielt auch in der Kinderwunschbehandlung eine entscheidende Rolle. Neben der künstlichen Befruchtung gehört dazu auch die Hormonbehandlung, die in niedergelassenen gynäkologischen Praxen durchgeführt wird. Injektionen und Tabletten erhöhen den FSH-Spiegel der Patientinnen und stimulieren so die Eizellreifung der Frau. Solche Hormonbehandlungen muss der Arzt per Ultraschall kontrollieren, um eine Überproduktion von Eizellen und ungewollte Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden. In jedem Fall lassen sie die Wahrscheinlichkeit einer Zwillingsgeburt ansteigen.

Mehrlinge durch künstliche Befruchtung

Um die Erfolgschancen für eine Schwangerschaft zu erhöhen, lässt man bei der künstlichen Befruchtung in Kinderwunschzentren oft zwei oder mehr Eizellen befruchten. Das betrifft die In-vitro-Fertilisation (IVF), die künstliche Befruchtung der Eizelle im Reagenzglas wie auch die Intracytoplasmische Spermieninjektion (ISCI), bei der die Spermien direkt in die Eizelle gespritzt werden. Ziel der Verfahren ist, dass so wenigstens eine befruchtete Eizelle durchkommt. Das deutsche IVF-Register weist in den letzten Jahren knapp 3.000 Mehrlingsgeburten auf, über ein Fünftel der Gesamtzahl. 

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Risiko Mehrlingsgeburt

Da sie gerne die medizinischen Risiken einer Mehrlingsschwangerschaft umgehen würden, fühlen sich viele Gynäkologen sicherer, Schwangerschaften mit nur einem Kind zu betreuen. Zu den heutigen Risiken sagt Prof. Hackelöer: "Die Probleme von Mehrlingen sind insgesamt deutlich höher als bei Einlingen. Häufigere Frühgeburten, Fehlbildungen, Wachstumsstörungen sind die Ursachen. Komplikationen sind bei eineiigen Zwillingen aufgrund spezieller Störungen wie etwa dem Zwillingstransfusionssyndrom, also der Blutabgabe eines Zwillings an den anderen und damit Bedrohung beider Kinder, und insgesamt höherer Komplikationsrate deutlich häufiger. Die Geburten erfolgen im Schnitt auch zwei Wochen vor der Einlingsgeburt."

Komplikationen bei eineiigen Zwillingen

Mitunter schwere Probleme können vor allem bei der Schwangerschaft mit eineiigen Zwillingen auftreten, weiß Prof Hackelöer: "Die Komplikationsrate eineiiger Zwillinge ist deutlich höher, da zwei Kinder sich einen Mutterkuchen teilen müssen. Dabei ist häufig der jeweilige Anteil an dem Mutterkuchen nicht gleich groß. Es können bei der frühen Entwicklung der Kinder häufiger Störungen und Fehlbildungen vorkommen und durch "Gefäßkurzschlüsse" zwischen den Kindern schwere Probleme entstehen. Diese müssen dann durch Spezialisten mit Operationen im Mutterleib gelöst werden."

Doppelte Kraft voraus

Trotz aller Umstände sieht Facharzt Prof. Hackelöer den Zwillingsboom als Ergebnis einer Hormonbehandlung bei Kinderwunsch positiv: "Dagegen ist nichts zu sagen. Es ist doch schön, wenn Frauen, bei denen es sonst nicht klappt, sogar doppelt schwanger werden können." Wer gut vorplant, den richtigen Facharzt an seiner Seite hat und auf eine für Mehrlingsgeburten spezialisierte Entbindungsklinik setzt, muss sich keine Sorgen machen.

Schwanger mit Zwillingen? Das ist wichtig:

Unser Experte für Frauenheilkunde und Geburtshilfe gibt Schwangeren mit Zwillingssegen hilfreiche Ratschläge mit auf den Weg:

  1. Suche dir einen Arzt, der Erfahrung in der Betreuung solcher Schwangerschaften hat (ruhig konkret nachfragen, wie viele Zwillingsmütter bereits betreut wurden). Auch eine begleitende Hebammenbetreuung kann gut sein, reicht aber alleine nicht aus.
  2. Informiere dich frühzeitig, ob es sich um ein- oder zweieiige Zwillinge handelt, da das erhebliche Unterschiede in der Betreuung ausmacht. Problematisch wird es, wenn der Arzt das nicht feststellen kann.
  3. Such dir frühzeitig eine geeignete Geburtsklinik, etwa ein Perinatalzentrum Level 1 mit Neugeborenenabteilung, in der man bei eventuellen Komplikationen während der Schwangerschaft oder unter der Geburt gut aufgehoben ist.
Experten-Bild

Unser Experte:

Prof. Dr. med. Bernhard-Joachim Hackelöer
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit Praxis für
Pränatale-Gyn-Mammasonografie DEGUM III in Hamburg

Autorin: Antonia Müller

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