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Spannende Erkenntnisse

Zwillingsforschung: Zweifach ist nicht einfach

"Sie erwarten Zwillinge". Ein Satz, der das Gros der Mamas und Papas in spe wohl erst Mal umhaut. Mit dem Bauch wächst jedoch die Vorfreude. Auf zwei Menschen, die ähnlicher nicht sein könnten. Und doch so verschieden sind. Spannende Erkenntnisse aus der Zwillingsforschung.

Moses und Aaron Wilcox kommen im Jahr 1819 nach Millsville, Ohio. Sie verkaufen Land zu günstigen Preisen. Und sie sind auch bereit, Land für einen öffentlichen Platz und 20.000 Dollar für eine Schule zu stiften – vorausgesetzt, die Regierung benennt Millsville in Twinsburg um. Moses und Aaron Wilcox sind nämlich eineiige Zwillinge, die sich – so sagt man – derart ähnlich sind, dass selbst ihre engsten Freunde sie kaum auseinanderzuhalten vermögen.

Die Zwillingsbrüder waren Zeit ihres Lebens Geschäftspartner, heirateten zwei Schwestern, bekamen gleichviele Kinder und starben im Abstand von nur wenige Stunden. Twinsburg ist heute ein Städtchen mit rund 17.000 Einwohnern, in dem jedes Jahr im August das größte Zwillingstreffen der Welt stattfindet.  

Zwillingsforschung ist spannend

2010 kamen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 11.573 Zwillinge zur Welt – Tendenz steigend. Das dürfte die Zwillingsforscher Dr. Andreas Busjahn und Professor Frank Spinath freuen. Schließlich steigt damit auch die Anzahl potenzieller Probanden. Dr. Andreas Busjahn ist Leiter des Berliner "HealthTwiSt"-Instituts, das auf Zwillingsstudien zum Thema Gesundheit spezialisiert ist – und hat sich bereits seit 15 Jahren der Zwillingsforschung verschrieben. Warum?

"Weil uns Zwillinge eindrucksvoll vor Augen führen, dass wir biologische Wesen mit vordefinierten Grenzen sind", unterstreicht Dr. Busjahn. "Sie können uns helfen herauszufinden, inwieweit wir durch unsere Gene vordefiniert und durch die Umwelt formbar sind. Was macht uns zu dem, der wir sind? Bestimmen die Gene, wer wir sind? Oder Umwelt und Erziehung? Mithilfe von Zwillingen können wir Antworten auf diese Fragen finden."

Was Dr. Busjahn inzwischen weiß: Gene und Umwelt sind gleichermaßen daran beteiligt, welche Eigenschaften ein Mensch hat. Jetzt geht es darum, herauszufinden, wie genau das Wechselspiel zwischen beiden funktioniert. Professor Spinath von der Universität des Saarlandes interessiert sich indes weniger für einzelne Gene. "Wir untersuchen Persönlichkeitsmerkmale. Wir bitten jeden Zwilling zunächst, sich selbst einzuschätzen – beispielsweise, ob er gerne unter Menschen ist, ob er schnell Freunde findet etc. Anhand dieser Einschätzungen können wir Werte berechnen, die wir miteinander vergleichen und die zeigen, wie ähnlich sich ein- und zweieiige Zwillinge sind."

Das Ergebnis: Eineiige Zwillinge sind sich in vielen Eigenschaften etwa doppelt so ähnlich wie zweieiige. Professor Spinath: "Das passt zum genetischen Erklärungsmuster. Schließlich teilen sich eineiige Zwillinge einhundert Prozent der Gene, zweieiige nur die Hälfte."

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Verbunden und doch so verschieden

Das erklärt wohl auch die innige Verbundenheit zwischen eineiigen Zwillingen. Man kennt den Bruder oder die Schwester  wie kein anderer, versteht den anderen blind, weil er genauso tickt und genauso aussieht, wie man selbst. Professor Spinath ist überzeugt, dass Zwillinge eine besondere Verbindung haben, warnt aber auch davor, die Sache mit dem "unsichtbaren Band" zu ernst zu nehmen.

"Die Annahme, Zwillinge können über eine Distanz von 200 Kilometern fühlen, wie es dem anderen geht, halte ich schlicht für Unsinn. Es gibt keine wissenschaftlichen Befunde, die das belegen. Und keines der Zwillingspaare, die wir in unseren Untersuchungen" befragt haben, hat das bestätigt.“

Fakt ist: Es hat nicht nur Vorteile, wenn man einen Menschen so gut kennt. Dr. Busjahn hat erlebt, dass diese extreme Nähe auch umschlagen kann. "Zwillinge wissen natürlich genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, um dem anderen weh zu tun. Wir haben bei unseren Untersuchungen Zwillingspaare kennen gelernt, die sich so gestritten haben, dass wir sie nicht mehr gemeinsam zu Studien einladen dürfen." Nicht zuletzt sind Konflikte auch vorprogrammiert, weil sich Zwillinge schon vor der Geburt alles teilen müssen: den Platz in Mamas Bauch, später die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern. Und doppelt füttern, wickeln und trösten verlangt Müttern und Vätern wiederum alles ab.

Vom Wir zum Ich

Sie müssen den Zwillingen Fläschchen geben, die Zwillinge in die Kita bringen oder die Zwillinge ... Die Zwillinge – nicht etwa Finn und Frederick, Laura und Luiz. "Die meisten Eltern bemühen sich, ihr Duo nicht über einen Kamm zu scheren, erwischen sich aber doch immer wieder dabei, wie sie Formulierungen mit 'ihr' verwenden", stellt Dr. Busjahn fest. Wichtig sei, dass Eltern auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen "und ein Gespür dafür bekommen, was ihre Kinder selbst wollen".

Wenn Zwillinge zum Beispiel das gleiche Outfit anziehen möchten, sollten Eltern ihnen den Wunsch nicht abschlagen; ihnen den Partnerlook aber auch nicht aufdrängen, wenn die Kinder ihn partout nicht wollen. Und wenn sie ohne einander (noch) nicht können, sind verschiedene Kitagruppen und Schulklassen keine gute Wahl. Der Wunsch nach Individualität ist bei jedem Zwilling unterschiedlich ausgeprägt.

"Mancher Zwilling entscheidet sich irgendwann ganz bewusst, Dinge anders zu tun, als der Bruder oder die Schwester, um so etwas wie ein Ich zu entwickeln", weiß Dr. Busjahn. Der Wissenschaftler kennt aus seiner Praxis allerdings manche Zwillingspaare, denen es noch nicht individuell genug ist, wenn der eine zum Sport und der andere zum Klavierunterricht geht. "Es gibt Zwillinge, die an unseren Studien nur deshalb teilnehmen, weil sie von uns Belege wollen, dass sie wirklich unterschiedlich sind."

Unterschiede –  Professor Spinath ist froh, dass es sie gibt. "Meine Haupterkenntnis aus der Zwillingsforschung lautet: Unterschiede zwischen Menschen sind etwas, das wir respektieren sollten. Zwillinge sind wie alle Menschen unterschiedlich in ihren Fähigkeiten und Interessen. Und man sollte nicht versuchen, diese Unterschiede aufzulösen." Schließlich helfen sie uns, Zwillinge auseinander zu halten. Professor Spinath hat durch seine Projekte mehr als 300 Zwillingspaare persönlich kennen gelernt. "Trotzdem kam es immer wieder vor, dass ich – trotz meiner beruflichen Routine als Zwillingsexperte – raten musste, wer wer ist, weil sich die Zwillinge so ähnlich sahen."

Unsere Experten:

Professor Dr. Frank M. Spinath, Differentielle Psychologie und psychologische Diagnostik, Universität des Saarlandes

Dr. Andreas Busjahn, Klinischer Psychologe und Leiter des „HealthTwiSt“ Zwillingsregisters Berlin, www.healthtwist.de

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