Geburtsgeschichte

Lino, unser Regenbogenkind

Am 10. Dezember 2017 erlebten Katrin und Sven das wohl Schlimmste, das werdende Eltern erleben können: Ihre Zwillinge starben im Bauch der Mama, wurden tot geboren. Noch immer voller Trauer, konnte Katrin ein paar Monate später kaum fassen, dass sie wieder schwanger ist. Exakt ein Jahr nach ihren beiden Sternenkindern kam am 10. Dezember 2018 der kleine Lino zur Welt. In einem Brief an ihn schildert Katrin ihre bewegende Geschichte.

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um die Geburt zweier Babys, die im Mutterleib verstarben und tot geboren wurden. 

Lieber Lino,

kaum zu fassen, dass du nun schon 30 Monate bei uns bist. Wenn wir im Dezember deinen dritten Geburtstag feiern, bist du nicht der Einzige, den wir feiern und ehren. Denn am 10. Dezember werden wir auch immer an deine beiden älteren Brüder Liam und Noel denken. Sie kamen genau ein Jahr vor dir auf die Welt – als Sternenkinder. Nun passen sie vom Himmel aus auf dich auf ...

2017 hielten dein Papa und ich nach zwei Jahren erfolgloser Versuche einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Der Arzt stellte bei der Untersuchung fest, dass wir eineiige Zwillinge erwarteten. Alles lief wunderbar, die beiden entwickelten sich mehr als 30 Wochen lang sehr gut – obwohl deine Brüder einen Sonderfall darstellten. Sie hatten getrennte Fruchtblasen, allerdings eine gemeinsame Plazenta. Nach den finalen Vorsorgeuntersuchungen ging es in der Nacht vom 8. Dezember 2017 los. Ein Ziehen breitete sich über den ganzen Bauch aus, gegen Mittag konnte ich kaum noch laufen. Zeit also, um mir die Kliniktasche zu schnappen und ins Krankenhaus zu fahren. Dort angekommen, wurden wir von einem Raum in den nächsten geschickt, immer mehr Personen kamen dazu. Wir verstanden sofort, dass mit Liam und Noel etwas nicht stimmte. Es konnten keine Herztöne gefunden werden. Wir erfuhren, dass unsere beiden Kinder in der Nacht verstorben waren. Schuld war die spezielle Form der Zwillingsschwangerschaft: Noel hatte quasi die Nabelschnur von Liam angezapft, wurde dadurch über- und Liam unterversorgt.

Ich entschied, dass wir im Krankenhaus bleiben und sofort mit der Geburt beginnen. Die Ärzte rieten mir von einem Kaiserschnitt ab, ich sollte deine Geschwister natürlich zur Welt bringen: weil der Verarbeitungs- und Trauerprozess mit der Geburt beginnt. Mir wurde ein Cocktail aus Opiaten verabreicht, damit ich vor lauter Schmerzen ein wenig zur Ruhe kommen konnte. Außerdem wurde mir vorsorglich eine PDA gelegt, um mir die Geburt so einfach wie möglich zu machen. Draußen fing es wie verrückt an zu schneien, und drinnen nutzten wir trotz des noch geschlossenen Muttermundes jede Presswehe. Und tatsächlich öffnete sich schließlich auch der Muttermund. 

Um 13.10 Uhr kam Noel mit stolzen 49 Zentimetern zur Welt. Mir ging es sofort deutlich besser, der durchgängige Schmerz war wie weggeblasen. 20 Minuten später folgte Liam, er war 46 Zentimeter groß. Obwohl ich ja wusste, dass beide nicht mehr lebten, hoffte ich doch auf einen Schrei oder einen Atemzug. Ich fragte mich in Gedanken, ob man sie nicht einfach wiederbeleben könne. Absurd, natürlich, doch die Hoffnung wollte einfach noch nicht weichen. Und anstatt zu weinen, fühlte ich mich in dem Augenblick einfach nur erleichtert, dass es geschafft war. Wir fühlten sogar so etwas wie Familienglück, als wir die beiden kleinen Schätze im Arm hielten. Sie waren so perfekt, so warm und sahen aus, als würden sie schlafen.

Am Abend um 19 Uhr ließen wir die Kinder im Beisein der Familie und Paten segnen und blieben noch eine Nacht im Krankenhaus. Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns von den Zwergen und fuhren nach Hause, um die weiteren Schritte zu organisieren. Es war keine leichte Zeit. Trotzdem wünschten wir uns mehr denn je, ein Kind zu bekommen. Deshalb entschieden wir, nicht lange auf den nächsten Versuch zu warten. 

Lino, was soll ich dir sagen, schon drei Monate nach der Geburt deiner Brüder hielt ich bereits wieder einen positiven Test in der Hand. Jetzt warst du an der Reihe! Lino – eine Kombination aus den Anfangsbuchstaben der Namen unserer Erstgeborenen Liam und Noel. Als dein Papa und ich dann noch die Bedeutung deines Namens erfuhren, blieb kein Zweifel mehr. Lino heißt der Trauernde, der Löwenstarke, der Engel und der Ersehnte. Besser hätte dein Name gar nicht passen können!

Deine Geburt wurde für den 18. Dezember 2018 errechnet. Oma verkündete sofort: "Der kommt auch am 10. zur Welt!" Leider passt sie, wie du weißt, mittlerweile gemeinsam mit deinen beiden Schutzengeln vom Himmel aus auf dich auf. Doch zu dieser Zeit war sie noch an meiner Seite. Die Schwangerschaft mit dir verlief problemlos. Ich hatte mir fest vorgenommen, der Angst keinen Raum zu geben und mich möglichst unbeschwert auf dich zu freuen. Das gelang mir glücklicherweise auch gut.

Am 8. Dezember bemerkte ich das erste Ziepen im Bauch. Obwohl ich bereits eine Geburt hinter mir hatte, wusste ich nicht, wie sich richtige Wehen anfühlten. Bei den Zwillingen wurde ja eingeleitet, und ich wartete vergeblich auf eine Pause der Schmerzen. Da ich den Druck und das Ziehen bei dir noch gut aushalten konnte, handelte ich noch nicht. Dein Papa ging mir allerdings auf die Nerven, weil er ständig fragte, ob es jetzt so weit sei. Er wollte möglichst gleich schon ins Krankenhaus fahren. Eine gewisse Zeit lang konnte ich mich durchsetzen, doch am 10. Dezember gab ich dann morgens nach. Mir war aber wichtig, dass wir zuerst noch auf den Friedhof fahren, um Liam und Noel zum Geburtstag zu gratulieren. Unterwegs nahmen die Wehen zu: Es fühlte sich an, als würde ich gleich platzen, und ich konnte kaum noch sitzen. Auch aussteigen konnte ich nur noch mit Hilfe. Wir blieben deshalb auch gar nicht lang bei Liam und Noel, sondern stiegen schnell wieder ins Auto ein und flitzten ins Krankenhaus.

Dort durfte ich in die Badewanne. Es ging unglaublich zügig voran. Nur 13 Minuten nach der ersten Presswehe, um 20.43 Uhr, warst du dann da! Mit großen Augen schwammst du im Wasser – ein unbeschreiblicher Moment des Glücks! Du lebtest, und es ging dir gut! Ich war so beschäftigt damit, dich anzusehen, dass ich auch diesmal keine (Freuden-)Tränen vergoss. Im Vergleich zur letzten Geburt ging es mir blendend, und auch die Schmerzen empfand ich irgendwie als Klacks. Für mich und auch für deinen Papa erwies sich dieses schöne Erlebnis als beste Therapie für die vorangegangene sehr traurige Erfahrung

Und auch wenn wir erst einen schweren Schicksalsschlag ertragen mussten, sind wir stolz auf unsere drei Kinder – zwei im Herzen und eines an der Hand. Denn ohne Liam und Noel gäbe es dich nicht, lieber Lino. Und dafür sind wir ihnen auf ewig unendlich dankbar!

Deine Mama

Noch mehr Geburtsgeschichten

Die Zeilen an Lino könnt ihr auch in unserem neuen "Leben & erziehen"-Buch nachlesen: Es enthält 30 wunderschöne Briefe von Eltern, die ihren Kindern von ihrer Geburt berichten. Manche sind aufregend, einige dramatisch, viele ungewöhnlich – und alle einzigartig, so wie auch jedes Baby es ist.

"Die Geschichte deiner Geburt – Mein Brief für dich“, aufgezeichnet von Andrea Leim. 192 Seiten, mit Eintrageseiten für den eigenen Brief.
Migo-Verlag, gebundene Ausgabe 15 Euro, über Amazon*,
für den Kindle, 9,99 Euro, über Amazon*

></div>




  <div class=

Autorin: Andrea Leim

Teile diesen Artikel: