Wucherndes Abwehrgewebe

Polypen bei Kindern: So behandelt man sie heute

Jeder hat sie, und manchmal machen sie Probleme. Polypen sitzen im Nasen-Rachen-Raum und bei jedem Kontakt mit Keimen vergrößern sie sich – ganz normal und wichtig, denn dabei reift das Immunsystem. Werden Polypen bei Kindern aber zu groß, kann es sogar zu Entwicklungsverzögerungen kommen. Wir haben einen Experten gefragt, was dann zu tun ist.

Bei Kindern führen vergrößerte Polypen mitunter zu Ohrenschmerzen oder anderen Beschwerden.
© Foto: Getty Images/Olga Simonova/EyeEm
Bei Kindern führen vergrößerte Polypen mitunter zu Ohrenschmerzen oder anderen Beschwerden.

Verstopfte Nase, ständig erkältet, schnarchen in der Nacht und Hörschwierigkeiten: Schnell raus mit den Polypen und die Mandeln am besten gleich mit? Früher war das gang und gäbe, aber heute greifen HNO-Ärzte nicht mehr so schnell zum Skalpell. Denn Polypen haben eine wichtige Aufgabe: Sie fangen als Türsteher Bakterien und Viren ab. Eigentlich, um ganz genau zu sein, sind das, was wir als Polypen bezeichnen, keine im medizinischen Sinne. Sondern es sind Rachenmandeln, die versteckt hinter der Nase sitzen.

Polypen schulen unser Immunsystem

Dringen Keime durch Mund oder Nase ein, bleiben sie an den Rachenmandeln (und auch Zungen- und Gaumenmandeln) hängen. "Hier sind besonders viele Fresszellen, die Bakterien oder Viren in ihre Eiweißbestandteile zerlegen", sagt Bernhard Junge-Hülsing. Die Eiweißbestandteile, die sogenannten Antigene, gelangen in den Körper und über eine Reihe von Abwehrzellen an B-Lymphozyten. "Die B-Lymphozyten schwimmen durchs Blut und wenn das nächste Mal das gleiche Bakterium ankommt, erkennen sie es wieder und geben Antikörper ins Blut ab", sagt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Starnberg. Das erklärt auch, warum ein Schnupfen bei uns Erwachsenen sieben bis zehn Tage dauert, bei den Kids gerne mal vier Wochen. Unsere Abwehr ist abgeschlossen, ihre noch in der Lernphase. "Man braucht diese Mandeln und Polypen zum Erwerb der Abwehr bis ungefähr zur Pubertät. Danach sind sie Zellmüll", erklärt Bernhard Junge-Hülsing.

Diese Symptome deuten auf vergrößerte Polypen hin

Das Problem: Je öfter die Rachenmandeln mit Keimen in Berührung kommen – und das tun sie in Krippe und Kindergarten ja quasi ununterbrochen – desto mehr schwillt das Gewebe an. Kinder zwischen zwei und fünf Jahren sind daher häufig betroffen. Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihr Kind ständig mit offenem Mund atmet, nachts schnarcht oder sich (je nach Alter) nicht schnäuzen kann. Dadurch, dass die Luft nicht von der Nase gefiltert, sondern samt Keimen direkt in den Hals dringt, häufen sich Husten, Halsschmerzen und Mandelentzündungen.

Ein wichtiges Indiz für Polypen sind außerdem häufige Ohrentzündungen. "Vergrößerte Polypen verlegen die Mündung der sogenannten Eustachischen Röhre", erklärt der Mediziner und meint damit den Gang zwischen Nasen-Rachen und Mittelohr. "Das Ohr kann nicht mehr belüftet werden und der Druckausgleich funktioniert nicht." Infolgedessen sammelt sich Wasser im Mittelohr an, das auch bei ausgeheilter Entzündung nicht in den Nasen-Rachen-Raum abfließen kann. Mediziner sprechen dann von einem Paukenerguss. Man erkennt Probleme mit vergrößerten Polypen deshalb auch daran, dass die Kinder schlecht hören. Auf Dauer kann das zu Entwicklungsstörungen zum Beispiel beim Sprechen führen.

Hausmittel oder operieren: Wann sollte man beim Kind die Polypen entfernen lassen?

Im Prinzip werden zunächst einmal die Infekte wie gewohnt behandelt: mit viel Trinken, schleimlösenden Mitteln mit Extrakten aus Heilpflanzen wie Thymian oder Efeu und Inhalieren. Wer gute Erfahrungen mit Homöopathie gemacht hat, kann gegen die Schwellung die Globuli Agraphis nutans, Calcium carbonicum oder Barium carbonicum ausprobieren.

"Der Arzt macht im Grunde auch nichts anderes als wait and see", sagt Dr. Junge-Hülsing. Aufgrund einer Studie werde momentan empfohlen, ein paar Wochen lang mit Kortisonspray zu therapieren. Es wirkt abschwellend. Steckt hinter den vergrößerten Polypen eine bisher unentdeckte Allergie, wird diese dadurch gleich mit behandelt. Wichtig zu wissen ist laut Dr. Junge-Hülsing, dass das lymphatische Gewebe nach dem Infekt erst innerhalb von vier bis acht Wochen wieder abschwillt. Rät ein HNO-Arzt direkt nach einem akuten Infekt zur sofortigen Entfernung der vergrößerten Polypen, sei das in der Regel übereilt. "Ich persönlich beobachte das immer über drei Monate. Sind die Rachenmandeln dann immer noch zu groß, empfehle ich die Operation."

So werden Polypen heute operiert

Spricht alles für eine OP (siehe unten), wird das Kind in eine etwa zehnminütige Vollnarkose versetzt. "Mit einer Art Spargelschäler, dem Beckmann’schen Ringmesser, trägt man die Polypen vorsichtig ab. Das macht eine fingernagelgroße Wunde im Rachen und tut nicht weh", sagt der HNO-Arzt. Ganz anders also als die Gaumenmandel-OP, nach der viele Kinder Schmerzmittel benötigen. Am Tag des Polypen-Eingriffs sind Milchprodukte tabu und bis zum nächsten Tag ist Ruhe wichtig. Nach etwa fünf Tagen kann's wieder in den Kindergarten gehen.

Übrigens ist die Immunabwehr ohne Polypen nicht etwa geschwächt. Die Zungen- und Gaumenmandeln können den Job der lokalen Immunabwehr gut allein übernehmen – letztere werden heutzutage nur noch in Teilen entfernt. Theoretisch können Polypen wieder nachwachsen, in 15 Prozent der Fälle ist laut Dr. Junge-Hülsing eine zweite Operation nötig. "Das ist aber nicht schlimm. Denn die Entwicklungsstörungen sind immer das größere Problem, nicht die erneute OP."

Autorin: Anna Senft

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