Große Emotionen

Hochsensible Kinder: Signale, die Eltern NICHT ignorieren sollten

Sie hören das leiseste Knacken im Haus. Oder nehmen Gerüche eher wahr als andere Kinder. Und auch generell haben sie viel feinere (emotionale) Antennen als ihre Freunde. Die Rede ist von hochsensiblen Kindern. In Deutschland keine offiziell anerkannte Diagnose, doch es sind mehr Kinder betroffen, als man denkt.

Hochsensible Kinder haben feine Antennen und können sich ins Gefühlsleben ihrer Mitmenschen einfühlen.
© Foto: iStock/middelveld
Hochsensible Kinder haben feine Antennen und können sich ins Gefühlsleben ihrer Mitmenschen einfühlen.

Sie können die Stecknadel hören, die im anderen Raum auf den Boden fällt. Sie riechen die feinsten Nuancen, wirken manchmal nachdenklicher – und sind unheimlich mitfühlend. Doch für hochsensible Kinder können Streit und Stress auch schnell überfordernd sein. Sie reagieren nicht nur auf Gerüche, Stoffe oder Berührungen empfindlich. Was genau dahintersteckt? Wir erklären es euch!

Was sind hochsensible Kinder?

Es ist keine Seltenheit, wenn Kinder hochsensibel sind. Laut Schätzungen sind zwischen 15 und 20 Prozent aller Menschen betroffen. Entdeckt wurde die Hochsensibilität in den 90er-Jahren von der amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron. Sie stellte fest, dass einige Menschen gewisse Reize und Informationen anders wahrnehmen und ausführlicher verarbeiten als andere. In unserer Vergangenheit dienten diese feineren Antennen dazu, Gefahrenquellen schneller zu lokalisieren und somit die Mitmenschen fixer warnen zu können. Heutzutage wird werden hochsensible Kinder und Erwachsene leider häufig missverstanden oder als "zu weinerlich", "übersensibel", "hitzköpfig" oder "schüchtern" bezeichnet. Oftmals bleibt Hochsensibilität nämlich unentdeckt.

Bei der sogenannten Hochsensibilität handelt es sich in Deutschland NICHT um ein offiziell anerkanntes psychologisches Konzept. Es gibt dazu keinen ICD-Code (ein System, durch das medizinische Diagnosen einheitlich benannt werden) und auch keine Diagnostik. Es ist keine Krankheit. Was aber nicht heißt, dass der Alltag mit einem hochsensiblen Kind nicht herausfordernd sein kann ...

Wie zeigt sich Hochsensibilität?

In der Regel nehmen alle Kinder viel mehr wahr, als wir Erwachsenen manchmal glauben. Doch das bedeutet noch nicht, dass alle Kinder hochsensibel sind. Hochsensible Persönlichkeiten (auch: HSP) verarbeiten allgemein viel gründlicher und reflektieren stärker. Sie sind nachdenklicher, stellen mehr infrage (philosophischer) und nehmen jede noch so kleine Veränderung ihrer Umwelt wahr. Sie saugen quasi alle Reize um sich herum auf, wie ein kleiner Schwamm.

Was Eltern nicht unbedingt merken: Hypersensible Kinder haben einen viel ausgeprägteren Geruchssinn als andere Kinder. Auch ihr Geschmackssinn kann intensiver entwickelt sein, jede kleine Nuance wird herausgeschmeckt. Und auch ihr Gehör ist sehr fein.

Anzeichen: Daran erkennt ihr, ob euer Kind hochsensibel ist

Die folgenden Eigenschaften können dafür sprechen, dass euer Kind tatsächlich hochsensibel ist. Wichtig: Das alles muss keinesfalls in der kompletten Kombination vorliegen.

  • Ausgeprägter Sinn für das Schöne und Ästhetische
  • Das Kind wirkt oft erwachsener und abgeklärter als Geschwister oder Altersgenossen.
  • Viel Fantasie vorhanden: Kinder verkrümeln sich häufig in ihre Traumwelt.
  • Starke Intuition und Feinfühligkeit
  • Neigt dazu, Dinge schneller zu hinterfragen und philosophiert gern
  • Stellen kluge Fragen, auf die andere (in diesem Alter) gar nicht kommen.
  • Eher ein zurückhaltender Einzelgänger als ein extrovertierter Gruppenmensch
  • Das Kind ist übererregbar und neigt zu Wutausbrüchen.
  • Probleme mit Stressbewältigung
  • Hat einen altersuntypischen Sinn für Humor und Ironie
  • Sensorisch empfindlicher: Lärm oder Schmerz werden stärker wahrgenommen. Auch Allergien können eher auftreten.
  • Euer Kind ist harmoniebedürftig.
  • Starker Gerechtigkeitssinn
  • Konflikte nimmt das Kind sehr persönlich.
  • Nimmt jede Art von Sinneseindrücken sehr intensiv wahr (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken)
  • Reagiert empfindlicher auf Berührungen
  • Extrem starkes Mitgefühl in Bezug auf Menschen und Tiere
  • Euer Kind wird häufig von Selbstzweifeln geplagt.
  • Starker Drang zur Selbstkritik (viel zu hohe Ansprüche an sich selbst)
  • Das Kind ist schnell überfordert (Anzeichen: Konzentrationsschwäche oder körperliche Signale wie etwa Schwindelanfälle).
  • Plötzliche Veränderungen müssen erst verarbeitet werden. Die Folge ist ein schwereres Annehmen.
  • Weist einen vernetzten Denkstil auf, der eher breit gefasst und nicht auf ein Spezialgebiet ausgelegt ist
  • Das Kind braucht (besonders nach aufregenden Ereignissen) viel und Ruhe.
  • Besitzt einen auffällig hohen Sprachschatz im jungen Alter und ein besseres Sprachverständnis
  • Ein hochsensibles Kind entlarvt Lügner schnell.

Sozialverhalten: Hochsensible Kinder in Kindergarten und Schule

Wie kommen hochsensible Persönlichkeiten in der Kita oder der Schule zurecht? Besonders auffällig kann die Hochsensibilität im Zuge der Kita-Eingewöhnung werden. Denn meistens haben diese Kinder ihre Probleme damit, wenn größere und kleinere Veränderungen anstehen. Und besonders die Eingewöhnung kann dann schwerfallen, denn sie fühlen sich ihren Altersgenossen oftmals nicht richtig zugehörig. Soziale Grenzen kennen sie noch nicht – wenn, dann nehmen sie diese viel zu persönlich. 

In der Schule kann die Hochsensibilität deutlich werden, wenn Kinder etwa mit Lehrern als Autoritätspersonen und Kritik konfrontiert werden. Betroffene Kids sind in der Schule oft Einzelgänger und/oder haben eher Kontakt zu Älteren. Werden schnell abgestempelt: Begriffe wie "verhaltensauffällig" oder "AD(H)S" können durchaus zu schnell fallen. 

Aber auch andere aufregende Situationen können schnell überfordern. Partys und Feiern (z.B. Feiertage wie Weihnachten oder Geburtstage) können für hochsensible Kinder besonders stressig sein.

Was in Kita und Schule beachtet werden sollte

Wichtig ist die innere Einstellung der Erziehenden in der . Sie sollten das Kind so annehmen, wie es ist. Eine innere Haltung, die von Wertschätzung und Akzeptanz geprägt ist, hilft hier ungemein. Sätze wie "Sei nicht so empfindlich" sollten hochsensible Kinder (dort) nicht zu hören bekommen. Vielmehr sollten die Erzieher auf die Gefühle des Kindes eingehen – und diese auch erklären. Nicht vergessen werden sollte auch, dass Kinder die Gefühle und Stimmungen von Erwachsenen durchaus wahrnehmen. Und: Die Kleinen spüren außerdem die "Vertuschung" der eigenen Stimmungslage. Es verunsichert sie, wenn sie getäuscht werden. Das kann sich dann auch durch auffälliges Verhalten äußern.

Liebe Erzieher, bitte nehmt die Bedürfnisse der hochsensiblen Kinder ernst. Es ist nicht der Fall, dass das Kind übertreibt. Es stellt sich auch nicht an. Hochsensible Kids brauchen mitunter länger für gewisse Dinge (z.B. Schuhe anziehen oder Spielsachen aufräumen). Schließlich denken sie differenzierter und detaillierter als andere Kinder. Doch das kann die Reaktionsfähigkeit verlangsamen. Wichtig: Das Kita-Personal sollte Geduld haben und keinen (Zeit-)Druck aufbauen.

Hochsensible Kinder: Test beim Experten kann Aufschluss geben

Die gute Nachricht ist, dass es sich nicht um eine Erkrankung handelt. Vielmehr um eine Persönlichkeitsvariante. Doch viele Eltern möchten dennoch gern die Gewissheit haben, ob ihr Kind hochsensibel ist oder eben "nur" besonders gefühlsstark. Hochsensibilität ist weit verbreitet – und häufig haben Mama und Papa schon ein richtiges Bauchgefühl. Doch wer den Verdacht hat, dass sein Kind betroffen ist, der kann sich von einem Kinderpsychologen beraten lassen. Dieser stellt dann professionell fest, ob es sich um Hochsensibilität oder gar um Hochbegabung, AD(H)S oder Autismus handelt. Die Hochsensibilität als Eltern zu erkennen, kann helfen, sein Kind besser zu verstehen. Endlich wird klar, warum das Kind oft so anders tickt als erwartet. Außerdem hilfreich: Er gibt euch weitere Tipps für den Umgang mit den besonderen Bedürfnissen eines hochsensiblen Kindes.

Hochsensible Kinder und Schlafprobleme – keine Seltenheit!

Oftmals haben hochsensible Persönlichkeiten Probleme beim (Ein-)Schlafen. Doch was kann da helfen?

  • Feste Rituale zur Schlafenszeit etablieren.
  • Sorgt für eine entspannte Atmosphäre am Abend.
  • Euer Kind kommt nicht gleich zur Ruhe und ist total überreizt? Dann hier eine Idee: Sagt ihm, dass es immer, wenn es noch nicht gut einschlafen kann, einen Schluck Wasser trinken kann. Denn Wasser kann dabei helfen, das Stresshormon Cortisol abzubauen – und dieses ist bei hochsensiblen Kids im Übermaß vorhanden.
  • Redet vor dem Schlafengehen entspannt über den Tag, der hinter euch liegt: “Was hat dir heute am besten gefallen, was hat dir nicht gefallen?” So könnt ihr eurem Kind helfen, seine (Sinnes-)Eindrücke besser zu verarbeiten. Außerdem wird durch das Interesse so auch das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt.
  • Körperkontakt beim Einschlafen (nach Bedarf): Streicheleinheiten können beim Einschlafen helfen. Am besten beim Erzählen über den Tag! So helft ihr dem Körper eures Kindes beim Verarbeiten der Informationen des ganzen Tages.

Die richtigen Hobbys für hochsensible Kinder finden

Schützt euer hochsensibles Kind vor einer Reizüberflutung. Regelmäßige Pausen können dabei helfen. Kinder sollten sich in ihrer Freizeit auch mal zurückziehen können und nicht zu viel auf dem Zettel haben. Vor allem, wenn sie sich schnell überreizt fühlen. Sprecht mit euren Kleinen – über Wünsche, Vorlieben und ihren Stresspegel. Bewegung in der Natur kann dabei helfen, weniger Stresshormone auszuschütten. Wählt Hobbys mit Bedacht: Meistens sind hochsensible Kinder besonders kreativ, musikalisch und fantasievoll.

Fokussieren will gelernt sein: Überstimulation ist ein Prozess ohne Fokus. Und das Zuviel der wahrgenommenen Einflüsse und Reize kann schnell überfordern. Deshalb kann es sinnvoll sein, hochsensiblen Kindern die Fähigkeit des Fokussierens näherzubringen. Das geht beispielsweise gut über eine Kampfsportart als Hobby, in der viel Wert darauf gelegt wird, sich zu fokussieren (z.B. Judo). Natürlich eignen sich auch adere Bewegungsformen. Auch das künstlerische Gestalten und Basteln kann helfen.

Tipps für den Umgang mit hochsensiblen Kindern

An allererster Stelle sei gesagt, dass Hochsensibilität absolut keine Schwäche ist! Nehmt euer Kind so an, wie es ist. Lernen Eltern und Kids, mit der besonderen Persönlichkeitsvariante umzugehen, so wird aus der großen Sensibilität eine große Stärke. Diese Dinge können euch im Alltag helfen:

  • Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl des Kindes stärken.
  • Euer Kind möchte heute lieber für sich spielen und nicht mit anderen? Akzeptiert das!
  • Zeigt Verständnis und Interesse für die Empfindungen des Kindes (nicht auslachen oder lächerlich machen).
  • Vergleicht euer Kind nicht mit anderen, jeder Mensch ist einzigartig – zum Glück.
  • Sorgt für ein harmonisches Miteinander zu Hause (sicherer Zufluchtsort).
  • Den Alltag entschleunigen und nicht mit zu vielen Programmpunkten überladen.
  • Sorgt für eine entspannte und reizarme Umgebung.
  • Für wenig Veränderungen und feste Abläufe sorgen.
  • Plant ausreichend viel Zeit für Veränderungen ein (Zeitdruck macht es dann nur schlimmer).
  • Sorgt für ausreichend Auszeiten und Ruhepausen (auch Kuscheleinheiten sind wichtig, solange sie erwünscht sind).
  • Gebt eurem Kind Liebe und Geborgenheit.
  • Nicht in Watte packen: Eltern sollten dennoch klare Grenzen setzen.

Was sollte ich in der Erziehung einer hochsensiblen Person beachten?

Bitte versucht nicht, euer hochsensibles Kind umzuerziehen. Jede noch so kleine Besonderheit gehört zu ihm und sollte nicht abgewöhnt oder versteckt werden. Euer Sprössling soll ja nicht das Gefühl vermittelt bekommen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Und denkt immer daran: Ein hochsensibles Kind ist nicht absichtlich "schwierig" und will euch nicht mit seinen "Eigenarten" belasten. Das Gegenteil ist der Fall: Sie sind so harmoniebedürftig, dass sie es meistens allen recht machen wollen und sich deshalb lieber anpassen.

Aber: Packt euer hochsensibles Kind auch nicht in Watte! Ihr könnt nicht jeden Reiz verhindern und euer Kind vor der Realität verstecken. Die Krux: Genau dazu tendieren Eltern, die selbst hochsensibel sind. Denn sie können sich besonders gut hineinfühlen. Findet lieber die Balance.

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