Weil jede Geburt natürlich ist

Das tut weh: Hört auf von einer "natürlichen" Geburt zu sprechen!

Eine Geburt ist einer der natürlichsten Vorgänge auf der Welt. Oder etwa nicht? Unsere Autorin fragt sich, ob ein Kaiserschnitt wirklich "unnatürlich" ist – und ob wir uns nicht alle ein bisschen mehr Mühe bei der Wahl unserer Worte geben könnten.

Es gibt kein "richtig" oder "falsch": Jede Geburt ist ein RICHTIGES Wunder!
© Foto: Getty Images/Rune Hellestad
Es gibt kein "richtig" oder "falsch": Jede Geburt ist ein RICHTIGES Wunder!

Vergangene Woche war ich Zeugin einer ungewöhnlichen Unterhaltung. Wir waren drei Mütter auf dem Spielplatz, kannten uns eigentlich nur vom Sehen. Doch unsere Kinder hatten sich heute auf der Rutsche zum Paw-Patrol-Spielen gefunden – also fanden wir uns auf der Bank am Rande des Sandkastens zum Smalltalken zusammen. Was sich als recht einfach herausstellte, denn Mami #2 hatte ein Baby dabei, maximal zwei Wochen alt, das sofort Mittelpunkt unserer Konversation wurde. Und als alle unsere "Oh ist das süß!"- und "Hach, manchmal denke ich, ich sollte auch noch eins bekommen!"-Floskeln aufgebraucht waren, passierte es: Mami #3 schaute Mami #2 in die Augen und fragte: "Und, war es eine natürliche Geburt?" – woraufhin die ganz unverblümt antwortete: "Ja, ein ganz natürlicher Kaiserschnitt."

Gibt es überhaupt eine unnatürliche Geburt? 

In der Situation auf dem Spielplatz haben wir alle drei gelacht, mehr oder minder peinlich berührt, und schnell das Thema gewechselt. Doch der Dialog zwischen diesen beiden Müttern hat mich noch lange beschäftigt. Warum sprechen wir von einer "natürlichen" Geburt, wenn wir eine vaginale meinen? Und wenn es eine natürliche Geburt gibt – was ist dann eine unnatürliche Geburt? 
Als ich 2013 das erste Mal schwanger war, saß ich mit vielen anderen werdenden Müttern im Universitätsklinikum hier in Hamburg bei einem dieser "Krankenhaus-Kennenlerntermine". Wir sollten das Gebäude, den Kreißsaal, einige der Ärztinnen und Ärzte live erleben, damit wir entscheiden können, ob wir hier das Wunder der Geburt erleben wollen oder nicht. Und natürlich war dieser Termin auch dafür gedacht, dass wir alle unsere Fragen loswerden. Und: Oh man, werdende Mütter HABEN Fragen! Schon eine der allerersten hatte es in sich – denn sie begann mit einer Unterstellung: "Wir alle hier sind uns ja sicher einig, dass wir unser Kind auf natürlichem Wege bekommen wollen. Wie ist denn da so ihre Quote? Bei wie vielen Geburten schaffen Sie das, und wie oft wird es dann doch ein Kaiserschnitt?"

"Ich habe es nicht geschafft" – was für ein furchtbarer Gedanke!

Ich erinnere mich noch genau daran, wie perplex ich nach dieser Wortmeldung war. Hatte ich mir selbst doch die Frage gestellt, ob nicht ein geplanter Kaiserschnitt das richtige für mich wäre. Um genau zu sein: Eigentlich wollte ich diese Frage auch noch laut stellen. Tat ich dann aber nicht mehr – denn das traute ich mich nicht. Wenn "wir alle hier" uns einig sind, dass wir keinen Kaiserschnitt wollen, dann muss ja mit mir etwas falsch sein. Oder?
Leider denken noch heute viel zu viele Frauen so wie ich damals. 2019 wurden im Rahmen der Kampagne "#jedegeburtzählt" 923 Mütter zu ihren Erfahrungen rund um die Geburt ihres Kindes befragt. 55 Prozent der werdenden Mütter, die einen Kaiserschnitt geplant hatten, gaben bei der Umfrage an, dass Menschen aus ihrem Umfeld sie von ihrem Plan abbringen wollten. 49 Prozent wurden für ihre Entscheidung diskriminiert, in 20 Prozent der Fälle ging die Diskriminierung vom Arzt oder von der Hebamme aus. Mehr als die Hälfte der Frauen, die einen Kaiserschnitt geplant hatten, mussten sich für ihre Entscheidung auch gegenüber ihrer Familie oder ihren Freunden rechtfertigen. Und besonders erschreckend: 40 Prozent der Frauen, die den Kaiserschnitt geplant hatten, haben sich nach der Geburt ihres Kindes schon einmal schlecht gefühlt, weil sie keine "richtige" Geburt hatten. Noch alarmierender sind diese Zahlen bei den Frauen mit ungeplantem Kaiserschnitt: 75 Prozent von ihnen haben das Gefühl, keine "richtige" Geburt erlebt zu haben. 

Was ist eine "falsche" Geburt?

Es kommt mir absurd vor, bei einer Geburt überhaupt in "richtig" oder "falsch" zu unterteilen. Erst recht dann, wenn medizinisch notwendige Entscheidungen gefällt werden müssen, um das Leben von Mutter oder Kind zu retten. Und dann? Ist die Geburt "schlechter", weil sie nicht vaginal, nicht "natürlich" abgelaufen ist? 
Das Problem ist doch: Weil die vaginale Geburt umgangssprachlich als "natürlich" bezeichnet wird, beginnt in unserem Sprachzentrum automatisch die Auto-Vervollständigung – und die macht alle anderen Geburtswege zu etwas "Unnatürlichem". Das Resultat sind Mütter, die sich mit Gedanken quälen wie "Ich habe es nicht geschafft" oder "Ich hatte keine richtige Geburt". Wie fürchterlich!

Wer vaginal meint, soll auch vaginal sagen!

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bewundere ich Mami #2 vom Spielplatz. Ihre schlagfertige Reaktion ist sicher das Resultat vieler, vieler Nachfragen zum Ablauf ihrer Geburt. Und irgendwann hat sie vermutlich entschieden: "Wisst ihr was – ihr könnt mich alle mal. An meiner Geburt war nichts unnatürlich, nur weil sie nicht vaginal war." Und damit hat sie nicht nur die Fragestellerin sofort mundtot gemacht – sondern auch mich zum Nachdenken gebracht. 
Ich für meinen Fall gebe mir Mühe, die "natürliche Geburt" künftig aus meinem Vokabular zu streichen. Und freue mich über jede Mami, die das auch probiert.

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