Zeit verbummeln statt schlafen zu gehen

"Bedtime Procrastination": Me-Time am Abend

Wenn die Kleinen im Bett sind, wollen wir Eltern unseren kinderfreien Abend genießen. Leider klappt das nicht immer: Wir räumen Dinge von A nach B, verlieren uns in sozialen Netzwerken oder versacken einfach auf der Couch. Wir erklären das Phänomen, das sogar einen Namen hat.

Na, wann wart ihr gestern Abend im Bett? Seid ihr auch mal wieder deutlich länger wach geblieben, als es eigentlich schlau ist? Vielleicht beruhigt euch die Tatsache, dass es dafür tatsächlich einen Namen gibt: "Bedtime Procrastination" oder "Night Time Procrastination" nennt sich das, also das Prokrastinieren zur Schlafenszeit. Salopp gesagt: Zeit verbummeln anstatt einfach schlafen gehen. Und eines mal vorweg: Ja – das ist vor allem bei Müttern und Vätern kleiner Kinder ganz normal! "Eltern haben den ganzen Tag das Gefühl, dass sie fremdbestimmt sind. Sie müssen ihre eigene Bedürfnisse immer hintanstellen", sagt Diplom-Psychologin Miriam Junge.

Und wann können wird endlich das machen, was wir wollen? Genau, wenn unsere Kinder im Bett sind und schlafen. "Dieses Abends-ins-Bett-Gehen ist so ein bisschen etwas Oppositionelles, weil man jetzt sagen kann: Nö, jetzt geht es mal um mich, und jetzt bestimme ich die Regeln und niemand anderes. Das ist natürlich total kurzfristig gedacht. Aber wir machen das, weil wir dadurch das Gefühl bekommen, selbst mal wieder Kontrolle zu bekommen. Zumindest über die Schlafenszeit, wenn wir schon über die anderen Dinge keine Kontrolle mehr haben."

Die Folge: ein schlechtes Gefühl – und große Müdigkeit

So weit, so normal also. Aber wenn wir mal ganz ehrlich sind: Richtig gut fühlen wir uns nach dem wochenlangen Rumsumpfen auf dem Sofa ja auch nicht. "Denn wenn wir immer unausgeschlafen sind, hat das natürlich einen großen Einfluss auf unsere emotionale und körperliche Belastbarkeit", so die Psychologin Miriam Junge. Ihr Vorschlag: Einen Kompromiss finden zwischen dem Selbstbestimmungsanteil, der in uns ganz laut ist und ruft "Jetzt bin ich aber dran!", und der Vernunft, die eben auf uns aufpasst und daran erinnert, was wir für den nächsten Tag alles auf dem Zettel haben. "Einen Mittelweg zu finden, um zu sagen: Ich habe beiden Anteilen gedient, das ist ideal." Und um diesen Kompromiss zu finden, kann Achtsamkeit helfen.

Was in uns wehrt sich gegen die Erholung?

Miriam Junge rät dazu, wahrzunehmen, welcher Anteil in uns eigentlich so laut ist – und warum. Horcht in euch hinein, wieso euer Wunsch nach Freiheit so groß ist, dass ihr lieber prokrastiniert und euch ablenkt, statt euch Erholung zu gönnen. "Eigentlich ist es auch schön, selbstbestimmt zu schlafen. Selbst zu entscheiden, dass man ins Bett geht, ist ja auch etwas sehr Achtsames und Wohltuendes", sagt Miriam Junge.

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Corona befeuert das Gefühl der Fremdbestimmung

"Bedtime Procrastination" ist gar nicht so ein neues Thema. Aber durch Corona hat es noch einmal Aufschwung bekommen – nicht nur bei Eltern. Denn in den vergangenen Monaten gab es bei nahezu allen Menschen immer wieder Momente, in denen das Gefühl der Fremdbestimmung noch größer war als sonst. Aber was für die Pandemie gilt, das gilt auch für das Gefühl der Fremdbestimmtheit. Alles ist vorübergehend. Je kleiner die Kinder sind, desto mehr sind sie von uns Eltern abhängig. "Man sollte sich klarmachen, dass man ja nicht auf Lebenszeit fremdbestimmt ist und sich um die Kinder kümmern und den ganzen Tag funktionieren muss. Wenn man beginnt, sich fremdbestimmt zu fühlen, dann kann diese Erinnerung an die zeitliche Limitierung helfen", sagt Psychologin Junge.

Und: Gerade in diesen Zeiten sollten wir alle uns viel öfter auf die Schulter klopfen. Dazu rät auch Miriam Junge. "Ganz großen Respekt an Eltern, die im Homeoffice sind und gleichzeitig Kinder auf dem Schoß haben, die sie bespaßen müssen. Das ist wahnsinnig anstrengend. Sich selbst zu loben und zu sagen: Wow, ich leiste ganz viel, das kann helfen." Wenn ihr also abends doch mal wieder viel zu lange auf dem Sofa versackt, dann klopft euch dabei wenigstens auf die Schulter. Wir machen das alle nämlich richtig gut. Und morgen gehen wir dann einfach wieder etwas früher ins Bett. 

Sieben Tipps für Eltern, die abends prokrastinieren

  1. Seid achtsam: Fragt euch, warum ihr eigentlich nicht ins Bett wollt. Was genau hindert euch?
  2. Findet Kompromisse: Wenn ihr nicht gemeinsam mit eurem Nachwuchs schlafen gehen wollt, ist das okay. Ihr müsst aber auch nicht jeden Abend bis in die Puppen wach bleiben. 
  3. Erinnert euch: Alles hat seine Zeit – und auch dieser Zustand der Fremdbestimmung hält nicht ewig an. Die Pandemie übrigens auch nicht.
  4. Macht Pausen: Nehmt euch am Tag zwischendurch ganz bewusst Momente nur für euch. Selbst wenn sie noch so kurz sind, fühlt ihr euch unterm Strich weniger fremdbestimmt und kommt abends besser ins Bett.
  5. Schult die Wahrnehmung mit Kindern gemeinsam: Wie schmeckt das Obst? Welche Konsistenz hat es? Wie fühlt es sich an im Mund? Solch kleine Übungen im Alltag verschaffen euch erneute Mini-Auszeiten und trainieren sowohl eure Kinder als auch euch in Selbstwahrnehmung. Und die hilft dabei, herauszufinden, wieso ihr abends lieber prokrastiniert, als euch auszuruhen. 
  6. Schafft euch kleine Inseln und Ziele: Ob Badewanne, Meditation oder ein guter Film: Je konkreter das Ziel für den Abend ist, desto weniger Zeit verschwendet ihr.
  7. Nur eine Aktivität pro Abend: Nehmt euch nicht zu viel vor. Begrenzt eure abendliche Aktivität auf eines der Ziele. Weniger ist mehr!
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Unsere Expertin

Miriam Junge

... ist Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie, Coach und Autorin. Besonders am Herzen liegen ihr die Themen Achtsamkeit und Meditation. In ihrem Buch "Kleine Schritte mit großer Wirkung" erklärt sie, wie man mit minimalen Veränderungen maximale Zufriedenheit erreicht. 

Mehr Infos zur Person:  miriamjunge.com

Autorin: Andrea Zschocher

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