Sie werden so schnell groß ...

Warum vergeht die Zeit mit Kindern so schnell?

Geht euch das auch so? Sobald man Mama oder Papa ist, scheint die Zeit doppelt so schnell davonzufliegen. Unsere Autorin wundert sich, wieso das so ist – und hat den Zeitforscher Dr. Marc Wittmann befragt.

Die Zeit verfliegt im Nu: gestern noch ein Baby, heute schon ein Kita-Kind.
© Foto: Getty Images/Elva Etienne
Die Zeit verfliegt im Nu: gestern noch ein Baby, heute schon ein Kita-Kind.

Kinder, wie die Zeit vergeht ...

... dieses geflügelte Wort spricht vielen Eltern aus der Seele. Denn kaum ist das Baby geboren, verfliegt die Zeit plötzlich in Raketengeschwindigkeit. Dem ersten Geburtstag folgt gefühlt direkt die Eingewöhnung in der Kita. Und dann ist auch schon fast Einschulung. So wie bei meinem Sohn – nächstes Jahr. Was aber gar nicht stimmen kann, sagt mein Herz, schließlich habe ich ihn gefühlt vorgestern noch als Baby in den Armen gehalten. Wieso fühlt sich das Leben mit Kindern nur so rasant an? Wieso vergeht die Zeit mindestens doppelt so schnell wie früher?

Durch Routine vergeht die Zeit gefühlt schneller

Dr. Marc Wittmann ist Psychologe und Humanbiologe und erforscht am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, wie die Menschen die Zeit wahrnehmen. "Das Zeitgefühl von Eltern ist durch mehrere Aspekte beeinflusst", erklärt er. "Der erste ist die Routine, die Erwachsene im Alltag pflegen. Während Eltern zum Beispiel morgens das Kind startklar machen, denken sie vielleicht schon daran, welchen Termin sie als Nächstes haben und was sie später noch einkaufen müssen. Sie sind also in Gedanken schon in der Zukunft und verrichten die Morgenroutine im Autopiloten. Dadurch bleibt nicht viel vom gerade Erlebten im Gedächtnis hängen. Das beeinflusst unser Empfinden, und die Zeit vergeht dadurch gefühlt schneller."

Volle Terminkalender sind Zeitkiller

Der zweite Zeitkiller vieler Eltern ist ihr voller Terminkalender. "Wenn die Tage neben Kita und Schule, Arbeit und Haushalt noch mit Sport, Musik, Playdates und sonstigen Terminen vollgestopft sind, bleibt kein Raum für die Zeit“, so Forscher Wittmann. "Durch diese Terminhast sind viele Eltern nicht bei der Sache und lassen sich emotional nicht auf den Moment ein. Wie beim ersten Beispiel bleibt auch so wenig im Gedächtnis haften, und die subjektive Zeit verfliegt regelrecht.“

Wann die Zeit langsamer läuft und wir sie intensiver erleben

Routine und Hast lassen die Zeit also schneller laufen, die Wochen und Monate verfliegen. Das Gegenteil, eine Ausdehnung der Zeit, wird durch neue Erfahrungen geprägt. Je mehr Unerwartetes passiert, je mehr Dinge wir zum ersten Mal erleben, desto intensiver erleben wir Zeit – und desto länger kommt sie uns vor. Und auch dieses Phänomen kennen wohl alle Eltern. Denn wenn sie am Vorabend den Geburtstagstisch dekorieren, wundern sich viele über die kleine Zahl der Kerzen auf dem Geburtstagskuchen: Wird das Kind wirklich erst fünf Jahre alt? Ist es denn nicht schon eine gefühlte Ewigkeit im gemeinsamen Leben, gehört es nicht schon immer dazu? Es muss doch mindestens doppelt so alt sein, so viel, wie Eltern und Kind schon gemeinsam erlebt haben.

Der Zeitforscher erklärt: "Auch diese subjektive Wahrnehmung ist durch mehrere Faktoren beeinflusst. Zum einen entwickeln sich Kinder, vor allem die ganz Kleinen, in kurzer Zeit enorm stark. In den ersten fünf Lebensjahren eines Menschen passiert normalerweise motorisch und kognitiv unendlich viel mehr als zum Beispiel zwischen dem 40. und dem 45. Geburtstag. Deshalb können Eltern das Gefühl haben, die gemeinsame Zeit sei länger als die tatsächlich verlebten Jahre.“

Hinzu kommt, dass Eltern durch ihre Kinder viele Dinge zum ersten Mal erleben. Das sind die zarten Momente: wenn das Neugeborene der Mama zum ersten Mal tief in die Augen blickt. Wenn das Kita-Kind die erste Freundschaft schließt. Wenn die Schülerin den ersten Schwarm hat. Und das sind auch die wilden Zeiten: wenn der Zwerg vor Wut auf den Supermarktboden trommelt, weil der gewünschte Schokoriegel nichtim Einkaufswagen landet. Wenn der Klassenlehrer sich meldet, weil der eigene Spross seine Mitschüler zum wiederholten Male zu rigorosem Unfug angestiftet hat. Wenn der Teenager nicht zur vereinbarten Zeit, dafür aber mit der ersten Bierfahne nach Hause kommt. "Wenn uns etwas noch nie Dagewesenes passiert, sind wir mit unserer ganzen Aufmerksamkeit bei diesem einen Moment", erläutert Psychologe Wittmann: "Durch diese Konzentration brennt sich das Geschehene sprichwörtlich ins Gedächtnis ein – und die Zeit vergeht langsamer. Das gleiche Phänomen haben Menschen, die im Urlaub sind: Ein Wochenende an einem fremden Ort ist in der Retrospektive viel länger als ein Wochenende zu Hause."

Autorin: Merle von Kuczkowski

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