Streitthema unter Eltern

Schreiben lernen im Kindergarten: zu früh oder genau richtig?

Sind Kinder zu spät dran, wenn sie "erst" in der Schule lesen und schreiben lernen – oder ist das übertrieben? Wir haben mit einer Expertin gesprochen, welche Förderung sinnvoll ist. Und Pro- und Contra-Meinungen von Eltern eingefangen.

Ob Kinder schon im Kindergarten lesen und schreiben lernen sollten, ist unter Eltern ein viel diskutiertes Thema.
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Ob Kinder schon im Kindergarten lesen und schreiben lernen sollten, ist unter Eltern ein viel diskutiertes Thema.

Alle Eltern wollen ihren Nachwuchs optimal auf das Leben vorbereiten. Ganz klar, dass viele Mamas und Papas unsicher sind, ob ihr Mini genügend gefördert wird. Doch wo hört das Fördern auf und wo fängt Druck an?

"Kinder haben in der Schule ausreichend Zeit, Lesen zu lernen", sagt Waltraud Weegmann, Vorsitzende des Deutschen Kitaverbands. Im Kindergarten gehe es vielmehr darum, das frühkindliche Interesse zu fördern und die Kinder darin zu unterstützen, durch Erfahrungen im eigenen Tempo zu lernen. "Unter Lernen und Bildung verstehen wir heute, dass wir die Kinder bei ihren Forschungen, ihrer Neugier und ihren Tüfteleien unterstützen und ihnen Raum für ihre persönliche Entwicklung geben. Kitas sind keine Einrichtungen, in denen die Kinder den Ansprüchen der Schule gemäß geformt werden." Die Expertin unterstreicht: "Die Zeit in den Kitas ist ein eigenständiger Abschnitt, der sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren sollte." Lesen- und Schreibenlernen habe wie alles seine Zeit, und die sei abhängig von der Entwicklung und dem Interesse der Kleinen.

Laut einer Studie im Auftrag des Kinderausstatters Jako-o, an der 3.000 Eltern teilgenommen haben, lehnen 81 Prozent der Befragten eine Verschulung der Kindergartenzeit sogar klar ab. Sie befürchten, die leistungsorientierte Förderung könnte der kindlichen Entwicklung schaden. Eine begründete Sorge, erklärt Weegmann und fügt hinzu: "Jede Form des verschulten und nicht individuell am kindlichen Interesse ausgerichteten 'Trainings' birgt das Risiko, dass Kinder ihre natürliche Neugier und ihren Forscherdrang verlieren. Lernen passiert dann nicht mehr aufgrund der eigenen Fragestellungen, sondern aufgrund äußerer Erwartungen. Erfolgreiches Lernen funktioniert aber immer in Verbindung mit den eigenen Interessen."

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo

Wann Kinder Buchstaben und Wörter für sich entdeckten, sei so unterschiedlich wie etwa die Körpergrößen, meint die Expertin. Aus diesem Grund müsse es in der Kita vor allem darum gehen zu erkennen, was das Kind interessiert. Das gelte auch fürs Lesen und Schreiben. "Die Pädagogen werden die Kinder dabei unterstützen, ihrer Neugierde zu folgen und geeignetes Material zu finden. Interessiert sich ein Kind für Lesen und Tiere, ist zum Beispiel ein Buch über Tiere sinnvoll", sagt Weegmann. "Und es wäre für alle hilfreich", so die Expertin, "wenn die Erkenntnisse über die frühen Lernprozesse auch in der Schule Ein- gang fänden."

Eure Meinung: Sollen Kids in der Kita schon schreiben lernen?

Die Sorge, dass das eigene Kind nicht genug gefördert wird, kennen ver- mutlich alle Eltern. Aber muss das ABC wirklich schon vor der Schulzeit bekannt sein? Das haben wir Mamas und Papas gefragt. 

"Wenn das Interesse von den Kids kommt, spricht nichts dagegen"

Dirk (40), Sozialversicherungsfachwirt aus Bochum, eine Tochter (4) und ein Sohn (2): "Unsere Tochter konnte schon mit drei Jahren ihren eigenen Namen sowie Mama, Papa, Oma und Opa schreiben. Das lag aber nicht daran, dass wir sie vorher in die Richtung gedrängt hätten – sie kam von selbst und fragte uns, wie man dies oder jenes schreibt. Wir haben ihr die Buchstaben dann spielerisch erklärt. Zum Beispiel, dass das "m" aussieht wie ein Vögelchen, das "P" wie ein Luftballon mit Seil dran etc. Seitdem will sie immer mehr wissen und findet Schreiben einfach total interessant. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass alle Kinder verpflichtend schon im Kitaalter Schreiben und Lesen lernen sollten. Vielmehr sollte es ein Wahlangebot sein. Unsere Kita hat zum Beispiel vor Corona Englischunterricht angeboten, den interessierte Kinder wahrnehmen konnten. Und genau so ein Angebot fände ich zum Schreibenlernen super. Denn ich denke, dass es einige Kinder genau wie unsere Tochter gibt, die schon früh Spaß an dem Thema haben."

"Frühe Förderung ist für alle Kinder von Vorteil"

Caroline (39), Autorin aus Berlin, zwei Töchter (7 und 2 Monate) und zwei Söhne (10 und 2): "In Frankreich und England fängt die Grundschule schon mit drei Jahren an, und die Kinder werden
dort langsam an die Thematik herangeführt. In Deutschland dagegen stimmen sich die Bildungssysteme schlecht miteinander ab. Während der Kitazeit heißt es immer, die Kinder sollen keine schulischen Themen lernen. In der Grundschule wird dann aber erwartet, dass sie innerhalb kürzester Zeit auf einen gewissen Stand beim Lesen, Schreiben und Rechnen kommen. Als Mutter von vier Kindern finde ich, dass es für alle Kinder von Vorteil wäre, wenn sie bereits im Kindergarten spielerisch an diese Themen herangeführt würden. Meine große Tochter zum Beispiel hatte schon immer eine sehr gute Auffassungsgabe. Ihr hätte die frühe Förderung deshalb gutgetan. Mein kleiner Sohn lässt sich mit allem ein bisschen mehr Zeit. Auch in seinem Fall wäre die Frühförderung in diesem Bereich hilfreich, damit er in der Grundschule nicht komplett vom plötzlichen Druck überfahren wird."

"Die Kleinen sollten nicht unnötig unter Druck gesetzt werden"

Verena (41), Erzieherin aus Hamburg, ein Sohn (7): "Kinder entwickeln meist erst in der Vorschulzeit Interesse am Lesen und Schreiben und an Buchstaben überhaupt. Ich halte es für wichtig, dass sie im Kitaalter Wissen spielerisch vermittelt bekommen. Wenn nun aber das Schreiben- und Lesenlernen so früh schon zur Pflicht wird, die Kleinen aber noch gar nicht bereit dazu sind, setzt es sie unnötig unter Druck. Für meinen Sohn habe ich mir immer gewünscht, dass er so lange wie möglich frei von diesem Druck ist und einfach Kind sein kann. Sein Interesse am Schreiben kam dann von ganz allein schon vor der Schule. Er hat damit begonnen, das ABC auf seiner Kindertafel abzuschreiben. Es war spielerisch und in seinem Tempo, und so sollte es in meinen Augen auch sein. Wichtig ist, die Entwicklungsschritte zuzulassen und sie nicht zu korrigieren, zum Beispiel wenn die Kinder anfangs in Spiegelschrift schreiben. Allerdings finde ich auch, dass für Kids, die in diesem Bereich früh schon sehr weit sind, leider meist die passenden Angebote fehlen."

"Wichtiger ist es, Sozialverhalten und Selbstbewusstsein zu stärken"

Daniel (49), Erzieher aus Berlin, eine Tochter (2): "In der Kitazeit müssen Kinder das noch nicht üben. In der Vorschulzeit kann es langsam losgehen, dass sie erste Buchstaben und Worte erlernen. Ich kenne es aus unserer Kita so, dass den Kindern Zahlen und Buchstaben vorgestellt werden. Noch mehr Wert wird aber auf das Sozialverhalten und die Stärkung des Selbstbewusstseins gelegt, damit ihnen der Wechsel in die Schule leichter fällt. Ich finde es viel wichtiger, ihnen Werte zu vermitteln und sie in ihrer Psyche zu stärken. Schreiben und Lesen sollten sie in der Grundschule von den Fachkräften beigebracht bekommen. Ich arbeite in Berlin (Prenzlauer Berg) und kann hier leider ziemlich oft beobachten, dass Eltern schon früh Druck auf ihre Kids ausüben und sich wünschen, dass sie noch vor der Schulzeit schon ganz viel können. Mir ist bei der Erziehung wichtig, dass ich mich nach den Interessen meiner Tochter richte und eben keinen Druck ausübe. Dafür kann meine Tochter ganz wundervoll falsch singen – genau wie ich. Das ist doch viel wichtiger."

Autorin: Andrea Leim

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