Kinder brauchen Beständigkeit

Welche Folgen haben ständig wechselnde Bezugspersonen in der Kita?

Kleinkinder brauchen Stabilität, um sich wohlzufühlen. In Krippen wechseln ihre Betreuer aber häufig. Unsere Autorin wollte auch aus persönlichen Gründen wissen: Warum ist das so? Und welche Folgen hat das für die Entwicklung?

Elena, Tatjana, Loredana, Melli, Susanne, Steffi , Tina, Magdalena, Nicki, Daniela und Sylke. Das sind die Namen der Menschen, die meine Kinder in einer Münchner Kinderkrippe letztes Jahr betreut haben. Allein in ihrer Gruppe. Wie es dazu kam? Übers Jahr kündigten drei Betreuerinnen und wechselten in Einrichtungen, die näher an ihrem Wohnort lagen. Eine Erzieherin machte sich selbstständig. Eine andere ging nach nur einer Woche in der Gruppe in den Mutterschutz. Bei einer lief der Praktikantenvertrag aus. Erzieher aus anderen Gruppen, eine Springerin, die in verschiedenen Kitas aushilft, und die Kitaleitung waren als "Übergangslösung" in der Gruppe. So gab es ein Jahr lang ständig wechselnde Zweier- oder Dreierkonstellationen bei der Betreuung. Dass in Kitas das Personal häufig wechselt, ist leider kein Einzelfall. Viele Eltern sind betroffen. Am Rand von Spielplätzen, auf Kindergeburtstagen und in Online-Elternforen tauschen sich Mütter und Väter aus. Die große Frage, die alle Eltern umtreibt: Was macht dieses Hin und Her mit unseren Kindern und was können Eltern tun?

Erzieher sind gefragt wie nie

"Der massive Kita-Ausbau der letzten Jahre hat bundesweit – sowohl in den Städten als auch auf dem Land – zu einem erheblichen Personalnotstand geführt", erklärt Kathrin Bock-Famulla, Projektleiterin Frühkindliche Bildung bei der Bertelsmann Stiftung. Die Folge: "Träger und Leitungen von Kitas müssen verstärkt attraktive Beschäftigungsbedingungen bieten. Denn bei schlechten Arbeitsbedingungen suchen Fachkräfte häufiger eine andere Stelle. Häufiger Personalwechsel führt zu einem häufigen Wechsel der Bezugspersonen für die Kinder." Eine Statistik darüber, wie viele Betreuungspersonen ein Kitakind pro Jahr hat, gibt es nicht. Bisher wird nur erfasst, wie lange die Kinder betreut werden und welches Personal dafür zur Verfügung steht. "Dieses Verhältnis ist aber nur ein rechnerisches Konstrukt",  sagt Kathrin Bock-Famulla. "Es sagt nichts darüber aus, wie und von wem die Kinder bei Krankheit, Urlaub oder Schwangerschaft der Bezugserzieher tatsächlich betreut werden." Wie häufig Praktikanten, Springer oder Umschüler bei Personalengpässen aushelfen, wird ebenfalls nicht erfasst. Die offiziellen Erhebungen zur Personalsituation lassen lediglich Vermutungen zu, wie der Betreuungsalltag in den Kitas tatsächlich aussieht – und wohin sich die Lage entwickelt: So arbeitet in Krippen und Kindergärten nur ein Drittel aller Beschäftigten Vollzeit, was automatisch dazu führt, dass ein Kind von verschiedenen Personen betreut werden muss. Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit ist mit 10,3 Jahren deutlich geringer als in anderen Berufen, die Frauenquote mit 95 Prozent deutlich höher. Da jede dritte fest angestellte Mitarbeiterin jünger als 30 Jahre ist, ist davon auszugehen, dass viele Elternzeiten überbrückt werden müssen.

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Die Folgen der ständigen Wechsel? "Untererforscht"

Weil bisher nicht mal bekannt ist, wie viele verschiedene Betreuer ein Krippenkind hat, sind auch die Folgen des häufigen Betreuerwechsels nicht untersucht. "Das Thema ist untererforscht", nennt das Peter Zimmermann, Professor für Entwicklungspsychologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Fakt ist: Erst seit 2013 hat jedes Kind ab einem Jahr einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Die Zahl der Kinder unter drei Jahren, die in einer Krippe betreut werden, hat sich dadurch in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. "Die Quantität der Plätze war dabei wichtiger als die Qualität", bedauert Zimmermann. Was wissenschaftlich gut belegt ist: Kinder brauchen in der Krippe eine Bezugsperson, damit sie sich wohlfühlen. "Für Kinder bis drei Jahre bedeutet es Stress, allein mit fremden Personen zu sein. Sie verstehen nicht, warum die Eltern weg sind, und können ihre Unzufriedenheit nur durch Schreien und Weinen ausdrücken. Sie sind darauf angewiesen, dass jemand da ist, dem sie vertrauen und der sie beruhigen kann", fasst Peter Zimmermann zusammen. Erst wenn Kinder eine solche Vertrauensperson haben, sind sie bereit zu lernen, zu spielen und Kontakt zu anderen aufzunehmen. "Sichere Bindung" nennen Psychologen das. Ein sicher gebundenes Kind sucht die Nähe einer Erzieherin, wenn es traurig ist, und lässt sich von ihr trösten. Dieses Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass sich das Kind fernab von den Eltern wohlfühlt und die Welt erkunden kann. Aber Vertrauen entsteht nicht von jetzt auf gleich – und auch nicht bei jedem. Kinder haben Präferenzen, welche Erzieher sie besonders mögen. "Bis eine sichere Bindung zu einer neuen Person entsteht, dauert es sechs Monate", sagt Zimmermann. Dass ein Kind einer neuen Person sofort vertraut, hält der Experte für "ausgeschlossen". "Darin unterscheidet es sich kaum von den meisten Erwachsenen."

Kitaleitung und Eltern müssen zusammenarbeiten

Bis zum Jahr 2025 werden in Kitas 309.000 Fachkräfte fehlen, hat das Deutsche Jugendinstitut berechnet. Eltern werden also auch in Zukunft nicht darum herumkommen, dass die Betreuer in der Krippe immer mal wieder wechseln. Dabei sollten Kitaleitung und Eltern einiges beachten. "Sanfte Übergänge beim Wechsel zu einer neuen Bezugsperson sind für Kinder wichtig", sagt Anita Kofler, Psychologin am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP). Deshalb sollte die Kitaleitung dafür sorgen, dass der Wechsel schrittweise und in Anwesenheit der bisher vertrauten Bezugspädagogin stattfindet. Kindern hilft es, wenn sie schon vor dem Wechsel die neue Bezugsperson kennenlernen und "beschnuppern" können. "Das macht das Geschehen für sie vorhersagbarer und kontrollierbarer." Eltern können ihre Kinder in einer solchen Phase des Umbruchs unterstützen, indem sie positiv und freundlich mit der neuen Erzieherin umgehen. "Kinder sind immer abhängig davon, wie ihre Eltern und andere wichtige Bezugspersonen eine Situation bewerten. Sie lesen daran ab, ob eine Situation für sie sicher und damit bewältigbar ist und reagieren entsprechend", erklärt Anita Kofler.

Ab einem gewissen Punkt sollten Eltern aber keine gute Miene mehr zum Personal-Wechsel-Dich-Spiel machen: "Wenn ein häufiger Wechsel der Bezugserzieher stattfindet, sollten Eltern eine andere Betreuungslösung suchen", rät Entwicklungspsychologe Zimmermann. Kindergartenkinder können einen Betreuerwechsel besser verarbeiten. "Es ist aber nicht so, dass ihnen der Wechsel der Betreuungsperson nichts ausmacht", betont Peter Zimmermann. Ab drei Jahren sind Kinder jedoch häufiger in der Lage, die Situation zu verstehen. Außerdem können sie sich schon besser ausdrücken und in Stresssituationen selbst beruhigen.

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Sorgfalt bei der Krippenwahl

Da es in Deutschland keine einheitlichen Qualitätsstandards für Kitas gibt, rät Zimmermann Eltern bei der Suche nach einer Krippe viele Fragen zu stellen. Denn: "In den ersten drei Lebensjahren ist eine sichere Bindung wichtiger als das Bildungsangebot", fasst der Entwicklungspsychologe zusammen. Wichtig bei der Wahl der Krippe ist, dass sichergestellt ist, dass immer eine Bezugsperson da ist, der das Kind vertraut. "Eltern sollten konkret nachfragen, wie das in der Praxis gewährleistet wird", empfiehlt Zimmermann. Denn Kündigungen kann niemand vorhersehen oder ausschließen. Auch, wenn die Bezugserzieherin krank, auf Fortbildung oder im Urlaub ist, sollte die Krippe einen Back-up-Plan haben. Ein weiteres Merkmal für eine gute Krippe sieht Entwicklungspsychologe Zimmermann in der Bindungsorientierung. "Das bedeutet, dass die Kinder nicht nur gut versorgt werden, sondern dass auch Zeit für emotionale Fürsorge ist." Neben dem Kita-Konzept ist der Betreuungsschlüssel dafür ein wichtiger Indikator. Bei Kindern unter einem Jahr sollte eine Betreuerin für maximal zwei Kinder verantwortlich sein. Für Ein- bis Zweijährige ist ein Betreuungsschlüssel von 1:3 ideal. Wichtig ist zudem, darauf zu achten, dass es in der Krippe eine Eingewöhnungsphase gibt. Eltern ist das eine gute Gelegenheit, sich ein Bild von den Abläufen und der Atmosphäre in der Kita zu machen. Die Kinder können in dieser Phase die neue Umgebung kennenlernen und langsam Vertrauen zum Bezugserzieher aufbauen. Gerade bei einem Personalwechsel sollten Eltern wissen, wem sie ihr Kind anvertrauen. Dafür reichen ein "Hallo, ich bin die Neue" beim Elternabend und ein kurzes Zwischen-Tür-und- Angel-Gespräch nicht aus. Deshalb sollten Eltern vorab klären, ob es möglich ist zu hospitieren. "Am besten ist es, wenn Eltern mal einen ganzen Vormittag in der Krippe zuschauen können", empfiehlt Psychologin Anita Kofler.

Vertraue deiner Intuition

Ob sich Kinder in einer Krippe tatsächlich wohlfühlen, wissen nur sie selbst. Leider können sie es noch nicht erzählen. Deshalb sind Eltern auf eins besonders angewiesen: auf ihre Fähigkeit, die Zeichen des Kindes richtig zu deuten. Wir haben mittlerweile die Krippe gewechselt. Da wir in München keine anderen Kita-Plätze bekommen haben, sind wir in eine andere Stadt gezogen. Hier ist der Betreuungsschlüssel zwar deutlich schlechter, aber während der Eingewöhnungsphase kamen Abiturienten in der Kita vorbei, um "ihren Erziehern" das Neueste aus ihrem Leben zu berichten. Ich hoffe einfach mal, dass das ein gutes Zeichen ist.

Autorin: Anne Besser

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