Bestens betreut

Tagesmutter oder Kita? Wo ist mein Kind besser aufgehoben?

Krippe oder Tagesmutter? Nach Alter getrennt oder alle zusammen? Was ist das Richtige fürs Kind? Wir haben die beliebtesten Optionen zusammengestellt – und Bindungsexpertin Nora Imlau gefragt, worauf Eltern bei der Auswahl achten sollten.

Tagesmutter oder Kita? Was ist besser für mein Kind?
© iStock/nd3000
Eltern müssen entscheiden, ob ihr Kind besser bei einer Tagesmutter oder im Kindergarten aufgehoben ist. 

Mehr als ein Drittel aller einjährigen Kinder (37,5 Prozent) in Deutschland gehen in die Kindertagesbetreuung, unter den Zweijährigen sind es fast zwei Drittel (64,5 Prozent). Bei den drei- bis sechsjährigen Kids steigt die Quote laut Statistischem Bundesamt auf stolze 91,9 Prozent.

Die Kinder regelmäßig durch andere Personen betreuen zu lassen gehört für die Mehrheit der Eltern also zum Alltag dazu. Doch woher weiß man, welche Fremdbetreuung die passende für die eigene Familie ist? Um diese Frage zu klären, müsse man zuallererst auf die Formulierung achten, findet die Nora Imlau, Vierfach-Mama und Autorin ("In guten Händen"): "Wenn Medien unkritisch von 'Fremdbetreuung' sprechen, festigen sie damit das überholte und ideologisch aufgeladene Bild von herzlosen Eltern, die ihr Kind in der Obhut Fremder lassen, um arbeiten zu gehen." Moderne Betreuung hingegen, die das familiäre Netz ergänzt, basiere auf Bindungsbeziehungen, bei denen Kinder eben nicht von Fremden betreut werden – sondern von engen Vertrauten, erklärt die Expertin.

Mehr Bezugspersonen als die eigenen Eltern

Doch kann man die wirklich außerhalb der Familie finden? Auf jeden Fall, sagt Nora Imlau: "Das Großziehen von Kindern ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und Kinder brauchen mehr Menschen als nur ihre Eltern, um die Entwicklungsimpulse zu bekommen, die sie benötigen." Welche Form dabei die optimale für das eigene Kind ist, hängt vom Charakter ab: "Je nach angeborenem Grundtemperament brauchen Kinder unterschiedliche Rahmenbedingungen, um sich wohlzufühlen", erklärt die vierfache Mutter: "Eher extrovertierte Kinder lieben oft größere Kindergruppen mit viel Action, eher introvertierte, sensible oder gefühlsstarke Kinder brauchen mehr Rückzugsräume und engere Begleitung durch feinfühlige Erwachsene."

Aber nicht nur auf die Bedürfnisse der Kinder, auch auf die der Eltern sollte laut Nora Imlau Rücksicht genommen werden, zum Beispiel, wenn es um mögliche Betreuungszeiten und Fahrtwege geht: "Familien sind ein System – und deshalb darf die Wahl der Betreuung auch nicht nur von den Eltern oder nur vom Kind her gedacht werden, sondern aus dem Blickwinkel: Womit kann es uns allen gut gehen? Eine gute Betreuung hält unser Familiensystem in der Balance, indem es uns Eltern Entlastung und Freiräume ermöglicht und unseren Kindern wertvolle Bindungserfahrungen und Entwicklungsimpulse."

Haben wir die richtige Wahl getroffen?

Und woher weiß man letztlich, ob man die richtige Entscheidung gefällt hat? Das geht recht einfach, sagt die Expertin: "Dass ich eine gute Betreuungslösung für mein Kind gefunden habe, erkenne ich als Elternteil daran, dass mein Kind dort gerne hingeht, sich vertrauensvoll von mir löst und nach Ende der Betreuungszeit zwar müde, aber nicht emotional belastet wirkt."

Welche Optionen der Kinderbetreuung es bei uns in Deutschland gibt, stellen Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Berufsgruppen im Folgenden vor.

© privat
Rebecca Matthies ist angehende Erzieherin und arbeitet seit zweieinhalb Jahren in einer privaten Einrichtung in Hamburg im Krippenbereich. In ihrer Gruppe betreuen derzeit drei Fachkräfte insgesamt elf Kinder im Alter von einem bis drei Jahren.

"Ein größeres Netzwerk als nur die eigenen Eltern ist für Kinder schon früh wichtig. Bei uns in der Krippe haben sie die so wichtigen sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen. Natürlich spielen Kinder in dem Alter noch nicht so miteinander, wie es die älteren tun. Aber sie lernen Abläufe und Rituale kennen – und den Austausch untereinander. Beim gemeinsamen Essen am Tisch entstehen richtige 'Gespräche' unter Eineinhalbjährigen. Sowieso ist Sprachförderung ein großes Thema bei uns: Alles, was wir tun, versprachlichen wir, und wenn es nur das Schälen einer Kiwi ist. So lernen die Kinder jede Menge neue Vokabeln einfach nebenbei. Ich kann verstehen, dass die Betreuung in einer sehr kleinen Gruppe, wie bei einer Tagesmutter, für viele Eltern persönlicher wirkt. Doch wir sind natürlich entsprechend mehr Erwachsene im Team, sodass die Kinder die gleiche Aufmerksamkeit bekommen. Bei Krankheit oder Urlaub können wir uns gegenseitig vertreten. Und die Gruppe ist nicht so starr: Kommt ein neues Kind dazu, durchmischt es sich wieder – so entstehen tolle Dynamiken, ganz anders als in kleinen Betreuungsgruppen. Ich würde mein eigenes Kind auf jeden Fall auch in eine Krippe geben."

© privat
Daniel Wöbke ist Erzieher, seit 2011 arbeitet er im Elementarbereich in Hamburg mit den Schwerpunkten Musik und Umwelt. Der Vater einer dreijährigen Tochter ist zudem einer der Moderatoren des Papa-Podcasts "Serial Dads".

"Der größte Vorteil bei uns ist, dass die Kinder durch die Interaktion mit den ganzen anderen Kindern sozialisiert werden. Sie lernen nicht nur von uns Erziehern, sondern eben auch voneinander. Diese Vielfalt haben sie meiner Meinung nach in kleineren Gruppen oder in der Einzelbetreuung nicht. Oft fragen sich junge Eltern: Wird mein Kind in so einer großen Gruppe überhaupt gesehen? Da kann ich nur beruhigen: Ja, dein Kind wird gesehen – gerade die Kleinen. Natürlich können wir nicht genau so auf die Kinder eingehen wie die eigenen Eltern, aber wir gehen auf unsere pädagogische Art sehr sensibel und gut auf alle Bedürfnisse ein. Ein Nachteil ist oft die Größe der Kitas, da muss man sowohl als Elternteil als auch wir als Pädagogen Bock drauf haben. Kleine Kitas sind leider die Ausnahme geworden. Was man aber auch nicht außer Acht lassen darf: Natürlich gibt es bei der Tagesmutter eine engere Bindung, dafür aber auch weniger Qualitätsmanagement. Die Normen, Werte und kontrollierten Regeln der großen Kita-Träger sind ein enormer Vorteil."

© privat
Romana Glanz ist seit zwei Jahren sozialpädagogische Assistentin. Sie arbeitet in einer Hamburger Kita, die zurzeit 19 Kinder im Alter von einem bis fast sechs Jahren besuchen – in einer gemeinsamen Gruppe.

"In einer Familiengruppe erlernen die Kinder früh soziale Kompetenzen: Die älteren Kinder geben auf die jüngeren acht und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig lernen auch die Kleineren, Rücksicht auf den Spielraum der Älteren zu nehmen. Im Idealfall schauen sich die Jüngeren von den Älteren ab, wie sie ihre Bedürfnisse äußern können. Ich finde es außerdem schön, wenn die Gruppe sich mischt: Nicht jedes Krippenkind hat das Bedürfnis, mit Gleichaltrigen zu spielen, und freut sich, wenn es bei den Älteren dabei sein darf – und genauso umgekehrt. Eine Herausforderung für uns pädagogische Fachkräfte ist die zeitgleiche Befriedigung der vielen unterschiedlichen Bedürfnisse durch die große Altersspanne. Diese Sorge hören wir auch hin und wieder von den Eltern. Das ist aber lösbar, wenn man den verschiedenen Altersklassen genug Raum und bedürfnisorientierte Angebote bieten kann. Und durch diese Altersspanne sind die älteren Kinder in unserem Konstrukt auch wirklich 'die Großen', sie helfen den Kleineren und übernehmen andere Aufgaben, auf die sie einfach richtig stolz sind."

© privat
Diana Ritter ist seit 2020 Tagesmutter in Brunnthal bei München. Zurzeit betreut sie vier Tageskinder sowie ihre beiden eigenen Kinder (1 und 4). Von ihrem Alltag als Tagesmutter berichtet sie auf Instagram unter @_diana_ritter_

"Der größte Vorteil, den ich in unserer Kleingruppe sehr, ist die Reduzierung der Reize. Allein der Lautstärkepegel! Außerdem müssen die Kinder durch die kleine Gruppengröße viel weniger Kompromisse eingehen. Ich kann jedem von ihnen täglich Wünsche erfüllen, zum Beispiel das Lieblingsbuch vorlesen. Der Austausch zu den Müttern und Vätern ist durch die geringe Anzahl sehr eng, wir haben ein fast freundschaftliches Verhältnis. Oft begegnet mir das Vorurteil, dass die Kinder bei mir nicht ausreichend gefördert werden, weil die Angebote einer großen Kita-Gruppe fehlen. Dabei ist längst erwiesen, dass die Partizipation der Kinder am ganz normalen Alltag einen enormen Lerneffekt hat. Viele Mal- und Bastelangebote können sie noch gar nicht greifen. Natürlich machen wir solche Dinge auch, aber eben nur, wenn der Wunsch danach aus den Kindern heraus kommt. Ein Nachteil ist, dass ich keine Kollegin habe, die im Krankheitsfall oder während meines Urlaubs für mich übernimmt. Aber: Jede Tagesmutter hat eine Ersatzbetreuung – und nach spätestens 24 Stunden springt die für mich ein."

Autorin: Silke Schröckert

Lade weitere Inhalte ...