Muckis um jeden Preis

Körperkult in sozialen Netzwerken: Gefährliche Ideale

Ein muskulöser Körper war für junge Männer schon immer ein Schönheitsideal. Inzwischen aber mühen sich schon Teenies in Fitnessstudios ab, um fragwürdigen Instagram-Stars nachzueifern. Wie gefährlich ist dieser Trend?

Viel zu stemmen: Mit der Pubertät kommen für viele Jungs auch Selbstzweifel. Im Fitnessstudio versuchen manche, diese Sorgen zu vertreiben.
© Foto: iStock/Ben Gingell
Viel zu stemmen: Mit der Pubertät kommen für viele Jungs auch Selbstzweifel. Im Fitnessstudio versuchen manche, diese Sorgen zu vertreiben.

Die Pubertät ist keine leichte Zeit. Weder für junge Frauen noch für heranwachsende Männer. Jungs erleben diese Phase oft sehr intensiv – und sie stellen sich Fragen, die vorher noch keine Bedeutung hatten: Bin ich groß genug? Wachse ich noch? Wann wächst mir endlich ein Bart? Ist meine Stimme tief genug? Worauf stehen Mädchen? Auf mich? Bin ich schön genug? Und wie werde ich attraktiver?

Diese Unsicherheit kennen die meisten Väter noch aus ihrer eigenen Jugend. Doch heute ist der damit verbundene Druck für viele Jungs noch größer. Im Fernsehen und vor allem in sozialen Medien wie Instagram oder TikTok finden Jugendliche ein körperliches Bild vor, das oft unrealistisch und für die meisten schlicht nicht zu erreichen ist. Bilder stahlharter Sixpacks pflastern die Newsfeeds der sportlich aktiven männlichen Jugendlichen. Austrainierte Athleten an jeder Ecke, die scheinbar mühelos eine für die Allgemeinheit sehr ansprechende Figur erreichen und halten. Ansprechend für alle, besonders die Frauenwelt, so scheint es. Kein Wunder, dass die Jugendlichen diesen Vorbildern nacheifern möchten.

Zurückgezahlt wird mit Aufmerksamkeit

Das geht auch Luca so. Der Gymnasiast ist Ruderer, betreibt Sport als Hauptfach und arbeitet täglich auf seinen Abschluss hin. Dafür trainiert er, häufig, teils exzessiv. Seinen durchtrainierten Körper präsentiert er stolz in sozialen Netzwerken. Die harte Arbeit soll sich ja nicht nur im Sport auszahlen. "Ich finde, er übertreibt es ein wenig mit dem Training", meint sein Vater Markus dazu. Genauso wie sein Sohn möchte er seinen richtigen Namen nicht im Netz lesen, beide Vornamen sind Pseudonyme. Die Trainingswut und der Darstellungsdrang seines Sohnes findet er bedenklich: "Wenn der eigene Körper vorrangig als Ausstellungsware betrachtet und optimiert wird, treibt das schnell ungesunde Blüten", meint Markus. Aber er äußert auch Verständnis: "Ich denke, in seinem Alter gehört es auch dazu, sich in ein Thema reinzusteigern – zumal ihm dieses Thema auch viel zurückgibt: guter Ruderer, Sport- Abi im Visier."

Jedenfalls bekommen die jungen Körperoptimierer in den sozialen Medien offenbar genug zurück, um sich wirklich reinzuhängen. Fitnessstudios haben enormen Zulauf, gerade auch unter Schülern. Nah- rungsergänzungsmittel, die schnelleren Muskelaufbau versprechen, genießen reißenden Absatz. Sogenannte Fitness-Tracker in Uhrenform oder als App auf dem Smartphone sind überaus beliebt. Schritte werden gezählt, die Schlafqualität gemessen und die aufgenommenen und verbrannten Kalorien sorgfältig eingetragen. Der Sport und alles, was damit zusammenhängt, wird zunehmend zum professionalisierten Hobby.

Doch ist das überhaupt ein Problem? Sich mit dem eigenen Körper, sportlicher Aktivität und Ernährung auseinanderzusetzen ist ja erst einmal nichts grundsätzlich Verwerfliches. "Attraktivität erhöht den Marktwert", gibt auch Vater Markus zu bedenken. "Die demonstrierte Willenskraft, die zum 'Bodyshaping' nötig ist, vielleicht auch. Wer weiß? Fest steht: Es gibt sicher eine Art sozialer Ansteckung, die durch Social Media noch verstärkt wird. Doch Trends kommen und gehen. Auch jene, die sich auf körperliche Idealbilder von Mann und Frau beziehen."

Dass Mädchen auch eitel sind, beruhight leider nicht

Trotzdem machen viele Eltern sich Sorgen, ob das Streben ihres Kindes nach Instagram-tauglicher Schönheit noch gesund ist. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass Eitelkeit bei Männern allgemein gesellschaftlich weniger akzeptiert ist als bei Frauen. Andererseits ist Eltern auch bewusst, dass der Schönheitswahn schon bei den Mädchen auch häufig negative Folgen hat.

Denn wer sich mit anderen vergleicht, ist ständigem Konkurrenzdruck ausgesetzt. Es gibt immer andere Jungs, die viel weiter sind. Sie sind sportlicher oder scheinbar schöner, haben breitere Schultern oder über die Ferien einen großen Wachstumsschub gemacht. Die große Frage "Sind die besser als ich?" führt bei vielen zu Selbstzweifeln.

Das Thema Ernährung verunsichert viele Teenager

Hinzu kommt, dass die Körperoptimierung nicht im Fitnessstudio aufhört. Der sogenannte "Fitness- Lifestyle", der zur körperlichen Optimierung führen soll, greift viel tiefer in den Alltag ein. Vor allem die richtige Ernährung ist den Jugendlichen so wichtig, dass sie schon identitätsstiftend wirkt. Ob vegan, vegetarisch, die "Paleo-Diät" oder fleischlastig: Jegliche Ernährungsrichtung wird von passenden Werbefiguren – also meist sogenannten Influencern in Netzwerken wie YouTube, Instagram oder TikTok – angepriesen und als die einzig wahre und beste verkauft.

"Verkauft" ist durchaus wörtlich gemeint, denn die zur Lebensweise passenden Produkte schaffen lukrative Wirtschaftszweige. Lobbyisten ziehen einzelne Studien heran, deren Ergebnisse scheinbare Belege für die Richtigkeit der eigenen persönlichen Lebensweise darstellen, und nutzen soziale Plattformen für die ungefilterte Verbreitung. Entsprechende Ergänzungsprodukte erscheinen auf dem Markt, die passend zum jeweiligen Studienergebnis die so wichtigen Nährstoffe enthalten, ohne welche die tägliche Ernährung nicht vollständig zu sein scheint. Sie versprechen schnelle Ergebnisse bei körperlichen Zielen. Kurze Wege, den Traumkörper zu erreichen.

Essstörungen nehmen bei Jungen rasant zu

Im Zusammenspiel mit typisch jugendlichen Selbstzweifeln sorgen die vielen Halbwahrheiten und widersprüchlichen Aussagen bei vielen Schülern für eine tiefe Verunsicherung. Die spiegelt sich im Ernährungsverhalten wider: Waren in den vergangenen Jahrzehnten vor allem junge Mädchen und Frauen von einer sogenannten Essstörung betroffen, so stieg die Zahl der männlichen Jugendlichen mit einer nachgewiesenen Erkrankung dieser Art in den vergangenen Jahren deutlich an.

Die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) etwa verzeichnet nach eigenen Angaben bei den 12- bis 17-jährigen Männern, die wegen einer Essstörung ärztlich behandelt wurden, von 2008 auf 2018 ein Plus von knapp 60 Prozent. Bei den gleichaltrigen Frauen betrug der Anstieg der Krankenkasse zufolge 22 Prozent. Die KKH schreibt: "Mittlerweile ist ein Viertel der Erkrankten in diesem Alter männlich, zehn Jahre zuvor war es noch ein Fünftel."

Auch Bulimie ist unter männlichen Jugendlichen längst verbreitet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) spricht auf ihrer Website von einem bis fünf Männern von 1000, bei denen die Krankheit inzwischen diagnostiziert wurde. Die Dunkelziffer wird in diesem Zusammenhang nicht geschätzt. Die Gefahr, mit Blick auf die körperliche Selbstoptimierung, welches Bild diese letztlich auch darstellt, in eine Essstörung zu geraten, ist also jederzeit gegeben.

Rückhalt in der Familie ist enorm wichtig

Eltern bleibt also nichts anderes übrig, als an ihrem Kind dranzubleiben und sich möglichst regelmäßig mit ihrem Heranwachsenden zu diesen Themen auszutauschen. Sport ist gerade für Jungs grundsätzlich gut und auch zur ästhetischen Verbesserung in Ordnung. Aber er sollte ein Hobby bleiben und nicht das ganze Leben des Teenagers beherrschen. Zweifeln Eltern ernsthaft, ob diese Balance noch gegeben ist, können sie sich an verschiedenen Stellen Hilfe holen: Die BZgA bietet beispielsweise über ihre Info-Hotline (Telefonnummer 02 21/89 20 31) Unterstützung an.

Bei Luca ist das zum Glück noch nicht nötig. "Ich mache mir eigentlich keine Sorgen", meint sein Vater. Er gibt sich entspannt: "Denn das Hobby – und Abi-Hauptfach – meines Sohnes ist ja nicht 'optische und ästhetische Optimierung', sondern schlicht und einfach Sport. Und auch wenn ich als Vater wohl das am wenigsten objektive Urteil habe: Mein Sohn ist ein mental ruhiger, witziger Typ, der zwar seine physischen Grenzen auslotet, was völlig in Ordnung ist, der aber nicht zum Extrem neigt. Und: Solange er Sport treibt, macht er keinen anderen Unsinn."

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