Kolumne

Vatertag: Lasst die Bollerwagen einfach ziehen!

Gehören die Kumpels und ein Kasten Bier zum Vatertag einfach dazu? Oder muss der Papa den Tag mit der Familie verbringen? Wie ist es denn nun richtig? Unsere Autorin sagt: Scheißegal – macht bitte einfach, was ihr wollt!

Unsere Autorin plädiert für einen entspannten Vatertag.
© Foto: Getty Images/Westend61

Ich schenke meinem Mann nichts zum Vatertag. Er bekommt auch kein extra aufwändiges Frühstück hingestellt oder gar den Freifahrtschein, den Tag "nur für sich" zu verbringen, um sich von den Strapazen des Vaterseins zu erholen. Ich weiß, dass ich viel Applaus dafür ernten würde, wenn ich nun schriebe, dass der Grund für mein Nicht-Zelebrieren die meiner Meinung nach alberne Kommerzialisierung eines eigentlich christlichen Feiertages ist, dass der Vatertag ein unnötiger Abklatsch des Muttertages sei und dass die Mehrheit der Väter da draußen es im Gegensatz zu uns Müttern sowieso gar nicht verdient habe, einen Tag lang für ihre Elternschaft extra gefeiert zu werden. Aber es tut mir leid: All das ist mir ziemlich egal.

Man muss die Feste feiern, wie sie gefallen

Grundsätzlich zelebriere ich jeden Anlass zum Feiern und Gefeiertwerden, zum Schenken und Beschenktwerden leidenschaftlich gern – auch die albern kommerzialisierten. Am Valentins- und Hochzeitstag erwarte ich mindestens Blumen, meinen Geburtstag plane ich über mehrere Tage und von meiner Mutter habe ich die Tradition des "dritten Weihnachtsfeiertages" übernommen (weil zwei einfach nicht reichen, das liegt ja wohl auf der Hand!). Und da sind wir schon beim Stichwort: Tradition. Jede Familie verbringt diese mehr oder weniger besonderen Tage im Jahr nun einmal anders. Als ich ein Kind war, haben wir jede Gelegenheit in dieser Hinsicht mitgenommen. Ja, wir haben sogar die (terminlich meist geratenen) Geburtstage von Haustieren in schwungvolle Partys verwandelt.

Meinen Mann hingegen kann man mit vielen Feiertags-To-dos jagen. Und ich weiß, dass schon der Valentinstag an sich und meine insgesamt ausschweifende Art, die Oster- und auch Weihnachtszeit zu bestreiten, für ihn große Kompromisse sind. 

Beim Vatertag ist das Maß voll

Großzügig, wie ich bin, habe ich also beim Vatertag gesagt: "Pass auf, Schatz, ich komme dir entgegen: DIESEN Tag feiern wird nicht!" Und es wäre eine ziemlich witzige Pointe, wenn der Text hier tatsächlich enden würde.

Aber ganz so ist es dann doch nicht. Denn jetzt haltet euch fest: Auch der Muttertag wird bei uns nicht gefeiert. Also so gar nicht. Nicht einmal mit "nur Blumen und Pralinen". Noch nicht einmal mit Ausschlafen. Die selbstgebastelten Schätze meiner Kinder (über die ich mich jedes Mal riesig freue!) überreichen sie mir in der Regel direkt an dem an dem Tag, an dem sie sie aus der Kita oder Schule mit nach Hause bringen. Der Sonntag selbst hingegen ist bei uns das, was er nun einmal ist: ein Sonntag. Und würde ich nicht meine eigene Mutter an diesem Tag beschenken (und das tue ich von Herzen gern!), dann erführe ich vom Muttertag vermutlich erst in den Timelines meiner Social-Media-Kanäle. In denen sowohl für den Mutter- als auch den Vatertag der Tenor einstimmig ist: Ganz egal, wie du diese Tage feierst – es ist falsch.

Statements, die mir online immer wieder begegnen: Blumen zum Muttertag sind peinlich, denn Frauen wollen keine Pflanzen, sondern Gleichberechtigung. Sowieso ist der Gedanke, uns Müttern nur an einem einzigen Tag im Jahr zu danken, absurd, denn wir verdienen jeden Tag endlosen Dank. Den Muttertag aber gar nicht zu feiern, ist natürlich auch nicht richtig: Wenigstens dieser eine Tag steht uns doch zu! Und der Vatertag ist per se ein Unding, weil er ja sogar von Männern gefeiert wird, die noch nicht einmal Väter sind! Bollerwagen ziehend grölen sie durch die Straßen und zelebrieren sich selbst, so als sei das Mannsein Grund genug dafür, sich hochleben zu lassen. Und sowieso fehlt da jeder besinnliche Hintergrund, denn eigentlich wird ja am Vatertag die im christlichen Glauben wichtigste Rückkehr eines Sohnes zu seinem Vater gefeiert.

Was war da nochmal mit Himmelfahrt?

Nein, ich glaube auch nicht, dass mehr als 5% der Bollerwagen-Trupps ad hoc weiß, dass sie und ihre Bierhelme gerade die Wiedervereinigung von Gott und Jesus feiern. Aber ganz im Ernst: genau so wenige Kinder können aus dem Stehgreif erklären, weshalb an Ostern ein Hase bunte Eier versteckt – und dass dieser Tag das höchste christliche Fest überhaupt ist. Aber warum nur haben wir ausgerechnet beim Vatertag das Bedürfnis, uns darüber immer das Maul zu zerreißen?

Jede Tradition hat ihre Berechtigung

Mein Mann käme im Leben nicht auf die Idee, an Himmelfahrt eine Bierkiste in den Bollerwagen zu packen und sich bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen zu lassen. Genauso wenig wie er auf die Idee käme, mir an Muttertag Pralinen zu besorgen. Das ist unsere Tradition, und alle in der Familie sind damit einverstanden – ja, sogar hochzufrieden! Und solange genau das innerhalb einer Familie gegeben ist, hat jede Tradition meiner Meinung nach ihre (Nicht-)Daseinsberechtigung. Deshalb sage ich: Lasst die Bollerwagen ziehen. Und lasst den Männern, die diesen Tag auf eben diese Weise feiern wollen, ihren "Vatertag". Denn genauso wenig wie wir Mütter "an jedem anderen normalen Tag" Blumen geschenkt bekommen, schafft diese gut gelaunte Truppe da im Stadtpark es vielleicht "an jedem anderen normalen Tag" sich in genau dieser Konstellation zu treffen und eine gute Zeit zu haben. Gönnt ihnen den Spaß. Oder gönnt es ihnen nicht, aber dann behaltet eure Meinung für euch. So wie mein Mann seine Meinung für sich behält, wenn ich bereits im Oktober die Weihnachtskiste vom Dachboden hole. Oder mich zum dritten Mal für meinen Geburtstag hochleben lasse.

Wem das Gönnen-Können an diesem patriarchalisch belegten Tag schwerfällt, der kann es ja erst einmal mit einfacheren Tagen üben. Dem Tag der Olive zum Beispiel am 2. Juni. Oder dem Hoppla-Tag am 8. Juni. Und am allerbesten zelebrieren wir alle gemeinsam, ob Eltern oder Nicht-Eltern, dieses Jahr den 18. Juni. Denn der ist laut kuriose-feiertage.de der "Gönn-dir-was-Tag". 
 

Autorin: Silke Schröckert

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