"Familie sollte nicht von der Genetik abhängen!"

Polyamore Beziehung: 4 Frauen, 3 Kinder, 1 Familie!

Julia hat drei Kinder und liebt drei Frauen. Im Interview erzählt sie zusammen mit ihrer Freundin Elena von ihrem ungewöhnlichen und doch völlig normalen Familienalltag.

Julia, Elena und Lara (von links nach rechts) führen eine polyamore Beziehung.
© Foto: Elena Barba
Julia, Elena und Lara (von links nach rechts) führen eine polyamore Beziehung.

"Ich habe mich anfangs selbst dafür verurteilt. Ich hatte das Gefühl, dass das was Schlimmes ist." 

Worte von Julia, die nachhallen. Worte einer Frau, die einfach "nur" liebt. Nur dass ihre Liebe nicht in den gesellschaftlichen Rahmen passt.

Darf ich wirklich mehrere Frauen lieben?

Julia ist dreifache Mama. Sie war mal mit einem Mann verheiratet. Hat sich scheiden lassen. Und sich dann wieder neu verliebt. Nicht in einen Mann. Nicht in "nur" eine Frau. Sondern in drei Frauen. Sie führt ein Familienmodell, das in Deutschland kein Mainstream ist. Ein Modell, das in vielen Köpfen aneckt. Eins, mit dem sie anfangs selbst – trotz ihrer starken Gefühle – gehadert hat. Schon der Schritt, eine Frau zu lieben und dafür einzustehen – war für sie ein großer. Aber gleich drei Frauen zu lieben und ganz offen als Polyfamilie zu leben? Das machte der 34-Jährigen erst einmal Angst: "Ich habe mich anfangs gefragt: Wie kann ich das Familienmodell mit meinem Muttersein vereinbaren? Was tue ich meinen Kindern an, wenn ich eine so unkonventionelle Beziehungsform lebe, die in der Gesellschaft nicht sichtbar ist? Geht das überhaupt?"

Bei diesem Interview via Skype mit Julia und einer ihrer Partnerinnen, Elena, mussten wir oft schlucken. Den Kopf schütteln. Diese Frauen haben uns berührt. Mit ihrer Liebe zueinander – und ihrer Familiengeschichte.

© Foto: Elena Barba
Viviane (2te von rechts) ist mit Julia (ganz rechts) verheiratet, aber kein Teil der polyamoren Beziehung mehr.

Polyfamilien in Deutschland: Viele leben in Angst statt in Freiheit

Julia, Elena und Lara haben eine polyamore Beziehung. Das bedeutet, dass sich alle drei lieben. Sie leben zusammen als Familie mit Viviane. Viviane ist wiederum mit Julia verheiratet, aber kürzlich aus der polyamoren Vierer-Beziehung ausgestiegen. Die Frauen haben sich online kennengelernt. Aus einer Instagram-Begegnung wurde erst Freundschaft, dann Liebe. Und aus zwei Frauen-Pärchen (Viviane 29, Ergotherapeutin & Julia 35, Fotografin und Tättowiererin, Lara 32, Projektmanagerin & Elena 29, Fotografin) eine Polyfamilie. Gemeinsam haben sie drei Kinder im Alter von 4, 6 und 8 Jahren. Zwei davon hat Julia geboren, eins Viviane. Vier Mamas, drei Kinder - und ein ganz normaler Familienalltag, über den sie auf Instagram als @happypolyfamily berichten. Sie verstecken sich nicht, sondern setzen in Social Media ein Zeichen dafür, dass Liebe vielfältig ist. Warum das so wichtig ist? Weil auch 2022 noch in vielen Köpfen das Familienideal von "Mutter, Vater, Kind" vorherrsche, erzählen uns Julia und Elena. Die Kinderbücher in der Kita würden den Blick selten auf Vielfalt legen. Auf Polyamorie schon gar nicht. Und auch ihre eigenen Kinder haben schon gesagt, dass – Zitat: "Mutter, Vater, Sohn und Tochter die perfekte Familie sind". Puh!

Viele Polyfamilien verstecken ihre Liebe!

Polyamorie – für viele Menschen offenbar unethisch, nicht vertretbar. Das geht so weit, dass sich laut Elena und Julia viele Polyfamilien in Deutschland verstecken würden. Wie? Indem die eigenen Kinder die weiteren Eltern "Tante" und "Onkel" nennen würden: "Viele machen das auch aus familiären oder beruflichen Gründen nicht öffentlich. Sie haben große Angst", sagt Julia. Zu groß sei die Gefahr für einen Bruch mit der eigenen Familie oder Problemen im Job. Für Julia steht fest: "Ich möchte nicht, dass meine Kinder lügen müssen, um die Familie zu verheimlichen.“ Und genau deshalb kämpfen Julia, Elena und ihre Partnerinnen dafür, dass Kinder in jeglicher Konstellation sagen können, wie ihre Familie aussieht. Dass Lebensmodelle wie ihres "normal" werden. Sie selbst haben bisher kaum Ablehnung erfahren. Eine Wohnung haben sie als siebenköpfige Familie aufgrund ihrer Konstellation lange nicht bekommen. Dazu gibt es im Netz immer wieder Leute, die stänkern. Aber genau das ist für die Vier auch ein Motor. "So lange es noch Menschen gibt, bei denen wir als Familie anecken, ist das Grund genug für uns, weiter laut und sichtbar zu sein."  Sie selbst machen zu 99 Prozent positive Erfahrungen im Familien- und Freundeskreis. Und als Support für andere Polyfamilien haben sie eine geheime Facebook-Gruppe für gegenseitigen Austausch gegründet.

4 Mamas und damit auch vier Hände mehr im Familienalltag!

Wir selbst lernen in unserem Interview eine ganz normale Familie kennen – mit all den glücklichen und fordernden Alltagsmomenten. Julia erzählt uns lachend: "Auch wir müssen morgens unter mega Stress drei Kinder fertig machen, Brote schmieren, Taschen packen und 15 Mal sagen, dass jetzt bitte die Socken angezogen werden müssen. Wir unterscheiden uns nicht von dem ganz normalen Familienwahnsinn. Wir sind eben nur mehr Erwachsene." Und die Kinder profitieren davon, erzählen sie uns. Zum Beispiel in Sachen Körperbewusstsein: Sie sehen zum Beispiel vier nackte Frauen im Badezimmer und lernen, dass jede Mama anders aussieht. Außerdem teilen sich die vier Mamas die Aufgaben: Eine Mama ist fürs Zähneputzen da, die andere kann gut zeichnen, die nächste hat es in Sachen Styling voll drauf. Jede von ihnen hat ihre eigene Mamarolle. Und damit niemand bei vier Müttern durcheinanderkommt, nennen die Kids sie alle anders: "Julia ist die 'Mama', da sie als erste Bauchmama war. Das entstand also aus der Historie. Viviane ist die 'Mami';, Elena die 'Mamina' und Lara ist die 'Mima'." Gemeinsam lebt die Familie in einer Wohnung mit sieben Zimmern im Rhein-Neckar Kreis.

Endlich frei im Herzen: Mama Julia konnte von ihren Ängsten loslassen!

Wir haben den Eindruck: In dieser Familie bekommen die Kinder viel Liebe und viel Toleranz mit auf den Weg. Jede von ihnen ist in ihre Rolle hineingewachsen – Elena, die vorher keine Kinder hatte, erzählt uns: "Es war nicht so, dass ich morgens wach geworden bin und Mama war. Dieses Gefühl kam heimlich und schleichend. Die Kinder haben irgendwann beschlossen, dass Lara und ich auch Mamas sind, indem sie uns so genannt haben. Dann haben wir es für uns besprochen und auch alle gemeinsam, dass wir eben gemeinsam die Kinder aufziehen möchten und zusammenbleiben möchten."

Julia konnte sich wiederum von ihren Ängsten frei machen: "Ich habe meinen Frieden gemacht, als ich gesehen habe, dass ich meinen Kindern nicht schade, sondern dass ich ihnen etwas Tolles mitgebe. Familie sollte nicht von der Genetik abhängen!"

Genau das unterschreiben wir so! Familie ist bunt! Und wer definiert überhaupt, was "normal“ ist?

Autorinnen: Kerstin Lüking & Dorothee Dahinden

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