Freie Zeit förderlich für die Entwicklung

Alleine spielen? Na klar! Tipps, wie es klappt

Die meisten Kinder hatten in den vergangenen Monaten pandemiebedingt weniger Spieldates mit Freunden und kaum Kurse. Nachteile für die Entwicklung der Minis hat das aber in den meisten Fällen nicht: Viele Experten sehen die Sache genau andersherum, halten viel freie Zeit für Kinder für besonders förderlich. Und das gilt sogar für die ganz Kleinen.

Stein auf Stein: Bauklötze zählen zu den beliebtesten Spielzeugen überhaupt, fördern die Fantasie und die Kreativität.
© Foto: Getty Images/Sally Anscombe
Stein auf Stein: Bauklötze zählen zu den beliebtesten Spielzeugen überhaupt, fördern die Fantasie und die Kreativität.

Mein Großer sollte jetzt eigentlich schwimmen lernen. Der Kurs ist pandemiebedingt ausgefallen. Genauso wie das Kinderturnen, zu dem ich meine Kleine so gern angemeldet hätte. Also toben die beiden noch immer durch Kinderzimmer (und Küche und Badewanne). Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Und ich frage mich manchmal: Ist das jetzt gut oder ist das schlecht, diese viele freie Zeit? "Kein Kind ist in seiner Entwicklung gefährdet oder gar benachteiligt, wenn es an solchen Freizeitprogrammen nicht teilnimmt", stellt Elementarpädagogin Margit Franz klar. Die Erziehungswissenschaftlerin ist Expertin auf dem Gebiet der kindlichen Spielentwicklung. "Und diese fördert man besser durch freie Zeit als durch Kurse", sagt sie.

Nicht ständig bespielen, bespaßen und beschäftigen

Anstatt sich Sorgen zu machen, dass es trotz erster Lockerungen auch weiterhin weniger Freizeitaktivitäten gibt als vor der Pandemie, können wir also (zumindest gedanklich) die Füße hochlegen und unseren Nachwuchs beruhigt spielen lassen – und zwar auch gern mal allein. "Es ist eine wichtige Kompetenz, dass Kinder mit sich selbst zufrieden sind und allein spielen können", erklärt Margit Franz. "Das Alleinspiel lernen sie, wenn ihre Eltern es ihnen ermöglichen. Sie also einfach mal in Ruhe lassen und nicht ständig bespielen, bespaßen und beschäftigen." Andernfalls würden Kinder vor allem eines verinnerlichen: Der Erwachsene macht ständig was mit mir. "Dabei verlernen die Kinder, eigenmotiviert zu spielen", sagt Margit Franz: "Von diesem Spiel-Defizit-Syndrom berichten mir viele Fachkräfte. In Kitas gibt es immer mehr Kinder, die nicht wissen, wie sie spielen sollen, sondern nur auf Anleitung von den Erwachsenen warten."

Die Welt ist interessanter als jeder Kurs

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sei es wichtig, dass Eltern ihren Kindern bereits im Säuglingsalter Zeit geben, sich allein zu beschäftigen. Liegt das Baby auf der Krabbeldecke und schaut die Sonnenflecken an der Wand an, sollte es dabei nicht gestört werden. Macht der Sprössling den Lichtschalter immer wieder an und aus, sollten Eltern ihn gewähren lassen. So entdecken und verstehen Kinder unsere Welt.

Die Pädagogin: "Die ersten drei Lebensjahre sind das Alter, in dem Kinder so viel und so schnell lernen wie sonst nur sehr selten im Leben. Säuglinge und Kleinkinder sind aktive Forscher und Entdecker. Sie sind neugierig und interessiert. Hierfür brauchen Kinder keine besonderen Programme und Beschäftigungen. Sie brauchen vor allem ausreichend Zeit, Ruhe, Gelassenheit und eine Umgebung, in der sie die Dinge des Lebens in ihrem häuslichen Umfeld entdecken und erforschen können: einen scheppernden Topfdeckel, eine leere und interessant duftende Cremedose, eine raschelnde Zeitung. Dies alles sind für kleine Kinder hochinteressante Forschergegenstände, die es in jedem Haushalt gibt und die kein Geld kosten."

Autorin: Merle von Kuczkowski

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