Kindlicher Glaube

"Mama, was ist eigentlich Gott?"

Früher oder später kommt diese Frage ganz bestimmt. Wie erklärt man Kindern Gott, Glaube und Religion? Unsere Autorin Merle hat eine Pädagogin zu diesem Thema befragt – und letztendlich ihren ganz eigenen Weg gefunden ...

Gemeinsam beten, Geschichten aus der Bibel lesen oder Gottesdienstbesuche – viele Kinder fragen früher oder später "Was ist eigentlich Gott?"
© Foto: Getty Images
Gemeinsam beten, Geschichten aus der Bibel lesen oder Gottesdienstbesuche – viele Kinder fragen früher oder später "Was ist eigentlich Gott?"

"Mama, was ist eigentlich Gott?", fragt mich mein Sohn. Er ist sechs Jahre alt, wissbegierig, kritisch und fantasievoll. Er hat eine durchdachte, aussagekräftige Antwort verdient. Zumal ich mich mit diesem Thema meiner Meinung nach auskenne. Ich bin in einem evangelisch-lutherischen Elternhaus aufgewachsen. Als meine Schwester im Alter von 13 Jahren bei einem Autounfall starb, war ich sieben. Mein kindlicher Glaube an Gott hat mir damals geholfen, diesen unbeschreiblichen Verlust zu verkraften. Deshalb möchte ich auch meinen Kindern Glauben vermitteln. Um ihnen ein Licht zu geben, das sie hervorholen können, wenn sie es in einer dunklen Zeit ihres Lebens einmal brauchen. Einen inneren Rettungsring für schlechte Zeiten. 

Doch der Glaube erweist sich für mich als bisher schwierigstes Thema in Sachen Erziehung und Wissensvermittlung, denn ich – die ihren Kindern so gern die ganze Welt erklärt – habe auf viele Fragen plötzlich keine guten Antworten. 

Gebete und Geschichten – reicht das?

Ich gehe nur sehr selten in die Kirche, denn diese Institution hat für mich wenig mit meinem persönlichen Glauben zu tun. Wenn ich in der Vergangenheit gebetet habe, dann meist für mich alleine. Das alles hat zur Folge, dass Gott in unserem Familienalltag nicht automatisch stattfand. Deshalb habe ich mich irgendwann bewusst dazu entschlossen, abends vor dem Schlafengehen mit den Kindern zu beten. Kurze, melodische Kindergebete wie: "Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Augen zu. Vater, lass die Augen dein, über unsern Betten sein."

Und ich lese ihnen Geschichten vor. Es hat einige Versuche gebraucht, bis ich eine Kinderbibel fand, die uns allen gefällt. Denn viele Bibelgeschichten sind grausam – und mindestens ebenso viele sind langweilig. Aber für solche Experimente gibt es ja (Gott sei Dank ...) Bibliotheken. Nun berichtet uns ein kleines Schaf von der Entstehung der Welt und dem Leben Jesu (siehe Buch-Tipp). Und trotzdem frage ich mich: Ist das der richtige Weg? Ist es das, was ich vermitteln möchte?

Merles Kinderbibel-Tipp: "Rica erzählt Die Bibel – Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament"

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"Rica erzählt Die Bibel – Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament", für Kinder ab 3 Jahren. 

Verlag Ernst Kaufmann, 120 Seiten, über Amazon*, 9,95 Euro

Deine Seele, das bist du

In der Ostergeschichte stirbt Jesus, und seine Seele kommt in den Himmel. "Mama, was ist die Seele?", fragt mein Sohn, als wir zu Ende gelesen haben. Und endlich finde ich eine gute Antwort. Sie lautet: "Ich weiß es nicht." Es ist befreiend, das zuzugeben. Und ich finde es auch gut, meinen Kindern zu zeigen, dass der Mensch nicht allwissend ist. Dass wir nicht alles nachschlagen und googeln können. Dass es Phänomene gibt, die wir nicht erklären können. Trotzdem möchte ich meinem Sechsjährigen natürlich etwas mehr Feedback geben und versuche eine Erklärung: "Ich glaube, dass die Seele eine Mischung aus deinen Gedanken und Gefühlen ist. Deine Seele, das bist du. Solange ein Mensch lebt, wohnt die Seele im Körper. Wenn der Mensch stirbt, lässt die Seele den Körper auf der Erde zurück, wo er selbst wieder zu Erde wird. Dann fliegt sie in den Himmel. Dort, hinter den Sternen, trifft die Seele alle Menschen und Tiere wieder, die sie je geliebt hat. Und alle sind glücklich miteinander." "Dann triffst du deine tote Schwester auch im Himmel wieder, wenn du tot bist?", fragt er mich. "Ja, genau", sage ich, mit Tränen in den Augen und einem dicken Kloß im Hals. Denn genau darum geht es ja. 

Es gibt kein Richtig und Falsch, das Beste ist Offenheit

"Kleinen Kindern fehlen wissenschaftliche Kenntnisse, deshalb haben sie andere Möglichkeiten, Trauer zu verarbeiten. So kann es für sie bei Todesfällen tröstlich sein zu glauben, dass sie den Verstorbenen irgendwann wiedersehen; dass er nicht ganz weg ist“, erklärt Dipl.-Sozialpädagogin Dorothea Jung von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. 

Eine generelle Empfehlung, ob Glaube gut oder schlecht für Kinder sei, gebe es nicht, meint die Expertin. "Kinder lernen von Vorbildern, von dem, was ihnen vorgelebt wird. Wer selbst nicht glaubt, kann dies auch nur schlecht glaubwürdig vermitteln. Familien, die Rituale haben, vermitteln diese hingegen automatisch", so Jung. Zudem sei Glaube so individuell und persönlich, dass ein allgemeiner Rat wenig Aussagekraft habe. Zwei Tipps für Eltern lässt sich die Sozialpädagogin dann doch noch entlocken: "Bleiben Sie authentisch. Und Geschichten sind immer ein guter Zugang zu neuen Themen."

Autorin: Merle von Kuczkowski

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