Ein Plädoyer

Unbeschwerte Kindheit: Lasst Kinder möglichst lange Kinder sein!

Partys statt Puppenwagen, Computer statt Kuscheltier, Lippenstift statt Luftballons – unsere Kinder werden immer früher erwachsen. Woran liegt das? Und wie können Eltern es aufhalten, um ihren Kleinen eine unbeschwerte Kindheit zu bewahren?

Eine unbeschwerte Kindheit – das wünschen sich Eltern für ihren Nachwuchs.
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Eine unbeschwerte Kindheit – das wünschen sich Eltern für ihren Nachwuchs.

Ringelstrümpfe und flache Schuhe? Peinlich, sagt Nadine (9). Sie würde am liebsten hochhackig herumlaufen und mit Lippenstift in die Schule gehen. Ihre zehnjährige Freundin Hannah ist ihr Vorbild. Die macht das auch. Gummitwist in der großen Pause? Dafür haben Nadine und Hannah keine Zeit. Das Handy muss bedient werden. Beide Mädchen träumen schon lange nicht mehr von Puppenwagen und Bullerbü-Büchern, sondern von Partys und Popstars.

Kinderkanal gucken? "Is baby", meint Fabian. Dem Achtjährigen wäre ein echter Horrorfilm lieber, wie er in Gegenwart seiner Kumpel gerne lautstark verkündet. Seine Klamotten müssen jetzt im Skaterladen gekauft werden. Die Benjamin-Blümchen-Kinderhörspiele haben Platz für Computerspiele gemacht. Außerdem überlegt der Knirps, wie er Julia aus der Parallelklasse fragen soll, ob sie mit ihm gehen will.

Nicht nur Nadines und Fabians Eltern beobachten das Verhalten ihrer heranwachsenden Kinder mit Sorge. Auch andere Mütter und Väter sind über die Entwicklung ihrer offenbar frühreifen Töchter und Söhne beunruhigt. Warum interessieren die sich im Grundschulalter schon für Dinge, die für Mama und Papa erst fünf Jahre später wichtig wurden? 

Vorzeitig groß zu werden sollte kein Ziel für Kinder sein

Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Doch Eltern können ihren Kinder vermitteln, dass es wichtigere Dinge gibt, als vorzeitig erwachsen zu wirken. Schließlich spielen auch soziale Faktoren eine große Rolle. Eine britische Studie ergab, dass Kinder von Eltern, die sich oft streiten oder getrennt leben, früher geschlechtsreif werden. 

Die Ursache dafür sehen Experten vor allem in der guten Gesundheit der Bevölkerung von heute. Lebensmittel werden angereichert mit Kalorien, Proteinen und Hormonen – das fördert nicht nur das Wachstum, sondern auch die Geschlechtsreife. Immer mehr Kinder sind allzu gut ernährt. Die Zahl der übergewichtigen Jungens und Mädchen hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Dicke Kinder reifen schneller als dünne.

Körperlich kommen die Kinder heute früher in die Pubertät

Der Frühstart in die Pubertät findet nicht nur im Kopf statt. Auch körperlich entwickeln sie sich heute eher als noch vor 20 Jahren. Seit 1980 setzt die Geschlechtsreife jedes Jahr früher ein, wie wissenschaftliche Studien ergaben. So begann die Menstruation bei Mädchen in den Sechzigerjahren im Durchschnitt mit 13,5 Jahren, in den Achtzigern bereits mit 12,5 Jahren. Mädchen von heute werden häufig schon mit Beginn des elften Lebensjahrs geschlechtsreif. Seit etwa 25 Jahren ist zu beobachten, dass Mädchen bereits mit acht oder noch früher Schamhaare und Brüste wachsen.

Auch das männliche Geschlecht erreicht die sexuelle Reife schneller. Die Anzahl der Jungen, die vor dem zwölften Lebensjahr ihren ersten Samenerguss haben, ist in den letzten 20 Jahren von sieben auf 16 Prozent gestiegen. Der Stimmbruch findet immer öfter schon mit zwölf oder 13 Jahren statt. Schulen haben vielerorts reagiert. Auf vielen Viertklässler-Stundenplänen steht bereits Sexualkunde. 

Wo ist die aufregende Zeit zwischen Kindheit und Jugend geblieben?

Gestern – so fühlt es sich für die Erwachsenen an – waren die Kinder noch so klein, und morgen wollen sie schon erwachsen sein. Gibt es denn gar keine Zwischenphase mehr? Wo ist die Zeit geblieben, die die Kindheit ausmacht? Die große Zeit des Spielens. Die grenzenlose Freiheit, kein behütetes kleines Kind, aber noch lange nicht erwachsen zu sein? Früher war das das Abenteuer-Alter zwischen sechs und zwölf, zwischen Schulanfang und Beginn der Pubertät. Und heute scheint es verschwunden zu sein. Ist das ein subjektives Gefühl beim Anblick der jüngsten Vertreter der digitalen Generation? Oder entwickeln sich die Kids heute wirklich anders?

Die Zeiten haben sich tatsächlich geändert. Kinder kommen inzwischen viel früher in die Pubertät als einst ihre Mütter und Väter. Sie wollen eher "erwachsen" wirken und orientieren sich dafür an Älteren. Die Geschlechtsreife beginnt häufig schon im Kindesalter zwischen sieben und neun Jahren. Und mit ihr wächst das Interesse an Popstars, modischen Klamotten und der Frage "Komme ich beim anderen Geschlecht gut an?"

Wer mit schlechten Bindungen aufwächst, wird eher erwachsen

Armut, Arbeitslosigkeit, wechselnde Bezugspersonen, Vernachlässigung oder ein zu autoritärer Erziehungsstil führen – zumindest indirekt – zum früheren Beginn der Pubertät. Experten vermuten, dass Kinder ohne sichere Bindung mehr zu traurigem oder auffälligem Verhalten neigen und das mit übermäßigem Essen kompensieren. So gelangen mehr Kalorien und Hormone in den Körper, die wiederum die Geschlechtsreife fördern. Das lässt den Umkehrschluss zu: Wer seinem Kind eine lange glückliche Kindheit bewahren will, muss vor allem auf ein gutes Familienklima achten. Eine konsequente, liebevolle Erziehung mit gegenseitiger Achtung gibt Kindern in Umbruchsphasen starken Rückhalt. Häufig leiden sie unter der Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach echtem Kind-Sein und ihrer körperlichen Entwicklung. Kommt Druck von außen, Stress in der Schule oder Streit mit den Eltern zu Hause dazu, orientieren die Kinder sich leichter an vermeintlichen Vorbildern aus den Medien.

Neben einem sicheren und zuverlässig schützenden Zuhause brauchen Kinder aber auch Freiheiten, wenn sie älter werden. Gekicher im Kinderzimmer, in das Erwachsene zumindest zeitweise keinen Zugang haben, draußen herumstreunen, Freunde treffen, auf Bäume klettern und die Zeit vergessen. Nicht auf Schritt und Tritt kontrolliert werden. Einfach einmal tun und lassen zu können, was man will. Solche Dinge sind heute wichtiger denn je. Damit die Kinder des Internet-Zeitalters nicht nur die Computer-Maus bewegen.

Eltern brauchen gute Beziehungen, damit Kinder Kinder bleiben und eine unbeschwerte Kindheit genießen können

Auch wenn es vielen Eltern schwerfällt, zu akzeptieren: Freiheit, Muße, ja sogar Langeweile und Nichts-Tun können wertvoller für die Entwicklung sein als Förderprogramme, Sprachkurse und Nachilfestunden in der Freizeit. Wenn Erwachsene vorleben, wie man gute Beziehungen zu anderen aufzubaut, profitieren die Kinder davon. Wer nur im Stress mit seinen Mitmenschen ist, sich von Negativ-Meldungen herunterziehen lässt und rastlos handelt, darf sich nicht wundern, wenn die Kleinen auch keine Muße mehr zum Kind-Sein finden. Kurzum: Ein glückliches Familienleben ist der beste Schutz zur Rettung der Kindheit. 

Autorin: Stephanie Albert

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