Multitalent und Mutter Collien Ulmen-Fernandes.
© Foto: Moritz Thau
Multitalent und Mutter Collien Ulmen-Fernandes.

Leben & erziehen: Was haben Sie von Ihrem Kind gelernt, Collien Ulmen-Fernandes?

Ich lerne nach wie vor sehr viel. Etwas, das mich bei meiner Tochter immer wieder überrascht, ist, wie toll sie Kritik verpackt – auf absolut diplomatische Art. Als ich einmal einen Kuchen gebacken hatte, fing sie an: "Ich finde es ganz toll, dass du Nüsse verwendest" – und erst dann kam sie damit heraus, dass es ihr nicht schmeckte. Sie ist ehrlich – aber eben auch rührend darum bemüht, dass sich niemand anderes schlecht fühlt. Ihr ist es total wichtig, dass sich alle gut verstehen und es allen gut geht.

"Meine Tochter ist sehr sensibel"

Meine Tochter merkt immer, wenn die Stimmung mal nicht ganz so gut ist und macht es zu ihrer Aufgabe, für gute Laune zu sorgen. Dieses Einfühlungsvermögen finde ich sehr schön, und das ist auch etwas, was ich an Kindern generell bewundere. Klar, die hauen sich auch schon mal ein Spielzeug auf den Kopf, aber ich erlebe immer wieder, auch wenn ich bei den Dreharbeiten zu meinen Dokus Kinder kennenlerne, wie viel Empathie sie mitbringen und wie stark sie auf Ungerechtigkeiten reagieren. Wenn ich sehe, wie Kinder Ameisen, die sich nach drinnen verirrt haben, aufheben und nach draußen tragen, frage ich mich immer, wie es kommt, dass aus empathischen Kindern oft so verkorkste Erwachsene werden.

Bei einem Dreh war es rührend, wie sich die Kinder um meine Gesundheit sorgten – ich hatte am Tag davor wohl einmal gesagt, dass ich Halsschmerzen hatte, und am nächsten Tag wurde ich mehrfach gefragt: "Geht es dir wieder besser? Du hattest doch gestern Halsschmerzen?"

Collien Ulmen-Fernandes: "Kinder sind total soziale Wesen"

Kinder sind total soziale Wesen. Wir Erwachsenen können uns davon echt eine Scheibe abschneiden. Gerade in Coronazeiten halte ich das für eine sehr wichtige Lektion. Anfangs hieß es ja, dass wir alle lernen würden, mehr auf einander zu achten; mittlerweile habe ich aber den Eindruck, dass sich das ins Gegenteil verkehrt; dass Egoismen sich breit machen, vor allem in den sozialen Netzwerken wieder mehr gepöbelt wird und viele tendenziell eher ein bisschen asozialer werden. Ich finde, man sollte sich als Erwachsene und gerade als Eltern sehr bewusst darüber sein, was man da eigentlich an die Kinder weitergibt. Wenn sie bei den Erwachsenen sehen, dass die immer nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind, übernehmen sie das Verhalten natürlich irgendwann und das ist ja nicht gerade das, was wir der nächsten Generation beibringen wollen ...

Daher bin ich auch so begeistert, dass es so etwas wie "Fridays for Future" gibt – eine sehr wichtige Bewegung, die uns zeigt, wie wichtig es ist, dass man bei sich selbst anfängt und sich fragt: Was tust du eigentlich dafür, dass wir alle eine bessere Zukunft haben? Die Kinder haben völlig recht, wenn sie uns zurufen: Hey, ihr Erwachsenen, ihr müsstet euch viel umweltbewusster verhalten!

Kinder stellen ihre Eltern zu Recht an den Pranger

Und es ist auch eine wunderbare Erfahrung, dass die Kinder ganz konkret spüren, dass sie etwas bewirken können. Sie erfahren ihre Selbstwirksamkeit. Etwas, was ich generell als unglaublich wichtig für die Entwicklung der Kinder erachte, weswegen ich auch immer kritisch bin, was das Thema Helikoptereltern angeht. Denn das überbehütende Verhalten führt doch nur dazu, dass den Kindern ihre Selbstwirksamkeit genommen wird. Eine solche Grundtendenz haben sicher viele Eltern, was ich auch nachvollziehen kann, allein aus dem Beschützerinstinkt heraus, und ich muss mich da auch selbst mit reinnehmen.

"Jedes Kind braucht Zuverlässigkeit und Vertrauen"

Wenn wir etwas zusammen machen, Backen oder Nähen zum Beispiel, bin ich immer wieder versucht zu sagen: Lass mich das lieber machen! Als wir gemeinsam einen Baldachin für ihr Bett genäht haben, hatte ich ständig Sorge, sie könnte sich an der Nähmaschine verletzen. Dabei kann sie den Stoff genauso gut zuschneiden wie ich, wenn nicht noch besser. Und selbst wenn sie einen falschen Griff macht, ist das wichtig für den Lernprozess: Sie muss das ja eben auch alles noch lernen, und das geht eben nur, wenn man den Kindern die Möglichkeit lässt, es selber auszuprobieren, Fehler zu machen. Wenn's auf Anhieb klappt – gut! Wenn nicht, klappt es eben beim nächsten Mal. Dann weiß sie, dass man das Mehl nicht mit ganz so viel Schwung in die Schüssel haut, und es wird nicht die ganze Küche weiß.

Kinder erstaunen einen als Eltern ja permanent, indem sie plötzlich Dinge können, die man ihnen zunächst gar nicht zugetraut hatte. Man muss sich einfach die Zeit nehmen, sich auf sie einzulassen. Mir ist als Mutter noch stärker klar geworden, dass Kinder Zuverlässigkeit brauchen. Man kann sich nicht mit seinem Kind zum Spielen verabreden und es dann ständig verschieben, weil es einem dann gerade doch nicht ganz so gut in den Kram passt. Für mich als Freiberuflerin ist es wichtig, dass ich mir meine eigenen Bürozeiten schaffe und nicht ständig für alle verfügbar bin. Man muss dann ganz konsequent sagen: So, jetzt ist Feierabend! Die immer "ganz superdringenden" E-Mails sind in Wirklichkeit gar nicht so dringend. Denn jetzt wird erst mal Kuchen gebacken.

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