Kommunikation mit den Kleinsten

Babyzeichensprache – wozu soll die gut sein?

Immer mehr Eltern nutzen gezielt Gebärden, um mit ihren Kleinsten zu kommunizieren. Wie funktioniert diese sogenannte Babygebärdensprache, die auch Zwergensprache genannt wird? Und: Brauchen wir so was wirklich?

Schon vor dem Sprechenlernen können Eltern und Kinder mit der Zeichensprache kommunizieren.
© Foto: Getty Images/RyanJLane
Schon vor dem Sprechenlernen können Eltern und Kinder mit der Zeichensprache kommunizieren.

Wir winken zum Abschied, zeigen auf Gegenstände, über die wir sprechen, wir klatschen vor Begeisterung und heben den Daumen, wenn uns etwas gefällt. Gesten sind ein ganz normaler Bestandteil unserer Kommunikation. Kein Wunder, dass sich Babys die Gesten bei uns abschauen. Und weil die kleinen Händchen motorisch schnell fit sind, nutzen viele Babys erste gezielte Gesten für die Kommunikation, bevor sie zu sprechen beginnen: Zum Beispiel können die Kleinen winken, lange bevor sie Wörter wie "Hallo" und "Tschüss" sagen.

Gebärdensprache mit Babys

Dass sich Babys über Gesten früher mitteilen können als mit Worten, können wir Eltern gezielt nutzen. Es gibt dafür sogar einen Namen – und einen Trend: "Babyzeichensprache" oder "Zwergensprache" ist aus den USA zu uns herübergeschwappt. Immer mehr Eltern nutzen diese Möglichkeit jetzt auch bei uns und ergänzen die gesprochene Sprache bewusst mit ausgewählten Gebärden für wichtige Schlüsselbegriffe.

Allerdings: Die Zeichensprache für Babys ist keine Sprache, die extra für Babys erfunden wurde. Es sind – zum Teil vereinfacht – Gebärden, die gehörlose Menschen verwenden. Zum Beispiel Gebärden zur Kommunikation von Bedürfnissen: stillen, essen, trinken, schlafen, kuscheln. Oder auch für Alltagsobjekte wie Auto, Teddy, Zahnbürste.

Die Idee dahinter ist simpel: Die Gebärden sollen dem Baby ermöglichen, sich gezielt mitzuteilen. Wenn Eltern ihr Kind besser verstehen und umgekehrt ihre Anliegen deutlicher machen können, beugt das Frust auf beiden Seiten vor und stärkt letztlich die Eltern-Kind-Beziehung. Es gibt sogar Studien zu diesem Thema, die einen positiven Effekt nahelegen.

Ab wann funktioniert die Zeichensprache mit dem Baby?

Etwa ab dem sechsten Monat kann man beginnen, Gebärden einzusetzen. Die Kleinen müssen motorisch fit sein, um die Händchen gezielt zu koordinieren. Macht euch dabei keinen Stress: Es geht nicht darum, dass Eltern alles, was sie sagen, mit Zeichen begleiten zu müssen. Vielmehr könnt ihr gezielt ausgewählte Gebärden in passenden Situationen einsetzen. Und so funktioniert es Schritt für Schritt:

  • Wählt Gebärden aus: Sucht aus einem Buch über Zeichensprache, einer App (zum Beispiel "Babyzeichen") oder einer Website mit Gebärden ein paar Begriffe aus, die in eurem Alltag wichtig sind. Zum Beispiel "Trinken", "Essen", "Hunger", "Milch", "Auto", "Pipi", "genug/fertig" oder "mehr". Sechs bis zwölf Gebärden reichen für den Anfang.
  • Aufmerksamkeit ausnutzen: Nutzt Momente, in denen euer Kind aufmerksam ist und euch anschaut. Ihr müsst nicht immer, wenn ihr eines eurer ausgewählten Wörter sagt, auch eine Gebärde dazu machen.
  • Betont die Schlüsselwörter: Betont bzw. ergänzt nur das Schlüsselwort in einem Satz mit einer Gebärde und nicht alle Wörter. Im Satz "Wir fahren jetzt mit dem Auto in die Stadt", benutzt ihr zum Beispiel nur eine Gebärde für Auto.
  • Wiederholt die Gebärden: Nutzt die gleichen Gebärden über einen längeren Zeitraum, sodass euer Baby sie verinnerlichen kann. Macht euch keinen Druck, dass ihr immer an die Gebärden denken müsst. Und: Erwartet nicht, dass euer Baby schnell einsteigt und anfängt, die Gebärden selbst zu nutzen.
  • Beobachtet die Handbewegungen: Die Gebärden eures Babys werden am Anfang noch nicht wie eure aussehen. Wenn ihr aber das Gefühl habt, die Handbewegungen seien nicht rein zufällig, dann versucht euer Kind zu gebärden. Wenn ihr das vermutet, könnt ihr die Gebärde in einer Rückfrage wiederholen. Macht euer Kind vermutlich die Gebärde für Milch, könnt ihr rückfragen: "Möchtest du Milch?" und dabei die Gebärde für Milch einsetzen.
  • Nutzt Gebärden beim Geschichtenerzählen oder Singen: Während ihr mit eurem Baby Bilderbücher schaut oder Lieder singt, könnt ihr ebenfalls Gebärden einsetzen. Solche "bewegten" Geschichten oder Lieder können euch beiden sehr viel Spaß machen.

Ist diese Zwergensprache wirklich sinnvoll bzw. notwendig?

Um sich gesund zu entwickeln, benötigt euer Kleines die Babyzeichensprache nicht. Ihr macht nichts falsch, wenn ihr darauf verzichtet. Feinfühlige, aufmerksame Eltern finden Wege, um ihre Babys mit der Zeit immer besser zu verstehen – mit oder ohne Gebärden. Der Einsatz von Gebärden ist ein möglicher Weg, der das gegenseitige Verständnis erleichtert und ziemlich viel Spaß machen kann, wenn man es entspannt angeht.

Darauf zu verzichten ist aber nicht weiter problematisch. Viel problematischer ist es, wenn Eltern in eine Art Frühförderwahn geraten und ihrem Nachwuchs möglichst schnell möglichst viele Gebärden beibringen wollen. Auf Youtube gibt es Videos von Eltern, die eifrig ihre Sprösslinge mittels Bildkarten nach Gebärden abfragen, bei jeder richtigen Gebärde das Kind überschwänglich loben und bei falschen Gebärden sofort korrigieren und eine Wiederholung einfordern. Solche Trainingsmethoden sind bedenklich und setzen das Baby unnötig unter Druck.

Bitte kein Leistungsdruck

Der Einsatz der Babyzeichensprache ist kein Wettbewerb. Ihr könnt die Gebärden im Alltag ohne Druck und ohne Leistungsgedanken ergänzend zur gesprochenen Sprache einsetzen. Euer Baby wird sich in seinem eigenen Tempo diese Form der Kommunikation zu Nutzen machen. Um keinen unnötigen Leistungsdruck aufzubauen, solltet ihr auf Folgendes verzichten:

  • Nicht auffordern: Sätze wie "Schau, so ist die Gebärde für Hund, versuch es auch mal, mach mal so …" setzen das Baby unter Stress.
  • Nicht abfragen: Verzichtet darauf, euer Baby gezielt nach einzelnen Gebärden abzufragen, zum Beispiel mittels Bildkarten oder indem ihr auf Objekte zeigt. Dieses Abfragen kann Babys die Freude an dieser Kommunikationsform nehmen.
  • Nicht korrigieren: Wenn ein Baby eine Gebärde falsch nutzt oder noch nicht ganz richtig zeigen kann, verbessert es bitte nicht . Sätze wie "Nein so ist es falsch, schau, so ist es richtig …" hemmen seine Freude am Ausprobieren. Statt einer Korrektur könnt ihr die Mitteilung des Babys in einem vollständigen Satz wiederholen, inklusive der Gebärde für das Schlüsselwort.
  • Nicht loben: Ein "toll gemacht" baut Druck auf, es immer so toll machen zu müssen. Statt einer Bewertung könnt ihr dem Baby Anerkennung schenken, indem ihr ihm zeigt, dass ihr seine Mitteilung verstanden habt. Dazu könnt ihr einfach die Mitteilung inklusive Gebärde wiederholen: "Oh, ja, da draußen auf dem Baum sitzen ganz viele Vögel", könnte zum Beispiel eine Antwort darauf sein, dass das Baby die Gebärde für Vogel benutzt hat.
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