Baby mit Schnuller
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Ab wann ein Schnuller in Ordnung ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Die meisten Eltern kennen die Unsicherheiten und die vielen Fragen, die am Anfang mit einem Neugeborenen auftauchen. Schnuller – ja oder nein? Ab wann darf mein Baby einen Sauger bekommen? Antworten geben uns im folgenden Interview die Logopädin und Kognitionswissenschaftlerin Catja Eikelberg und die Sprachtherapeutin und Stillberaterin Lina Mazzoni.

Ab wann dürfen Babys einen Schnuller bekommen – schon an den ersten Tagen nach der Geburt?

Catja Eikelberg, Lina Mazzoni: Die Entscheidung, einen Schnuller anzubieten, liegt immer bei den Eltern. Wir empfehlen jedoch, die ersten sechs bis acht Wochen auf den Einsatz von künstlichen Saugern zu verzichten, da es Einflüsse auf das Stillen haben kann. In Ausnahmefällen sind Schnuller schon kurz nach der Geburt sinnvoll (beispielsweise bei einer Frühgeburt oder einer Mutter-Kind-Trennung). Jedoch sollte dies immer in Absprache mit dem Fachpersonal, bestenfalls mit einer stillzertifizierten Fachperson, passieren.

Was sind die Vorteile, wenn ein Schnuller erst später eingeführt wird?

Der Schnuller kann, muss aber nicht zu einer Saugirritation führen. Dabei sind Babys nicht verwirrt, sondern haben Schwierigkeiten, zwischen dem Saugen an der Brust und dem Saugen an einem Schnuller (oder der Flasche) zu wechseln. Im Vergleich zum Saugen an der Brust hat die Zunge beim Saugen am Schnuller nur eingeschränkt Platz und bewegt sich anders. Zudem braucht es besonders in den ersten Wochen ein regelmäßiges Stillen, um die Milchbildung ausreichend anzuregen und um Mutter und Baby die Möglichkeit zu geben, die Bedürfnisse und den individuellen Bedarf des Babys kennenzulernen. Wird ein Schnuller zu früh und möglicherweise zu häufig angeboten, kann es passieren, dass Stillmahlzeiten ungewollt ausgelassen werden. 

Der Schnuller ist eine Möglichkeit der Regulierung, er sollte jedoch nicht als erste Möglichkeit eingesetzt werden. Babys sollten so beim Weinen begleitet werden, dass Emotionen abgebaut werden können. Daher ist es von Vorteil, wenn bedürfnisorientierte Strategien wie Kuscheln, Vorsingen oder Begleiten zur Co-Regulierung im Vordergrund stehen. So fühlen sich Babys verstanden und sicher. Bei einem sehr starken Saugbedürfnis kann schließlich ein Schnuller zusätzlich helfen.

Gibt es ein optimales Alter, einen Schnuller zu geben?

Der Schnuller ist ein Hilfsmittel, der bestenfalls in Notfällen (wie ein Medikament) gegeben werden sollte. Daher gibt es keinen fixen Zeitpunkt oder ein optimales Alter, bei dem wir einen Schnuller empfehlen. Bevor man Babys lange weinen lässt oder die Familie emotional am Ende ist, kann der Schnuller gut helfen, doch das kommt immer auf die individuelle Situation der Familie an. Wichtiger als das Alter ist also der aufgeklärte und informierte Einsatz.

Wie lange sollten Babys und Kinder allerhöchstens einen Schnuller haben?

Zahnärzte empfehlen heutzutage, bis zum zweiten Lebensjahr den Schnuller abzugewöhnen. Dabei sind der Grund meist Kiefer- und Zahnfehlstellungen, wie ein offener Biss oder ein zu schmaler Gaumen. Logopäd:innen und einige Kinderärzt:innen empfehlen, bereits ab sechs Monaten die Schnullerzeiten deutlich zu reduzieren. Hintergrund dieser Empfehlungen sind die Schwierigkeiten der Sprech- und Sprachentwicklung sowie das Risiko einer dauerhaften Mundatmung mit einhergehenden HNO-Problemen.

Damit sich Kiefer, Zunge und Nase regelgerecht entwickeln können, sollte der Mund so häufig wie möglich geschlossen sein. Ohne einen Fremdkörper im Mund wie ein Schnuller. Erst dann kann die Zunge den Kiefer ausformen und ein gesundes Muskelgleichgewicht beibehalten werden. Daher empfiehlt man, von Anfang an im Schlaf den Schnuller aus dem Mund zu nehmen.

Damit Kinder sprechen lernen können, benötigen sie nicht nur eine gute Mundwahrnehmung, die sie durch das Erkunden vieler Gegenstände mit dem Mund erhalten, sondern auch Möglichkeiten, das Sprechen zu üben. Das erste Brabbeln und die ersten Worte sollten Babys und Kleinkinder daher ohne Schnuller machen.

Ist grundsätzlich der Daumen oder der Schnuller besser?

Die pauschale Aussage "Lieber den Schnuller geben, als am Daumen lutschen zu lassen" ist eine sehr vereinfachte Sicht. Saugen Babys bereits im Mutterleib und direkt nach der Geburt häufig am Daumen, so ist es schwer, dies abzugewöhnen und bedeutet auch nicht, dass dies dauerhaft beibehalten wird. Der Daumen ist meist deutlich kleiner als ein Schnuller und nimmt somit weniger Platz im Mund ein. Beim Spielen landet der Daumen meist nicht im Mund, was im Vergleich zum Schnuller ein Vorteil sein kann. Nichtsdestotrotz ist der Daumen härter und kann so wie der Schnuller auch, die Entwicklung des Mundes und Kiefers negativ beeinflussen.

Wir empfehlen daher, genau hinzuschauen, wann und wie mit dem Daumenlutschen begonnen wird und ob es überhaupt ein Daumenlutschen ist. Dass Babys ihre Finger in den Mund nehmen, gehört zur normalen Entwicklung dazu. Dies nennt man "orale Exploration" und ist für Kinder wichtig. Nur so können sie ihre Umwelt "begreifen" und den Mund für die Beikostzeit schulen. Wenn der Daumen also im Mund landet, muss es nicht gleich "Daumenlutschen" sein! Sollte mit ein paar Monaten in ähnlichen Situationen immer wieder am Daumen gelutscht werden, so empfehlen wir, hinter das Bedürfnis zu schauen. Eltern sollten das Bedürfnis nach Ruhe, nach Nähe, nach einem Input am Mund, oder Ähnliches ernst nehmen und geeignete Alternativen finden (kuscheln, Raum abdunkeln, Beißring, etc.).

Es gibt ergonomisch geformte Schnuller – halten sie wirklich, was sie versprechen, also die Kauleisten nicht zu verformen?

Mit "ergonomisch geformte Schnuller" sind meist runde Kirschsauger gemeint, welche die Brustwarze der Mutter mit dem runden Sauger und dem runden Schild imitieren sollen. Aus logopädischer und stillberatender Sicht können wir sagen, dass kein Schnuller mit der Brustwarze verglichen werden sollte und kann. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen dem Saugen am Schnuller und an der Brust. Zudem gibt es keine haltbaren Studien, die belegen, dass das Saugen an solchen Schnullern optimaler sei. In Abhängigkeit von der Nutzungsdauer zeigten alle Schnullerformen negative Auswirkungen auf die Entwicklung, dabei sind die emotionalen und sozialen Folgen nicht berücksichtigt. Die Saugerform sollte grundsätzlich vor allem eines sein: klein und weich, denn die Brustwarze wird beim Saugen sehr flach ausgestrichen. 

Der Schnuller wird ehrlicherweise meist über das non-nutrive Saugen (zur Beruhigung) hinaus verwendet, wie im Kinderwagen oder beim Spazierengehen. Daher sollte das Saugteil auch möglichst klein sein, sodass es die Zunge am wenigsten von ihrer eigentlichen Position verdrängt. Viel wichtiger als die perfekte Form ist jedoch die Nutzungsdauer: Schnuller sollten so wenig wie möglich, so viel wie nötig gegeben werden.

Muss man Schnuller wirklich nach dem auf der Verpackung angegebenen Alter kaufen?

Bitte nicht. Hersteller argumentieren oftmals mit "Damit der Kiefer größer wächst". Dabei sollte Eltern etwas Grundlegendes klar sein: Der Gaumen, also der Oberkiefer, soll durch die Zunge und nicht durch einen genormten Schnuller breit wachsen, denn jeder Kiefer hat eine für sich ideale Zunge. Die wachsende Zunge ist der Wachstumsmotor für den Gaumen und liegt in Ruhe flach am Gaumen oben an. Sie ist breiter als der Schnuller und sorgt dafür, dass der breite Gaumen genügend Platz für die kommenden Zähne bietet. Vor allem für das größere Erwachsenengebiss.

Daher empfehlen wir, immer bei der kleinsten Schnullergröße zu bleiben und ggf. wieder zur kleinsten Größe zurückzukehren.

Wie oft muss man einen Schnuller austauschen?

Kinderzahnärzt:innen und Apotheker:innen empfehlen, den Schnuller regelmäßig mit warmem Wasser zu spülen, immer auf Risse zu untersuchen wegen der Bakteriengefahr und auch regelmäßig auszutauschen. Sollten Risse erkennbar sein, sollte ein neuer Schnuller her. Schnuller aus Naturkautschuk werden oft schneller rissig, da es ein Naturmaterial ist. Dafür sind sie jedoch meist weicher und angenehmer im Mund. Wichtig: Die Schnuller bitte niemals in die Spülmaschine legen!

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