Zwei in einem Raum

Geschwisterzimmer: Wie lange geht das gut?

Mit der Schwester oder dem Bruder toll zusammenspielen – das kann im gemeinsamen Kinderzimmer viel Spaß machen. Es kann aber auch gehörig nerven und beiden auf den Geist gehen. Wir haben untersucht, was ein Kinderzimmer für zwei bringt – und welche Konflikte ansonsten fürs Familienleben drohen.

Ein Zimmer für zwei (oder drei): Manchmal ist es einfach der Wohnsituation geschuldet, die kein eigenes Zimmer für jedes Kind zulässt. Manchmal ist es auch volle erzieherische Absicht der Eltern, Geschwistern ein gemeinsames Kinderzimmer einzurichten.

In der Idealvorstellung beschäftigen sich die Kinder gegenseitig, unterstützen sich, harmonieren und gehen eine innige Geschwisterbeziehung ein. In der Realität können sich Geschwister aber auch gegenseitig nerven – und im Extremfall in einen Dauerkonflikt gehen, der das ganze Familienleben überschatten kann. 

Das lässt sich vermeiden. Es darf nur niemand erwarten, dass es immer harmonisch zugeht. "Geschwister haben in einer Stunde zwölf Streits", sagt Nicole Lellinger, die in der Nähe von Querfurt Familienberatung anbietet – und übertreibt damit nur ein kleines bisschen  ...

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Manches bekommen die Eltern nämlich gar nicht mit, weil kleine Konflikte sich auch schnell wieder in Luft auflösen. Aber wenn doch einmal Streit um ein weggenommenes Spielzeug oder eine blöde Bemerkung hochkocht, rät Lellinger, "als Erwachsene nicht immer gleich dazwischenzugrätschen". Der bessere Weg: erst den Kindern die Möglichkeit geben, selbst eine Lösung zu finden. 
Das fällt Eltern schwer, und das hat seinen Grund: "Bei Streit fühlen sich Eltern oft ohnmächtig", berichtet die Hamburger Familienberaterin aus ihrer täglichen Berufspraxis, "weil es das in ihrer Vorstellung gar nicht geben darf. Dann empfindet man einen Streit als eigenes Versagen."

Was allerdings zu nichts führt – ebenso wenig wie Schuldzuweisungen. Entscheidend ist etwas ganz anderes: an die Ursachen heranzukommen. Dr. Filip Caby, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Marien Hospital in Papenburg: "Auch wenn sie es nicht sagen würden: Kinder haben das Bedürfnis, dass die Eltern auf die Regeln aufpassen." Eltern werden also als Detektive und als Schiedsrichter gebraucht. Nicht aber, auch das macht Caby klar, als Diktatoren: "Wichtig ist, dass die Kinder in den Regelungsprozess eingebunden werden und dass Eltern sich auch wirklich dafür interessieren, was sie an Vorschlägen machen."

Ganz ohne Regeln geht es nicht

Regeln sind aber gewissermaßen nur das Sicherheitsnetz, wenn nichts anderes mehr geht. Lange vorher gilt es, Konfliktpotenziale auszuräumen. Und dazu wiederum gehört, die Bedürfnisse der Kinder zu kennen.

Janine Schuh: "Eine Fünfjährige und ein Dreijähriger haben ein ganz unterschiedliches Spielverhalten. Während ein Dreijähriger immer jemanden um sich haben mag und das sogar einfordert, möchte man sich mit Fünf auch einmal zurückziehen. Das ist schon in dem Alter ein ganz elementares Bedürfnis." Für sich sein, Platz für sich haben, seinen eigenen Spielideen nachgehen, sein eigenes Spielzeug besitzen – das wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Deshalb ist die Zeit des gemeinsamen Zimmers begrenzt: Ab dem Grundschulalter wird es zunehmend knifflig, die unterschiedlichen Interessen von Jungen und Mädchen auszutarieren, und wenn beim älteren Geschwisterkind die Pubertät einsetzt, wird das direkte Zusammenleben auch dann schwierig, wenn es sich nur um Jungen bzw. Mädchen handelt.

So sehr aber der Alters- oder Geschlechterunterschied ins Gewicht fallen mag: Wie es im Kinderzimmer abgeht, ist im wesentlichen Erziehungssache – und nicht so sehr, wie man gern küchenpsychologisch meint, eine Typfrage, ob Geschwister zusammenpassen. Janine Schuh sagt ganz klar: "Wir als Eltern prägen die Geschwisterbeziehung." Sie führt aus: "Solange wir die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder im Blick haben, entziehen wir damit schon vielen Konflikten die Grundlage."

Wie können Lösungen für ein Geschwisterzimmer aussehen?

1. Einen Rückzugsort schaffen: Im Kinderzimmer sollte es neben dem gemeinsamen Platz zum Spielen für jeden einen klar definierten Ort geben, der ihm ganz allein gehört. Das geht auch auf engstem Raum. Filip Caby: "Das kann auch nur ein Eckchen sein, über das man eine Decke zieht und wo man dann seine Höhle hat." Oder eine Kiste, in der das jeweilige Lieblingsspielzeug lagert, und das Kind weiß, sein Bruder oder seine Schwester haben sich daran nicht zu schaffen zu machen.

2. Die altersentsprechenden Interessen ausgleichen: Beim Dreijährigen muss vielleicht noch ein Elternteil dabei sein, damit er einschlafen kann – und solange der Fünfjährige sein Hörspiel über Kopfhörer hört, darf er noch etwas länger wachbleiben.

3. Für Freiräume sorgen: Die Platzfrage ist plötzlich viel entspannter, wenn man nicht strikt in einen Kinder- und einen Erwachsenenbereich trennt. Spielen in den Wohnräumen zu erlauben oder auch feste Spielecken einzurichten, damit etwa im Kinderzimmer in Ruhe Hausaufgaben gemacht werden können, kann mit wenigen grundsätzlichen Regeln gut klappen. "Wir leben mit den Kindern", wie Nicole Lellinger aus ihrem eigenen Familienalltag berichtet: "Aber mir ist schon wichtig, dass das Wohnzimmer nicht vor Spielzeug überquillt."

4. Absprachen treffen: Wenn der Siebenjährige einen Freund zu Besuch haben möchte, dann soll er das Zimmer für sich haben. "Zum Ausgleich gehört dann", wie Janine Schuh erläutert, "dem anderen Kind ein Angebot zu machen und beispielsweise zu sagen: Dafür spielen wir heute im Wohnzimmer mit deiner Kinderküche."

Seitens der Eltern, so viel ist klar, ist Aufmerksamkeit gefragt – und sich auch immer wieder einmal gewissermaßen selbst über die Schulter zu schauen, so Janine Schuh: "Eltern haben das natürliche Bedürfnis, das kleinere Kind zu beschützen. Das kann dazu führen, dass man dem größeren Geschwisterkind zu früh zu viel abverlangt. Der Vierjährige, der ständig auf den Zweijährigen Rücksicht nehmen soll, muss die Empathie ja erst einmal lernen."

Geschwisterkinder, gerade wenn sie auf engem Raum zusammenleben, müssen sich ständig sozial verhalten. "Es besteht ein Zwang zur Auseinandersetzung", wie es Dr. Günter Reich, Psychologieprofessor an der Universitätsklinik Göttingen, formuliert. 
Das muss aber kein Problem sein. Ganz im Gegenteil: Wer von frühester Kindheit an täglich nach Lösungen suchen muss, um unterschiedliche Interessen miteinander zu vereinbaren, bekommt Empathie und Sozialverhalten im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt. Filip Caby: "Kinder, die ohne Geschwister aufwachsen, haben einen sehr viel längeren Weg vor sich, Rücksichtnahme zu lernen. Das gemeinsame Kinderzimmer ist ein ganz wichtiger Entwicklungsort, den Einzelkinder so nicht haben."

Autor: Ralf von der Reith 

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