Eine Sprache, die jedes Kind versteht

Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern: So geht's

Wer lässt sich schon gerne die ganze Zeit herumkommandieren? Wir Erwachsenen jedenfalls nicht. Und deshalb sollten wir unsere Kinder in der Erziehung achtsam und gleichwürdig behandeln. Dann erreichen wir ganz schnell sehr viel mehr.

Bei familiären Auseinandersetzungen wird es schnell emotional – um so wichtiger ist Kommunikation auf Augenhöhe.
© Foto: Getty Images/JGI/Jamie Grill
Bei familiären Auseinandersetzungen wird es schnell emotional – um so wichtiger ist Kommunikation auf Augenhöhe.

"Weil es mit Kindern immer chaotisch ist", antwortet ein Mitarbeiter des SWR3 auf die Frage, warum der Mütterpodcast des Senders "Chaos2" heißt. Chaos gilt als Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung. Aber es trifft den Nagel meist auf den Kopf, wenn es um Konflikte in der Familie geht: Schnell gewinnen Emotionen die Oberhand, und die Kontrahenten treffen sich auf der persönlichen Ebene getreu dem Motto "Ich bin das Ideal und du der Skandal", so formuliert es der Kommunikationsforscher Friedemann Schulz von Thun. Unordnung und Verwirrung auf allen Seiten sind die Folgen. Die Kinder treibt es zum Weinen und die Eltern in die Verzweiflung. Dies führt wiederum zu seltsamen Blüten: Einige kapitulieren, andere greifen zu Ratgebern, um ihre Kinder mit Tricks zu manipulieren. Viele bestechen ihren Nachwuchs oder drohen schlicht. Und schließlich gibt es (leider) noch immer Gewalt in einigen Familien. 

Warum hört mein Kind nicht auf mich?

Provokant gefragt: "Aber warum tun Kinder auch nicht, was man ihnen sagt?" Die Ursachen sind in der Regel einfach zu ergründen: Sie sind gerade mit etwas anderem beschäftigt. Sie haben keine Lust darauf. Sie fühlen sich schlecht oder wollen sich nicht herumkommandieren lassen. Das alles wären auch für uns Erwachsene gute Gründe, eine Sache nicht anzugehen.

"Nicht dass es Eltern egal wäre, wie sich ihre Kinder fühlen. Es ist jedoch nicht die oberste Priorität Hilfe suchender Eltern. Seien wir ehrlich. Wenn die Kinder das tun würden, was wir ihnen sagen, würden die Dinge viel reibungsloser laufen, und wir würden uns alle großartig fühlen", erklärt Joanna Faber. Die US-amerikanische Erziehungsexpertin leitet seit vielen Jahren Elternkurse. Sie ist die Tochter von Adele Faber, die Weltbestseller wie "So sag ich's meinem Kind" oder "Hilfe, meine Kinder streiten" herausgebracht hat. Joanna hat soeben gemeinsam mit Julie King einen eigenen Ratgeber mit dem deutschen Titel "Wie Sie sprechen sollten, damit Ihr Kind Sie versteht" veröffentlicht, der in den USA wahre Begeisterungsstürme heraufbeschworen hat.

Sie bietet den Eltern keine Erziehungstricks an, sondern eine "ultimative Werkzeugkiste", mit der Konflikte aufgelöst und Kinder für Kooperation begeistert werden können. Und das Schöne daran ist, alles lässt sich im Alltag umsetzen.

Am Anfang steht eine simple Erkenntnis

Der wichtigste Grundsatz lautet: Wenn sich Kinder nicht gut fühlen, können sie sich nicht richtig verhalten. Da helfen keine Tricks oder Vorträge. Schließlich wird kein Kind, das nicht in die Kita will, auf gute Argumente eingehen wollen. Es gilt also, die schlechten Gefühle eines Kindes – und damit es selbst anzunehmen. “Wir können negative Gefühle schlecht akzeptieren, weil sie so ... nun ... so negativ sind. Wir wollen ihnen keine Macht über uns geben. Wir wollen sie korrigieren, verkleinern oder am liebsten alle auf einmal verschwinden lassen", analysiert Joanna. Bei unseren Kindern erscheint uns die Korrektur-Strategie ganz leicht anwendbar: "Du hasst Boris? Aber er ist dein bester Freund", "Du willst ihm eins auf die Nase geben? Das tut man nicht" oder "Du willst, dass ich das Baby, dein Brüderchen, zurückbringe? Das sagt man nicht! Ich will das nie wieder von dir hören." Wenn solche Aussagen uns selbst betreffen, sind wir auch leicht verletzt. Wie wäre es mit: "Ach, du hast Halsschmerzen? Ja, so schmerzhaft wird es schon nicht sein" oder "Was, das Baby stresst dich? Na, so schlimm ist es auch wieder nicht."

Wenn negative Gefühle anerkannt werden, fühlen sich die Menschen erleichtert: "Sie versteht mich. Ich fühle mich besser. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Vielleicht kann ich damit umgehen." Gefühle wahrzunehmen, anzuerkennen und zu respektieren bedeutet auch, die Person anzuerkennen. Wer aber als "Skandal" abgestempelt ist und die Ablehnung erlebt, ist sicher nicht bereit zu kooperieren. Der Schweizer Kinderarzt und Erziehungsspezialist Remo Largo berichtet in seinem Buch "Kinderjahre" über die Behandlung von Tausenden Kindern, die den Erwartungen der Erwachsenen nicht entsprachen. "Für uns war das eigentliche Problem der Kinder, dass sie nicht 'sie selbst' sein durften", schreibt Largo. "Wenn es uns jedoch gelang, die Erwachsenen auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes einzustellen, verbesserte sich sein körperliches und psychisches Wohlbefinden, und seine Lernbereitschaft nahm zu." Damit ist klar, wie wichtig Geborgenheit und Zuwendung sind, weil ein Kind immer dann Zuwendung erlebt, "wenn wir ihm das Gefühl von Angenommensein vermitteln".

Eltern müssen zuallererst auf sich selbst achten

Sich selbst verleugnende Supermamas und -papas sind ergo nicht gefragt. Erst wenn die Eltern "ihr eigenes Bedürfnis nach Geborgenheit und Zuwendung ausreichend befriedigen können, können sie auch ihrem Kind die nötige Zuneigung geben", erklärt Largo. Fast ebenso wichtig ist, dass sie ihre eigene Integrität wahren und authentisch bleiben, wozu der dänische Familientherapeut Jesper Juul immer wieder ermutigte. Nur wer auf sich selbst achte und sich respektiere, könne auch den anderen achten und respektieren. Das mag mühsam erscheinen, ist aber die Basis für ein glückliches Familienleben, in dem es nicht darum geht, Kinder in ihrer Freiheit einzuschränken oder durch Manipulation, Drohung oder gar Gewalt in ihrer Würde zu verletzen. Das Schlüsselwort ist "Gleichwürdigkeit" zwischen Kindern und Eltern, wie sie Juul immer wieder gefordert hat.

Gefühle allein reichen nicht aus

Wenn das alles klappt, haben wir aber lange noch keine glücklichen Kinder und Eltern. Schließlich hat sich deshalb noch keines der Kinder angezogen, die Zähne geputzt, sein Essen gegessen oder sich wieder mit seinen Geschwistern vertragen. Dafür halten die US-Expertinnen Joanna und Julie ihren Werkzeugkoffer bereit. Dieser ist reich gefüllt. Schließlich müssen die Aktionen auch zur Situation und den Persönlichkeiten passen. Schauen wir uns aber zunächst mal an, wie viele Eltern mit ihren Kindern reden. Wir hören harsche Befehle: "Ist das deine Tasche? Dann heb sie auf! Jetzt!" Andere bevorzugen Vorwürfe: "Wenn du erst den Deckel auf den Apfelsaft geschraubt hättest, statt dir den letzten Keks zu schnappen, hättest du nichts verschüttet." Beliebt sind auch Bewertungen: "Deine Freunde teilen immer das Spielzeug mit dir. Stell dich nicht so an!" Warnungen wie "Du bekommst Bauchschmerzen, wenn du all die Süßigkeiten isst" oder rhetorische "Ist es das, was du gerade tun sollst?" sind ebenso oft zu hören wie Sarkasmus. "Du hast deinen Rucksack bei deinem Freund gelassen? Sehr klug!" Und dann gibt es noch die langen Vorträge und Drohungen ("Wenn du jetzt nicht ins Auto steigst, fahre ich ohne dich"), die wir selbst als Kinder schon gehasst haben. Seien wir ehrlich, viele von uns haben diese "üblichen" Erziehungsmittel entweder genauso oder zumindest ähnlich schon mal angewandt. Mögen sie im ersten Moment vielleicht sogar genutzt haben, Ausdruck einer mitfühlenden und respektvollen Haltung sind sie nicht. Um Probleme mit Kindern nachhaltig zu lösen, müssen wir sie in die Problemlösung einbeziehen. 

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