Symptome, Diagnose, Therapie

ADHS: Wann müssen Kinder behandelt werden?

Früher wurden sie einfach als Zappelphilipp abgetan, heute bekommen viele Kinder die Diagnose ADHS. Eine betroffene Mutter berichtet.

Statistisch gesehen ist in jeder Schulklasse mindestens ein Kind mit ADHS.
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Statistisch gesehen ist in jeder Schulklasse mindestens ein Kind mit ADHS.

Konzentrationsstörungen fallen oft erst in der Schule auf. Dabei fällt der Umgang damit umso leichter, je früher sie erkannt werden. Wir haben für euch zusammengestellt, was Eltern über ADHS wissen sollten.

"Bereits in der Schwangerschaft spürte ich, dass mein zweiter Sohn anders war", erzählt Anna Maria Sanders. Heute weiß die Wienerin, dass sie mit ihrem Gefühl richtig lag: Ihr 19-jähriger Sohn leidet unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-­Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Er kann sich schlecht konzentrieren und ist sehr unruhig. Wie bei fast ­allen Kindern mit dieser Besonderheit ist seine Kindheit und Schulzeit anstrengend gewesen, für ihn ebenso wie für sein Umfeld und seine Eltern. Der Sohn ist inzwischen erwachsen – und die Mutter auf dem Weg dorthin selbst zur ADHS-Expertin geworden.

"Ich habe oft gedacht, er hätte schon in meinem Bauch eine Ritterrüstung gebraucht", erzählt Sanders weiter. Nach der Geburt war der Kleine für drei bis vier Monate ein Schreibaby, dann wurde es etwas besser. Als Kleinkind war er sehr aktiv und stur – aber sind das nicht viele Jungen in dem Alter? Erst als er vier oder fünf Jahre alt war, regte sich bei seiner Mutter zum ersten Mal der Verdacht, er könne unter ADHS leiden.

Die Diagnose wurde bestätigt, doch die Unsicherheit der Eltern blieb. "Die Grundschule lief gut, da wir eine Perle von einer Lehrkraft hatten", so Sanders. "Wir haben uns intensiv mit unserem Sohn beschäftigt, viel zum Thema gelesen, wir haben mit ihm geredet, für Bewegung und körperliche Auslastung gesorgt."

In der weiterführenden Schule jedoch spitzte sich die Situation zu. Der Sohn vergaß, seine Sportsachen in die Turnhalle oder seine Bücher in den entsprechenden Unterrichtsraum mitzunehmen. Der Mutter war klar: Es musste sich etwas ändern. Die Diagnose ADHS wurde erneut professionell bestätigt. "Ich habe nachmittags viel mit ihm gearbeitet und Stoff nachgeholt", berichtet Sanders. "Mein Sohn litt sehr darunter, dass er bei erheblichem Mehraufwand weniger gute Leistungen erbrachte als seine Mitschüler. Und noch dazu viel weniger Freizeit hatte als die anderen."

Gene und Gifte können ADHS fördern

Wie ADHS entsteht, ist nicht abschließend geklärt. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass die Störung unter anderem genetisch bedingt sein kann. In vielen Fällen hat es in der Verwandtschaft schon vorher eine Person mit ADHS gegeben, so auch in der Familie Sanders. Ein weiterer Faktor ist möglicherweise Sauerstoffmangel während der Geburt. Auch Gifte, Rauchen und Alkoholkonsum in der Schwangerschaft begünstigen offenbar, dass ein Kind ADHS entwickelt.

Die Erziehung hingegen hat keinen Einfluss auf die Entstehung von ADHS. Aber: Sie spielt eine große Rolle im Umgang mit dem Betroffenen und kann schlimmstenfalls die Symptome verstärken. Eine liebevolle, wertschätzende Er ziehung mit klaren Grenzen, Regeln und Strukturen hilft dem Patienten am besten. ADHS tritt leider nur selten allein auf. Häufig kommen andere Störungen hinzu. Das können beispielsweise Tics, Angst- und Essstörungen sein, eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, aber auch Depressionen.

Der lange Weg zur Diagnose: ADHS wird oft erst spät erkannt

Anna Maria Sanders hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder mit ADHS typischerweise schon im Kleinkindalter auffällig sind. Das muss nichts Gravierendes sein, aber die Eltern spüren oft, dass das Kind anders als andere ist. Eine Unkonzentriertheit hingegen macht sich meist erst in der Schule bemerkbar. Das bestätigt auch der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Ralph Schliewenz: "Echte Störungen fallen in der Regel nicht vor dem Eintritt in die Schule auf. Unter normalen Entwicklungsbedingungen können zwar auch schon zuvor entsprechende Symptome beobachtet werden. Sie entsprechen dann aber den Erwartungen und gelten nicht als Störung", so der Psychologe. "Eine Störung ist es, wie der Begriff schon sagt, wenn es stört. Dabei kann die Umwelt, zum Beispiel die Eltern, betroffen sein. Dia­gnostisch abklären würde ich es allerdings erst, wenn auch das Kind oder der Jugendliche selbst über ein Leid klagt."

Oft kommt die Diagnose erst sehr spät, da Familien vieles tun, um Probleme abzupuffern und aufzufangen. Ist das Kind in einem positiven Umfeld eingebettet, fällt es weniger auf. Je nach Entwicklungsalter stellt die Ärztin auch den betroffenen Kindern und Jugendlichen Fragen. "Die Diagnosestellung erfolgt über einen Prozess, der durchaus mehrere Monate andauern kann. In dieser Zeit werden bereits hilfreiche und zielführende Schritte unternommen, beispielsweise Aufklärung, Elterntraining, Selbstmanagement", so Schliewenz. "Erst bei fortdauernder Problematik trotz Umsetzung erster Hilfen soll über weitergehende Maßnahmen beraten werden."

Müssen Medikamente wirklich sein? Bei welchen Symptomen?

Der betroffene Mensch und sein Umfeld müssen immer im großen Ganzen betrachtet werden. Die Umgangsweise mit Konzentrationsstörungen und ADHS sollte eine ganz individuelle sein. "In vielen Fällen können Medikamente gut helfen, um die Probleme aushaltbarer zu machen", so Sanders. "Viele junge Menschen gehen kaputt, wenn sie keine Medikamente bekommen, obwohl sie welche bräuchten." Sanders möchte zögerlichen Eltern die Angst vor den Medikamenten nehmen, da sie vielen Betroffenen großes Leid ersparten, das Leben erträglich machten und "möglicherweise sogar verhindern, dass sie später ihr Leid mit Alkohol, Zigaretten oder anderen Drogen betäuben."

Viele Jugendliche können sich mithilfe der Medikamente besser konzentrieren, sind weniger abgelenkt, impulsiv und aggressiv und erfahren dadurch weniger Ablehnung, sodass sie im Alltag und in der Gesellschaft besser zurechtkommen. Dabei bleibe ihr Selbstwertgefühl erhalten, meint die Expertin. Auch Unruhe und lautes Störverhalten würden reduziert und gleichzeitig die Koordinationsfähigkeit und komplexe motorische Fähigkeiten verbessert. Reize könnten besser verarbeitet werden und strömten nicht mehr ungefiltert auf den Betroffenen ein. Entscheidend ist laut Sanders immer die enge Zusammenarbeit mit Ärzten und Therapeuten. Ihrer Erfahrung nach ist es wichtig, dass Eltern sich intensiv mit dem Thema beschäftigen und sich informieren.

Lernen, mit der Störung zu leben

ADHS ist nicht heilbar. Aber durch den richtigen Umgang damit und vor allem eine frühe Diagnose ist in den meisten Fällen ein weitgehend normales Leben möglich. Eine frühe Diagnose ist außerdem wichtig, damit es nicht zu den genannten Folge- oder zusätzlichen Störungen kommt. Vorbeugend wünscht sich Sanders, dass Erzieher und Lehrkräfte konkret auf ADHS geschult werden. Eltern bräuchten viel mehr kostenfreie Unterstützung für therapeutische Begleitung ihrer Kinder sowie Elterntrainings in der Nähe, die beim pädagogisch-psychologischen Umgang helfen. Sanders: "Eltern sind der Ort der Geborgenheit, der Kinder auffängt." Sie sollten sich daher nicht allein auf die Medikamente verlassen. "Medikamente sind kein Zaubermittel, aber sie versetzen die Kinder in einen Zustand, in dem das Einhalten von Regeln und das Konzentrieren möglich wird", so Sanders. "Sie sind wie Krücken – am Anfang notwendig, später kann man sie weglassen." Das Kind werde dazu befähigt, lernen zu können. Wenn es Strategien erlernt hat, um mit dem Syndrom zurechtzukommen, braucht es oft keine Medikamente mehr.

Wichtig: Der Medienkonsum sollte so weit wie möglich heruntergefahren werden. So, dass das Kind noch Teil seiner Generation ist und kein Außenseiter wird, aber so wenig wie möglich in den Medien unterwegs ist.
Frau Sanders' Sohn ist es dank der Unterstützung seiner Familie gelungen, seinen Weg zu gehen. Letztendlich
entschied Sanders mit ihrem Mann, ihrem Sohn dazu zu ­raten, die Schule in der achten Klasse abzubrechen und das zu machen, wonach ihm ist. "Seine Offenheit, sein viel­seitiges Interesse, seine Fähigkeiten, sein Charisma und damit sein Selbstwertgefühl wären sonst kaputt gegangen", so die Mutter. Auch wenn eine solche Entscheidung absolut nicht als allgemein empfehlenswert zu verstehen ist, war sie in diesem Fall goldrichtig: Der 19-Jährige hat jetzt eine mit Auszeichnung abgeschlossene Berufsausbildung und arbeitet erfolgreich als Fitnesstrainer. "Das ist sein Traumberuf, seine Berufung, darin blüht er richtig auf", freut sich seine Mutter.

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