Zigaretten-Sucht

Hilfe, Oma raucht: Sind Babys und Kinder dadurch in Gefahr?

Rauchen? Das gilt heutzutage als ziemlich uncool. Doch die Großeltern-Generationen können oftmals einfach nicht die Finger von den Glimmstängeln lassen. Ein ewiges Laster. Doch was, wenn Enkel ins Haus kommen? Muss ich Oma nun meiden – oder nur sie nur draußen mit den Kindern treffen?

Wenn die Großeltern oder andere Personen mit engem Kontakt zum Kind rauchen, machen sich Eltern oft Sorgen.
© Foto: iStock/Jikaboom
Wenn die Großeltern oder andere Personen mit engem Kontakt zum Kind rauchen, machen sich Eltern oft Sorgen.

Früher galt das Rauchen als cool. Heute ist es mehr als uncool, Zigaretten zu rauchen. Früher war eben doch nicht alles besser. In den 1960- und 1970-er Jahren dachte man das aber. Da galt das Rauchen nämlich als angesagt. Und heute? Nun, da fehlt oftmals der Wille, um aufzuhören. Schön und gut, doch was, wenn diese Retro-Qualmer heute Großeltern sind? Die Finger von den Zigaretten zu lassen, das kann ziemlich schwer sein. Das versteht wohl jeder. Nikotin, das ist nun einmal eine tief sitzende Sucht. Aber sind nicht Enkelkinder der beste Grund, um einen Hebel in seinem Dickkopf umzulegen und gegen diese Sucht nachzugehen? Das dachte ich mir zumindest, als unser kleiner Sohn zur Welt kam. Doch meine Schwiegermutter? Machte fröhlich weiter …

"Ich bin doch extra rausgegangen!"

"Oma war mal eben an der frischen Luft!", sagte sie, zwinkerte mir zu und streckte die Finger nach der Wange meines Säuglings aus. STOPP, rief alles in mir. W.I.D.E.R.L.I.C.H. Ich habe meine Schwiegermutter wirklich lieb und gern. Aber bei diesem Punkt – das weiß sie auch – werden wir uns einfach niemals einig sein. Rauchen in der Anwesenheit eines Babys. Auch das von mir eingeforderte Händewaschen hilft da eigentlich kaum etwas. Und das Kaugummikauen, das sie von sich aus angefangen hat, auch nicht. "Ähm, ja. Leider riechst du trotzdem nach einer verqualmten Kiez-Kneipe!" Sorry! Immer wieder beteuert sie, sie würde nicht mehr drinnen rauchen, nur noch draußen. Doch auch wenn das stimmen sollte, so hängt der ganze Schmotz dennoch in jeder Klamotte, in jedem Möbelstütz, in jeder Ecke ihres Hauses. Ich muss gestehen: Mit einem Neugeborenen wollte ich den Besuch bei der rauchenden Oma eigentlich immer lieber ausfallen lassen. Oder sie zu uns kommen lassen. Auf Dauer war das aber natürlich nichts. Dennoch machte ich mir so meine Gedanken. Und das tue ich noch heute. Deshalb habe ich einen Experten zu diesem brisanten Thema befragt, welches die Gemüter auf beiden Seiten) ziemlich erhitzen kann. Herbert Renz-Polster ist ein deutscher Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor (z. B. "Kinder verstehen"). Was sagen Sie dazu? 

Warum ist Zigarettenrauch für Babys und Kinder so gefährlich?

"Zigarettenrauch enthält Stoffe, die die Funktion von Nervenzellen hemmen, auch die Hirndurchblutung kann beeinträchtigt sein. Das schlägt bei einem rasch wachsenden Gehirn natürlich stärker zu Buche als bei einem ausgewachsenen Gehirn. Zudem reizt Zigarettenrauch die Schleimhaut der Atemwege und kann sie so empfindlicher machen – auch für eine Entwicklung von Bronchitis und Asthma", sagt Herbert Renz-Polster. 

Allerdings ist hier alles auch eine Frage der Dosis: Am einschneidendsten sei natürlich die Exposition im Mutterleib, weil hier das werdende Gehirn tatsächlich "mitraucht". Auch dauerhafte Exposition nach der ist natürlich schlimmer, als wenn ein Kind ab und zu Zigarettenrauch ausgesetzt ist: "Das stecken die allermeisten ganz gut und ohne bleibende Schäden weg, es sei denn, sie hatten schon empfindliche Bronchien – wie zum Beispiel Asthma-Kinder."

Passivrauchen bei Kindern: Was kann das im schlimmsten Fall bewirken?

Vor der Geburt: Muss das ungeborene Kind in der Schwangerschaft mitrauchen, so kann es im schlimmsten Fall zu einer Frühgeburt kommen. "Weil Nikotin auch die Durchblutung der Plazenta negativ beeinflusst. Das Kind kann aber auch zu klein geboren werden. Am Gehirn lassen sich auch Veränderungen zeigen, etwa in der Steuerung des autonomen Nervensystems – das ist der vermutete Grund, warum Babys von Raucherinnen auch ein höheres Risiko für den plötzlichen Kindstod haben", so der Kinderarzt. Doch auch andere Funktionen können beeinträchtigt sein: etwa das Planen, Denken oder die Gefühlskontrolle (exekutive Funktionen). Deshalb bestehe auch ein höheres Risiko für die Entwicklung von ADHS.

Nach der Geburt: "Bei dauerhafter Exposition sind weiterhin negative Folgen auf das Gehirnwachstum zu gewärtigen. Das Gehirn verdreifacht sein Volumen in den ersten drei Lebensjahren, auch entwickeln Kinder in Raucherhaushalten häufiger Allergien und chronische Atemwegserkrankungen", sagt Renz-Polster.

Setzen sich die Schadstoffe auch in Tapeten, Teppichen, Vorhängen und Möbeln fest?

Diese Frage hat mich brennend interessiert. Und hat bei uns in der Familie schon für viel Zunder gesorgt. Der Experte sagt: "Ja, das tun sie, und die Stoffe werden auch weiter abgegeben, allerdings nicht in der Konzentration wie rund um aktive Raucher." 

Kalter Rauch ist besonders für Kleinkinder gefährlich. Deshalb: In solchen Raucher-Haushalten lieber nicht auf dem Boden spielen, Dinge in den Mund nehmen oder krabbeln lassen. Der kalte Rauch hängt in den Klamotten, Teppichen und Gardinen und sammelt sich auf Möbeln und Gegenständen an. Er wird über Haut, Lunge und Mund aufgenommen. Klar, der erkaltete Rauch ist nicht so schädlich wie das aktive oder passive Tabakrauchen selbst, doch auch er kann das Krebsrisiko erhöhen. So erklärten es auch Experten für Tabakkontrolle am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) der Deutschen Presseagentur.

Und noch ein kleiner Tipp, liebe Großeltern: Bitte drückt euren Enkelkindern nicht direkt nach dem Zigarettenkonsum einen Kuss auf. Warum? Raucher atmen noch bis zu zehn Minuten nach dem Rauchen einer Zigarette Schadstoffe aus.

Bei welchen Symptomen sollten Eltern genauer hinschauen und zum Arzt gehen?

Hier gibt es nicht die eine Antwort. Dennoch heißt es für Eltern: wachsam sein! "Die Symptome können auch von anderen Einflüssen herrühren. Es ist im Einzelfall schwer, das genau auf das Zigarettenrauchen zurückzuführen", so Renz-Polster. Beispielsweise Husten: Den haben alle Kinder andauernd. "Viele auch hartnäckig, manche auch asthmatisch (verengend), ohne dass sie Zigarettenrauch ausgesetzt sind. Bei anderen Kinder aber spielt das eine Rolle. Zudem sind in Familien, in denen nach wie vor in der Wohnung mit Kindern geraucht wird, manchmal auch andere Risiken vorhanden. Diese Kinder sind generell eher unter gesundheitlichem Druck."

Ein Grund, die Oma nicht zu besuchen? Zumindest im Säuglingsalter?

"Ja, wahrscheinlich schon! Aber wie schon gesagt: Da läuft auch sonst manchmal nicht alles super – und natürlich dauern dann auch die normalen Erkältungen immer ein bisschen länger", sagt der Kinderarzt. Auf seinem Blog schreibt der Experte dazu folgendes: "Ich würde dazu plädieren, die Kirche im Dorf zu lassen. Auch wenn ich als ausgebildeter Lungenfacharzt für Kinder die Risiken des Zigarettenrauchs ganz gut kenne." Da hat er natürlich auch recht. Auf die Oma verzichten müssen, ist für alle Seiten blöd. Eine Oma, die gut mit ihrem Enkelkind kann, das ist ein riesiges, großes Plus. Das bedeutet nicht nur eine zusätzliche Person zur Entlastung der Eltern, sondern macht auch das Familienleben des Kindes reicher.

Sind passivrauchende Kinder öfter krank?

Kinder, die in Raucher-Haushalten groß werden, entwickeln öfter Allergien und auch die Schleimhaut der Atemwege kann dauerhaft entzündet sein. Damit ist eine Neigung zu Husten und Asthma nicht unwahrscheinlich. "Doch auch hier ist alles eindeutig eine Frage der Dosis", erklärt der Experte. "Es ist etwas anderes, ob sich ein Kind zum Passiv-Dauerrauchen regelmäßig in nur wenig belüfteten Räumen aufhalten muss."

Oma raucht weiter: Was tun?

Ich kenne es selbst aus meiner Familie. Omas und Opas können ziemlich stur sein. Vor allem, wenn es um ihre Laster geht. Dabei kann man in der Betreuungssituation beim Thema "Rauchen" vieles regeln, zum Beispiel: 

  • Nicht rauchen, wenn sich das Kind im gleichen Raum befindet – und auch nicht in den Räumen, in denen das Kind regelmäßig spielt oder schläft, sollte nicht geraucht werden.
  • Regelmäßig gut lüften.
  • In den Betreuungszeiten weniger (und idealerweise gar nicht) rauchen.
  • Nach dem Rauchen die Kleidung (zum Beispiel den Pullover) wechseln. "Das kann gerade bei kleinen Kuschelkindern hilfreich sein", so Renz-Polster. 

Ein Rest Nikotin verbleibt immer. Da muss man einfach mit rechnen. Doch sollte man sich vielleicht als Eltern etwas selbst beruhigen (mich eingeschlossen): Wie viel Zeit verbringt das Kind dort? In der Regel sind sie doch am allermeisten zu Hause. Und ein gelegentlicher Ausflug in Omas Haus wird wohl nicht allzu schlimm sein. Die Situation ist vielleicht nicht optimal. Aber es gibt auch andere Großmütter. Etwa mit Teichen im Garten. Oder mit bissigen Hunden.

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