Wegen Corona

Ständiges Händewaschen: Kinder leiden unter trockenen Händen

Ohne Händewaschen geht es derzeit leider nicht – schließlich wollen wir uns vor dem Coronavirus schützen. Doch viele Kinder haben schon jetzt sehr trockene Haut oder sogar Handekzeme. Wir haben mit einem Hautarzt gesprochen, was hilft.

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Unser Experte

Dr. med. Jens Tesmann ist Facharzt für Dematologie. Gemeinsam mit Dr. Daniel Wilder ist er Inhaber und leitender Arzt der Praxis Hautzentrum Innenstadt in Stuttgart. Mehr Infos unter: Hautzentrum-innenstadt.de 

 

Lieber Dr. Tesmann, Händewaschen beugt ja bekanntlich Infektionen vor, führt aber auch dazu, dass die Haut austrocknet, oder?

Ja, das stimmt. Wir behandeln bei uns in der Praxis gerade sehr viele Kinder mit Handekzemen, die hauptsächlich am Handrücken auftreten. 

Wieso denn gerade dort?

Die Haut am Handrücken ist viel dünner als beispielsweise in den Handinnenflächen und trocknet daher schneller aus. Wir haben gelernt, dass man beim Händewaschen den Handrücken durch die Handflächen dreht. Tatsächlich berührt man mit dem Handrücken aber ja so gut wie nie Gegenstände und selbst beim Händeschütteln treffen sich hauptsächlich die Innenflächen. Ich würde daher im Moment dazu raten, beim Händewaschen nicht einfach nur die Handrücken durch die Handflächen zu drehen, sondern die Handflächen aneinander zu reiben und dann die Finger einzuknicken, sodass man die Fingerrücken und Fingernägel jeweils innen an der anderen Hand reibt. So waschen wir Ärzte uns auch chirurgisch die Hände. 

Dazu Seife und zwei Mal "Happy birthday" singen?

Grundsätzlich sollte man keine herkömmliche Seife nehmen – das ist ein altes Produkt, das die Haut schon immer ausgelaugt hat. Ich habe erlebt, dass in Drogerien speziell danach gefragt wird, weil es im Moment ja immer heißt, man solle sich die Hände gründlich mit Seife waschen. Kinder sollten besser eine pH-neutrale Waschlotion nehmen. Die ist nicht so aggressiv wie Seife und entfernt trotzdem sicher Viren und Bakterien. Außerdem sollte das Wasser nicht zu heiß sein. Zwar werden Schmutzstoffe bei einer höheren Temperatur besser aus der Haut herausgelöst – auf Dauer kann die Haut dann aber trocken und reizbar werden, was bei weiterer Irritation sogar zu einem Ekzem führen kann. Handwarmes Wasser, eine pH-neutrale Waschlotion und dabei zwei Mal "Happy birthday" singen, reinigen die Hände ausreichend und schonend.

Sollten Kinder sich nach jedem Händewaschen die Hände eincremen?

Das ist eine gute Idee. Allerdings muss man dann dafür sorgen, dass die Handcreme nicht kontaminiert ist. Man sollte sie also so aufbewahren, dass man die Tube immer erst nach dem Händewaschen berührt. Gut sind sogenannte Repair- oder Protect-Cremes, die einen Schutzfilm auf die Haut legen. Meistens besteht dieser aus Paraffin, was gerne mal verteufelt wird. Dieser Stoff verbleibt aber auf der Haut statt einzudringen und schützt sie somit langfristig. Das würde ich im Moment schon empfehlen. 

Protect- und Repair-Cremes sind aber eigentlich für Erwachsene, oder?

Stimmt, solche Cremes gibt es speziell für Kinder eigentlich nicht. Es gab aber auch noch nie eine Situation, in der Kinder sich so häufig die Hände waschen mussten. Handcremes für Erwachsene sind für Kinderhände aber für gewöhnlich unproblematisch. Man sollte darauf achten, dass sie nicht unnötig Duft-, Farb- oder andere Zusatzstoffe enthalten. Und auch auf Calendula oder Kamille sollte man besser verzichten. Sie werden zwar gerne bei kleinen Irritationen zur Heilung eingesetzt. Wenn die Haut durch häufiges Händewaschen aber bereits strapaziert ist, kann es leichter zu einer Sensibilisierung, also einer allergischen Reaktion, kommen. Auch bei Urea sollte man aufpassen. In zu hoher Konzentration kann es bei irritierter Haut zu Brennen oder Juckreiz führen. 

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Was hilft der Haut denn, wenn sie bereits gerötet oder rissig ist?

Wenn die Haut schon sehr angegriffen ist, kann man die betroffen Stellen mit einer Heilsalbe eincremen. Das beruhigt die Haut und führt häufig zu einer Abheilung. Auch vorbeugend funktionieren Cremes mit Dexpanthenol sehr gut. Einfach vor dem Schlafengehen die Hände damit einreiben und über Nacht einwirken lassen. So kann sich die Haut im Schlaf regenerieren.

Und dann noch Handschuhe anziehen, wie man es aus Frauenzeitschriften kennt?

Lieber nicht! Ich glaube nicht, dass Kinder das so gut finden. Ich würde sie damit nicht noch unnötig stressen – die haben es doch gerade schon schwer genug.

Sollten rissige, offene Hautstellen mit einem Pflaster abgedeckt werden?

Es kommt darauf an, wie die Stelle belastet wird. Bei einem Riss am Finger würde ich empfehlen, tagsüber beim Spielen ein Pflaster draufzumachen. Nachts sollte man das Pflaster immer abmachen, damit sich keine feuchte Kammer bilden kann, in der Bakterien wachsen. Wenn die Stelle gut verkrustet und stabil aussieht, braucht man auch tagsüber kein Pflaster mehr. 

Wie erkennt man ein Handekzem?

Wenn das Kind eine stark gerötete, raue Oberfläche entwickelt, dann haben wir ein sogenanntens Waschekzem. Das tut dem Kind dann auch weh – wenn es die Hand unter Wasser hält, brennt es zum Beispiel. Dann sollte man in jedem Fall einen Hausarzt aufsuchen. Meistens muss man dann für drei bis fünf Tage eine Kortisoncreme verwenden, um das Ekzem zu beruhigen. Anschließend versorgt man die Stelle mit einer Heilsalbe nach. 

Bei Kortison sehen viele Eltern ja rot ...

Es gibt eine regelrechte Kortiosonphobie unter Eltern, die aber völlig ungerechtfertigt ist. Kortison ist ein Naturheilprodukt, das aus der Nebennierenrinde von Mensch oder Tier stammt, und den Entzündungsprozess auf auf natürliche Weise reguliert. Wenn man es sinnvoll einsetzt, klar limitiert und konsequent, dann kann es gar keine Nebenwirkungen haben. Ein Schaden entsteht nur dann, wenn man Kortison immer mal wieder anwendet. Dadurch bekommt man keinen nachhaltigen Effekt.

Dürfen Kinder auch Desinfektionsmittel für die Hände nehmen?

Wenn es ein Desinfektionsmittel speziell für die Hände ist, finde ich das sogar besser als ständiges Händewaschen. Es tötet Keime sicher ab und pflegt die Hände gleichzeitig mit rückfettenden Substanzen. So kann es gar nicht erst zu einer Austrocknung der Hände kommen. Wir desinfizieren uns in der Praxis im Moment wahrscheinlich 120 Mal am Tag die Hände und haben keinerlei Ekzeme.

Wichtig ist, dass die Einwirkzeit eingehalten wird. Die liegt meistens bei einer Minute – also am besten ein Mal "Happy birthday" singen und dabei immer wieder die Hände mit Desinfektionsmittel benetzen. 

Kann man Desinfektionsmittel auch bei ganz kleinen Kindern anwenden?

Da muss man natürlich aufpassen, dass sie nicht selber an das Desinfektionsmittel herankommen und es versehentlich trinken. Der Alkohol verdampft aber beim Einreiben, sodass es auch kein Problem ist, wenn die Finger danach im Mund landen. 

Für Kinder mit Neurodermitis ist das ständige Händewaschen besonders herausfordernd ... Worauf sollten sie achten?

Die Basispflege ist bei atopischer Dermatitis oder Neurodermitis das A und O. Die Haut bildet von sich aus zu wenig Fett –  man muss es regelmäßig von außen zuführen. Das funktioniert bei diesen Hautbildern am besten mit Mandelöl, das man nach jedem Duschen in die Haut einmassiert. Dann ist die Haut basisgepflegt. Zusätzlich sollten man die Hände zwei bis drei Mal täglich mit einer Pflegecreme einfetten. Desinfektionsmittel sollte man nur benutzen, wenn die Haut keine akuten Risse aufweist. Ansonsten kann das ordentlich brennen. 

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Unsere Autorin

Jana Kalla

Jana Kalla ist freie Autorin bei Leben & erziehen. Vorher war sie viele Jahre lang hauptsächlich im Beauty-Kosmos unterwegs.

Seit sie einen eigenen kleinen Sohn hat, ist ihr Leben nicht nur um einiges turbulenter geworden, es hat auch dazu geführt, dass sie ihr Themenspektrum erweitert hat. Und was könnte es Schöneres geben, als über Windeln und Wimperntusche zu schreiben?

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