Was Eltern tun können

Toilettenverweigerungssyndrom: Wenn für den Stuhlgang (wieder) die Windel herhalten muss

Wenn bei eigentlich schon trockenen Kindern das große Geschäft in der Windel landen muss, spricht man häufig von einem Toilettenverweigerungssyndrom. Lest hier mehr über die Gründe und die Behandlungsmöglichkeiten.

Toilettenverweigerungssyndrom: "Ich muss mal! Aber nicht auf Toilette ...!"
© Foto: iStock/baona
Toilettenverweigerungssyndrom: "Ich muss mal! Aber nicht auf Toilette ...!"

Paul, neun Jahre alt, ist seit Jahren trocken. Nicht überraschend. Schließlich ist er seit Jahren Grundschüler. Aber tatsächlich erledigt er immer noch sein großes Geschäft in einer Windel. Ausschließlich. Nicht zu glauben? Dieser Fall ist Realität. Und tatsächlich keine Seltenheit. ERIC (Children's Bowel and Bladder Charity) ist Großbritanniens führende Wohltätigkeitsorganisation, die Kinder und Teenager mit Darm- oder Blasenproblemen unterstützt. Auf ihrer Website ist nachzulesen, dass Eltern regelmäßig die Hilfe-Hotline mit genau diesem Problem kontaktieren: Kinder, die ihren Stuhlgang ausschließlich in Windeln absetzen und den Toilettengang verweigern. Diese Situation kann für Familien mitunter sehr belastend werden. Vor allem, wenn sich der Prozess so lange zieht wie bei Paul. Woher kommt dieses Verweigern? Und wie können Eltern ihren Kindern in dieser Situation helfen?

Die Gründe für ein Toilettenverweigerungssyndrom

Das Trockenwerden ist ein Prozess, der bei den einen ganz schnell geht und bei den anderen etwas länger dauert. Aber wenn das Kind auf einmal wieder die Windel verlangt, obwohl es doch eigentlich schon trocken war ... Oder wenn es ausschließlich auf Toilette pinkelt und für das große Geschäft vehement nach der Windel verlangt, spricht man von einem Toilettenverweigerungssyndrom.

In vielen Fällen geht einem Toilettenverweigerungssyndrom ein physiologisches Problem voran, in den meisten Fällen ist es eine Verstopfung oder auch Verletzungen am After. Auslöser kann auch ein schwerer Magen-Darm-Virus sein. Die Folgen sind mitunter so unangenehm und schmerzhaft für die betroffenen Kinder, das sie den Stuhlgang automatisch mit etwas Negativem verbinden. Und dann häufig noch mehr anhalten. Ein Teufelskreislauf, der unbedingt unterbrochen werden muss. Die Voraussetzung für eine gesunde Verdauung: viel trinken, viel bewegen, viele Ballaststoffe durch Obst, Gemüse und Vollkorn, wenig Süßigkeiten und Kuhlmilchprodukte. Und eine regelmäßige Darmentleerung mindestens alle ein bis zwei Tage. In manchen Fällen muss bei einer Verstopfung auch ein Abführmittel vom Kinderarzt verschrieben werden. Das Problem: Jetzt sitzt das Trauma schon tief – und das Kind nicht (mehr) auf Toilette. Der sichere Hafen kann dann manchmal nur die Windel sein.

Wieder andere Kinder haben schlichtweg Angst vor der Toilette, vor dem Geräusch der Spülung. Oder fühlen sich in der Umgebung nicht wohl. Brauchen immer den einen Ort (hinterm Sofa, im Kinderzimmer ... ) zum "Kacka machen". Vielleicht empfinden sie das große Klo als ungemütlich. Können nur im Stehen. Oder die betroffenen Kinder haben schlichtweg vor der Veränderung Angst, die der Abschied von der geliebten Windel mitbringt.

Niemals die Windel einfach verbieten!

So vielfältig die Gründe für das Toilettenverweigerungssyndrom sein können, so simpel sollte der erste richtige Impuls der Eltern immer ausfallen: Bitte verbietet euren Kleinen niemals die Windel! Ein strenges "Nein, du machst ab jetzt A-a auf Toilette! Die Windel gibt es nicht mehr ..." wird niemals eine richtige und nachhaltige Lösung für das Problem liefern. Im Gegenteil: Es kann sogar noch die Verstopfung bzw. die Angst vor Toiletten verstärken. Erst mal gilt es, wie bei eigentlich allen Entwicklungen bei Kindern: Ruhe bewahren! Manchmal ist es auch nur eine Phase während des Trockenwerdens, die – ohne Druck auzuüben – von ganz allein wieder nach ein paar Tagen oder Wochen verschwindet. Und wenn nicht, dann sollte man Schritt für Schritt vorgehen, ohne zu verzweifeln. 

Sich mit der Toilette "anfreunden"

Wenn die Toilette der "Endgegner" ist, dann müssen wir Eltern dafür sorgen, dass sie zum "Freund" wird. Was hier jetzt erst mal lustig klingt, ist für manch kleinen Menschen eine echte Herausforderung. Was Eltern jetzt brauchen? Einen laaaangen Geduldsfaden. Beginnt zum Beispiel damit, die Windeln nur noch im Badezimmer aufzubewahren, um den Kind zu signalisieren: Hier wird das Geschäft erledigt. Im nächsten Schritt lasst ihr euren Nachwuchs jeden Tag ein paar Sekunden auf dem Klo sitzen. Nur mal so. Anfangs ruhig auch noch mit Klamotten. Oder mit der Windel ("Windelklo"). Jeden Tag dann ein bisschen länger. Dabei sollte die Umgebung so kinderfreundlich wie möglich gestaltet sein – vielleicht mit einer Tonie Box, ein paar Büchern oder besonderem Spielzeug, das die Zeit hier so positiv wie möglich gestaltet und das auch NUR HIER lockt. Es darf in schwierigen Fällen auch mit kleinen Belohnungen gearbeitet werden, zum Beispiel für jede Minute auf Toilette ein Sticker. Ist der Stickerbogen voll, gibt es ein vorher bestimmtes Geschenk. Das Ziel ist erst mal, das Kind mehrmals am Tag für mehrere Minuten auf die Toilette zu bekommen, ohne dass damit Stress verbunden ist. Im besten Fall wählt man Zeitfenster direkt nach den Mahlzeiten, da nun die Verdauung auf natürliche Weise angeregt wird. 

Auf das richtige Sitzen kommt es an

Für viele Kinder ist ein Erwachsenen-WC einfach nicht bequem bzw. nicht förderlich für die Darmentleerung. Was die Minis dann brauchen: einen kleinen Toilettensitz und unbedingt einen Hocker, wenn sie mit ihren Füßen noch nicht auf den Boden kommen, da nur so der Stuhlgang leicht hinausgepresst werden kann. Teilweise gibt es solche Toilettensitze auch schon kombiniert mit einer Leiter zum eigenständigen Hochklettern. (Vielleicht wollt ihr den zusammen mit eurem Kind aussuchen, auch das kann helfen!) Außerdem auf einen geraden Rücken achten und die Beine nicht überkreuzen. 

Schritt für Schritt ...

Wichtig: Bleibt so geduldig wie möglich! Wenn ein Kind erst einmal in einem Toilettverweigerungssyndrom "gefangen" ist, wird es seine Windel nicht mal eben über Nacht los. Es wird wahrscheinlich eine Weile dauern, bis das Kind irgendwann ohne Probleme auf der Toilette sitzt. Nehmt euch diese Zeit, Schritt für Schritt. Bleibt stets positiv und gebt euch eurem Kind das Gefühl, etwas zu erreichen. Auch Paul ist nach zwei Jahren (!) ganz weg von der Windel. Ein extremes Beispiel, ja! Der letzte Schritt war ein Mini-Schnipsel Windel, den seine Mutter für ihn in der Toilette platzieren musste. Auch wenn es für die meisten Eltern unvorstellbar klingen mag und sie jetzt vielleicht sogar den Kopf schütteln. Dieses letzte Schnipselchen brauchte Paul, um sich am Ende ganz von der Windel zu verabschieden. Mit Erfolg! 

Wichtig: Wenn ihr Bedenken habt, dass euer Kind unter Verstopfung und/oder einem Toilettenverweigerungssyndrom leidet, wartet nicht allzu lange mit dem Gang zum Kinderarzt. Er wird mit euch die richtigen Schritte besprechen, die eurer Familie individuell helfen können.

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