Nachfrage beim Kinderarzt

Vitamin D bei Kindern: Die Gefahren einer Unter- UND Überdosierung

Wie lange sollte Vitamin D bei Kindern ergänzt werden? Wie erkennt man einen Mangel? Kann es auch zur Überdosierung kommen? Wir haben bei Jakob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte nachgefragt.

Jeden Tag eine Pille Vitamin D schlucken, so wird es bei Kindern schon in der Geburtsklinik empfohlen.
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Jeden Tag eine Pille Vitamin D schlucken, so wird es bei Kindern schon in der Geburtsklinik empfohlen.

Viel hilft viel!? Nicht bei der Gabe von Vitamin D für Babys und Kinder. Hier sollten sich Eltern ganz genau an die geltenden Vorgaben halten. Ansonsten kann es nicht nur zu einer gefährlichen Unterversorgung kommen, sondern auch zu einer lebensbedrohlichen Überdosierung.

Warum ist Vitamin D (für Babys und Kinder) überhaupt so wichtig?

Zunächst einmal handelt es sich eigentlich gar nicht um ein fettlösliches Vitamin, wie lange geglaubt. Vitamin D ist laut aktuellen Studien ein Steroidhormon, das zu 80 bis 90 Prozent über das UV-Licht vom Körper absorbiert wird. Ergo: Es wird nur zu geringen Teilen über die Nahrung (zum Beispiel durch fette Fische, wie Hering und Lachs, Hühnereier, Weidemilch oder Avocados) aufgenommen. Es ist entscheidend, um auch und vor allem bei Babys und kleinen Kindern einen gesunden Knochenaufbau zu gewährleisten und dementsprechend eine Rachitis (krankhaft weiche Knochen durch ungenügende Mineralisation) zu vermeiden. Heutzutage weiß man aber auch, dass es noch für viele weitere wichtige Körperfunktionen unabdingbar ist, wie auf der Website www.kinderaerzte-im-netz.de zu lesen:

  • Kräftigung der Muskulatur
  • Zahnbildung
  • Stärkung des Immunsystems sowohl bei der Abwehr von Erregern als auch Hemmung überschießender Immunreaktionen und dadurch Mäßigung von Autoimmunerkrankungen wie DiabtesTyp 1, Multiple Sklerose usw.
  • Schutzfunktion für die Nervenzellen des Gehirns
  • Positiver Einfluss auf das Herz-Kreislaufsystem, Senkung des Blutdrucks
  • Verringerung von Gefäßerkrankungen
  • Protektive Wirkung vor Krebserkrankungen

Wie viel Vitamin D brauchen Babys und Kinder?

Die aktuelle Empfehlung der DGKJ (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde) lautet: Im ersten Lebensjahr sollten Babys jeden Tag eine Vitamin-D-Tablette einnehmen entsprechend der Dosis 10-12,5 µg also 400-500 Interna­tionale Einheiten (I.E.). Dafür werden sogar die Kosten von der Krankenkasse übernommen. Im zweiten Lebensjahr sollte die Gabe auch in den Wintermonaten fortgeführt werden. Wichtig zu wissen: Kinder, die im Herbst oder Winter geboren werden, sollen die tägliche Einnahme erst im Sommer nach dem ersten Geburtstag beenden, also mit etwa eineinhalb, um sie dann nochmal für einen Winter fortzuführen. 

"Ab dem dritten Lebensjahr sollten Kinder keine Vitamin-D-Supplementierungen mehr erhalten", betont Jakob Maske, der Bundespressesprecher des Verbands für Kinder- und Jugendärzte. Und mal eben kurz den Vitamin D Haushalt checken? Auch davon rät der praktizierende Kinderarzt aus Berlin dringend ab. "Nur bei einem konkreten Verdacht. Grundlose Blutabnahmen bei Kindern sind Körperverletzung." So lange die Kleinen täglich an der frischen Luft spielen (mindestens eine halbe Stunde) und Vitamin-D-reiche Lebensmittel essen (zum Beispiel einmal wöchentlich Lachs), sollte kein Grund zur Sorge bestehen.

Ausnahme für eine Vitamin-D-Zufuhr ab zwei Jahren: Für Frühgeborene, chronisch kranke Kinder oder auch sehr dunkle Hauttypen sollten Eltern mit dem Kinderarzt Rücksprache halten. Unter Umständen muss in Ausnahmefällen länger substituiert werden. 

Tablette oder Tropfen?

Der Kinderarzt plädiert eindeutig für Tabletten: "Die Absorbierung ist nach aktueller Datenlage wesentlich besser." Und auch die genaue Dosierung ist in Tablettenform einfacher als mit Tröpfchen. Wer nun Beschwerde einlegen will: "Mein Kind schluckt aber keine Tabletten!", dem hilft vielleicht dieser Tipp: Die Vitamin-D-Tablette einfach auf einem Teelöffel mit ein bisschen Wasser, Muttermlich oder Pre-Milch auflösen und dem Kind so anbieten. Da die Tabletten süßlich schmecken, werden sie in der Regel von den Kleinen gut akzeptiert. 

Und woran erkenne ich dann einen Vitamin D Mangel?

Ein Vitamin-D-Mangel sei bei Kindern äußerst selten, so der Experte. Er baut sich in der Regel auch sehr langsam auf. Die langfristige Folge wäre, wie bereits weiter oben beschrieben die Rachitis. Folgende Symptome können auf einen Vitamin-D-Mangel schließen:

  • starke Müdigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Schwindel
  • Laufschwierigkeiten
  • Gelenkprobleme 
  • Gliederschmerzen
  • schwaches Immunssystem bzw. erhöhte Infektanfälligkeit 

Bei Unsicherheit, ob ein solcher Mangel vorliegt, sollte in jedem Fall das Gespräch mit dem Kinderarzt des Vertrauens gesucht werden, bevor eigenständig supplementiert wird. 

Und was ist mit einer Vitamin D Überdosierung?

Eine natürliche Überdosierung durch Sonneneinstrahlung oder Nahrung ist quasi unmöglich. Plus: Grundsätzlich gilt es besonders Kinder durch das Eincremen mit hohem Lichtschutzfaktor vor der UV-Strahlung zu schützen. Vor allem im Sommer und zur Mittagszeit. Babys im ersten Lebensjahr gehören gar nicht in die Sonne. Denn: Die Gefahr von Sonnenbrand und dem damit einhergehenden Hautkrebsrisiko ist sehr viel höher als an einem Vitamin-D-Mangel zu erleiden. Aber es gelangt immer noch genügend Strahlung an die Haut, um die Vitamin-D-Speicher von Kindern zu füllen, erklärt uns auch Jakob Maske.

Zu viel Vitamin D kann es also nur über Supplemente geben. Und diese Überdosierung ist nicht harmlos. Sie fängt mit Erbrechen und Durchfall an, kann aber mit lebensbedrohlichem Nierenversagen im Krankenhaus enden und langfristig sogar zu einer Hyperkalzämie führen, also einem erhöhten Kalziumgehalt im Körper, der unter anderem Tumore begünstigt. 

Ein akuter Fall von Überdosierung lief kürzlich durch die Medien. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) berichtete von einem Säugling, der mit starker Vitamin-D-Überdosis auf der Intensivstation landete: Mit nur sieben Monaten erhielt das Baby die 80-fache Menge der eigentlich empfohlenen Vitamin-D-Dosis. Statt 500 I.E. 40.000 I.E. pro Tag. Und das über fünf Monate lang! Wie kann das nur passieren? Schuld sei ein im Internet frei verkäufliches Produkt gewesen, das den nichtsahnenden Eltern von Freunden empfohlen wurde. Ein Skandal, da eigentlich in Deutschland Vitamin D-Präparate ab 1.000 I.E. ausschließlich auf Rezept in der Apotheke erhältlich sein sollten. Das Problem: Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D dürfen in jeder Dosierung vertrieben werden.

Die dramatischen Folgen für den Säugling: starker Verlust von Körpergewicht, Dehydrierung und extreme Bewusstseinstörungen. Außerdem litt das Baby unter einer extremen Elektrolytstörung mit erhöhtem Kalium- und Calciumspiegel. In den Nieren des Säuglings befanden sich Ablagerungen von Calcium-Salzen. Dem Kind konnte glücklicherweise durch intensive Behandlungen geholfen werden, aber die AkdÄ warnt weiterhin vor der Überdosierung von Vitamin D: "Hochkonzentrierte Flüssigzubereitungen von Vitamin D3 sollten aus Sicht der AkdÄ wegen der Gefahr akzidenteller Überdosierungen insbesondere bei Kindern vermieden werden."

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