Pilotprojekt

Mit Hund in die Kita – ob das sinnvoll ist und wie es funktioniert

Husky-Labrador-Mischling Luna besucht täglich den Fröbel-Kindergarten Pusdorf in Bremen. Schon bald soll die Hündin den pädagogischen Alltag als Therapiehund unterstützen. Unser Autor berichtet direkt aus der Einrichtung.

Hündin Luna soll für die Arbeit im Kindergarten ausgebildet werden.
© Foto: privat/Retat
Hündin Luna soll für die Arbeit im Kindergarten ausgebildet werden.

Es ist Mittagsruhe eingekehrt im Bremer Fröbel-Kindergarten Pusdorf. Die Krippenkinder machen Mittagsschlaf. Auch die Größeren haben sich zum Ausruhen in die Räume zurückgezogen. Auf dem Flur vor dem Büro von Kita-Leiter Marcel Retat ist es fast still und kinderleer. Mit der guten Gewissheit, nichts Wichtiges zu verpassen, hat sich Husky-Labrador-Mischling Luna in ihrem Körbchen zusammengerollt. Ihre Augen, eins eisblau, eins braun, sind fest geschlossen. Jetzt heißt es, ausruhen für den Nachmittag, für einen langen Spaziergang, für das Toben im Kita-Garten. Retat hat nun Zeit, vom "Projekt Luna" zu berichten.

"Ich wollte schon länger wieder einen eigenen Hund. Als Kita-Leitung lag es nahe, Luna auch in den Kita-Alltag mitzunehmen. Schließlich sind Huskys und Labradore sehr soziale und kinderliebe Tiere, Lunas Rassenmix ist also ideal", erzählt der Pädagoge. Außerdem sei seine Hündin sehr ausgeglichen und ruhig.

Stressresistenz ist ein Muss bei Hunden im Kindergarten

Gar keine schlechten Voraussetzungen für die Arbeit mit Kindern: Auch wenn es keine eindeutigen Rassenempfehlungen für Pädagogik-Begleithunde oder Therapiehunde gibt, werden tatsächlich häufig Labradore, Golden Retriever oder Pudel genommen. Diese Rassen sind an die Arbeit und das Zusammenleben mit Menschen gewöhnt.

"Noch wichtiger als die Rasse sind die Charaktereigenschaften des Tieres. Der Hund sollte gerne mit Kindern zusammen, eher ruhig und geduldig und resistent gegen Stress und Unruhe sein", erklärt Christina Grünig. Die Sonderpädagogin hat lange Zeit mit ihrem Labrador Mogli in einer Förderschule gearbeitet. "Stimmen diese Voraussetzungen, beginnen für Hund und Halter eine intensive, oft mehrere Jahre lange Ausbildung zum Therapie- oder Pädagogik-Begleithund-Team."

Für Luna kommt dieser Schritt noch etwas zu früh. Gerade erst hat sie die "normale" Hundeschulausbildung zum Grundgehorsam beendet. Natürlich ist eine gute Ausbildung nur eine der Voraussetzungen für den vierbeinigen Einsatz im Kindergarten. Es braucht auch die Zustimmung aller Beteiligten.

Hunde für die Kita müssen gut ausgebildet sein

Im Kollegium gab es keine Bedenken gegenüber der neuen vierbeinigen Mitarbeiterin mit der kalten Schnauze. Auch die Eltern waren zu großen Teilen aufgeschlossen. Inzwischen haben selbst die skeptischeren Eltern ihr Einverständnis gegeben, dass ihr Kind Kontakt zum Hund haben darf.

Und die Kinder mussten vermutlich am wenigstens überzeugt werden. Selbst eher ängstliche oder schüchterne Mädchen und Jungen hat Luna mit ihrer angenehmen Art schnell für sich eingenommen. Sie lässt sich gerne streicheln, ist nicht zu stürmisch und bellt höchstens im Rennspiel. Feste Aufgaben hat die Hündin trotzdem noch nicht. Retat spricht lieber von einer Testphase, die jederzeit abgebrochen werden könnte – zum Beispiel, wenn Luna der Trubel und die ganzen Kinder doch irgendwann zu viel werden sollten. Danach sieht es im Moment aber nicht aus.

Klare Regeln sind wichtig, wenn es mit einem Hund im Kindergarten klappen soll

Auf dem Weg durchs Haus ist die Hündin ständige Begleiterin des Kita-Leiters. Nur der Krippenbereich ist mit einem Gitter gesichert und tabu für den Hund. Im restlichen Haus weiß Luna inzwischen ganz genau, wo sie die meisten Streicheleinheiten bekommt oder wo auch mal eine Möhre auf sie wartet. Auch das Toben auf dem Außengelände macht ihr viel Freude. In den Kindern findet sie dort begeisterte Spielgefährten.

Natürlich gibt es klare Regeln: Die Spieleinheiten und alltäglichen Begegnungen finden jeweils nur mit wenigen Kindern statt. Allein mit der Hündin sind die Jungen und Mädchen dabei nie. Retat hat immer einen wachsamen Blick auf seine Luna. Immer ist eine Kollegin dabei, um für die Kinder da zu sein, wenn sie im Kontakt mit der Hündin einmal unsicher werden.

Doch der "hohe" Aufwand lohnt sich, wie der Pädagoge berichtet: "Viele unserer Kinder hatten bisher kaum Kontakt zu Hunden. Entsprechend lehrreich ist der Umgang mit Luna. Sie lernen zum Bespiel, ihnen verantwortungs- und respektvoll zu begegnen und ihre Körpersprache besser zu verstehen."

Auch das Interesse der Kinder ist groß. Sie wollen ganz genau wissen, was Luna so frisst, wie gut ihre Nase ist und welche Kunststückchen sie kann. Dazu kommt eine emotionale Komponente: Hunde wie Luna werden für Kinder schnell zu tierischen Bezugspersonen, denen Sorgen erzählt werden, die Tränen trocknen und die Ängste abbauen können.

Rückzugsorte sind wichtig – für Kinder UND Hund

Zum respektvollen Umgang gehört aber auch, dass Luna ausreichend Pausen bekommt und nicht permanent von Kindern und Lärm umgeben ist. Außerdem müssen die Kinder klare Grenzen und Regeln im Umgang mit dem Hund lernen – zum Beispiel nicht rumschreien oder am Schwanz ziehen.

"In der Arbeit mit Pädagogik-Begleithunden sagt man trotzdem, dass zwei bis drei pädagogische Einsätze pro Woche das Maximum sind", erklärt Grünig. Außerdem brauche es Rückzugsorte für den Hund. Luna hat dafür das Körbchen im Leitungsbüro. Hier kann sie ungestört schlafen, hier stehen ihre Schalen mit Wasser und Futter. Um seinem Hund auch außerhalb der Kita gerecht zu werden, ist Retat jeden Morgen eine gute Stunde mit seinem Hund unterwegs, das gleiche Programm folgt nach Feierabend.

In der Kita arbeitet der 29-jährige Leiter derzeit gemeinsam mit den Kolleginnen an einem ersten Hundeprojekt für die Vorschüler. Im Mittelpunkt soll neben dem Hund und seiner Lebensweise vor allem der richtige Umgang mit fremden Hunden stehen. Zum Beispiel sollte man nicht jeden Hund streicheln, sondern immer erst mal den Besitzer fragen. Gibt der sein Okay, wird natürlich nicht einfach drauflosgeknuddelt, sondern dem Hund vorsichtig die Gelegenheit zum Beschnüffeln gegeben. Schließlich sind längst nicht alle Hunde so geduldig und lieb wie der Husky-Labrador-Mix.

Wer weiß, vielleicht kommt durch dieses Projekt die eine oder andere Kita-Familie auf den Geschmack und will selbst einen Vierbeiner in die Familie aufnehmen. Und sorgt so zukünftig für noch mehr Bewegung an der frischen Luft – das tut jedem gut.

Autor: Birk Grüling

Wie Kinder mit Hunden umgehen sollten

Ihr wollt mehr wissen? Hier findet ihr die Broschüre vom Verband für das Deutsche Hundewesen über den Umgang von Kindern mit Hunden zum Download. Mit: Rätseln und lustigen Aufgaben.

/kind/kita/12_regeln-kinder-und-hunde.pdf
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